Die Souveräne: Susanna Karawanskij

Vier aus 230

„Oh Gott! Wie verrückt!“ Susanna Karawanskij – schwarzes Haar, schwarzes Kleid, schwarze Pumps – sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen in ihrem Bundestagsbüro, zieht die Augenbrauen hoch und lacht. Dass manche Zeitungen sie zum „neuen, schönen Gesicht des Sozialismus“ und zur Konkurrenz für die Vizevorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Sahra Wagenknecht, hochstilisieren, amüsiert die Linken-Abgeordnete aus Nordsachsen sichtlich.

Zwar ist Karawanskij hübsch – so hübsch, dass die „Bild-Zeitung“ sie sogleich für die „Miss Bundestagswahl“ nominierte. Mit der früheren Wortführerin der „Kommunistischen Plattform“ jedoch hat die 34-Jährige, die dem Reformer-Flügel um Parteivize Dietmar Bartsch nahesteht, eher wenig gemeinsam. Als einer der wenigen Parlamentsneulinge sitzt die Nachwuchspolitikerin im Finanzausschuss, ist Sprecherin ihrer Fraktion für Kommunalfinanzen.

Der Medienwirbel, den Kandidatur und Einzug in den Bundestag vor einem Jahr ausgelöst haben, ist Karawanskij gleichwohl nicht entgangen: Die „Deutsche Welle“ begleitete die Leipzigerin im Wahlkampf, „taz“, „Handelsblatt“ und „Süddeutsche Zeitung“ porträtierten sie als „junge Ostdeutsche“, „Quereinsteigerin“ oder wegen Karawanskijs ukrainischer Wurzeln als „Abgeordnete mit Migrationshintergrund“. „Eine Menge Schubladen“, kommentiert sie amüsiert.

Doch sie weiß, dass die Entscheidung des Landesverbandes Sachsen, sie noch vor solch prominenten Mitgliedern wie Caren Lay und Sabine Zimmermann auf den sicheren dritten Platz der Landesliste zu wählen, viele verwundert hat. So wie sie selbst: „Das kam super überraschend“, beteuert Karawanskij.

Auf den ersten Blick hat die Politik- und Kulturwissenschaftlerin mit dem Einzug in den Bundestag 2013 eine Blitzkarriere hingelegt: Erst 2008 trat sie in die Linke ein, übernahm 2009 die Geschäftsführung der Kreistagsfraktion Nordsachsen, wurde 2012 zur Vorsitzenden des Kreisverbands Nordwestsachsen gewählt. Bis zu ihrem Wechsel in die Politik arbeitete Karawanskij an der Universität Leipzig in verschiedenen Forschungsprojekten unter anderem zu rechtem Gedankengut bei Jugendlichen, schrieb mit „Push-up und Chutor“ ein Essay über die ukrainische Frau und liebäugelte mit einer wissenschaftlichen Laufbahn.

Keine Schonfrist

Dennoch kommt Karawanskijs steiler Aufstieg nicht von ungefähr: Beobachter attes­tieren ihr, „fleißig und sehr zielstrebig“ an ihrer Karriere gebastelt zu haben. „Der Bundestag war ihr Traum.“ Sie gilt als klug, fachlich versiert und rhetorisch begabt. „Was sie sagt, hat Hand und Fuß – und man hört ihr einfach zu“, heißt es im Wahlkreis. Zudem ist die Tochter einer Lehrerin und eines Geologen im sächsischen Landesverband gut vernetzt: Seit 2009 gehört sie dem Landesvorstand an, mit dem Vize-Vorsitzenden Stefan Hartmann ist Karawanskij verheiratet.

Vor allem aber traut man ihr zu, dass es ihr mit ihrem Charme gelingt, mehr junge Menschen für die Linke zu begeis­tern. Das ist dringend nötig, denn die Mitgliederschaft der PDS-Nachfolgepartei schrumpft und altert. Auf das Prädikat „Nachwuchshoffnung“ gibt Karawanskij dennoch nicht viel: „Jüngere Abgeordnete sind immer Hoffnungsträger“, bemerkt sie nüchtern. Sie selbst ist vor allem froh, sich nach einem Jahr Bundestag in ihre Themen eingearbeitet und wieder „Boden unter den Füßen“ zu haben.

Doch Karawanskij weiß auch, dass sie als Vertreterin der sogenannten dritten Generation Ost – also all jener, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden – für einen Wandel in der Partei steht: „Pragmatisch und ergebnisoffen diskutierend“ statt ideologisch und dogmatisch. „Wir geben nicht vor, wir hätten für alles ein Patentrezept“, sagt Karawanskij. Sie wolle vermitteln, das Politik auch „Spaß machen kann“. Und auch wenn die Mitgliedschaft im Finanzausschuss nicht gerade in dem Ruf steht, vergnügungssteuerpflichtig zu sein – Karawanskij hat ihn sich bewusst ausgesucht: „Das passte gut. Mit dem Thema Kommunalfinanzen hatte ich einen Anknüpfungspunkt zu meiner bisherigen Arbeit.“

Auch dass das Gremium trotz weiblicher Vorsitzenden, der SPD-Abgeordneten Ingrid Arndt-Brauer, als klassische Männerdomäne gilt, schreckt sie nicht. Die Jungpolitikerin ist zudem eine der ganz wenigen Neuen im Ausschuss. Eine Schonfrist gab es nicht: „Sie musste sehr schnell ihre Frau stehen und sich in viele Themen einarbeiten“, sagt der erfahrene Finanzexperte der Linken, Axel Troost. Wie Karawanskij ist er über die sächsische Landesliste eingezogen und hat die Genossin als Mentor unter seine Fittiche genommen. „Sie macht das souverän, trotz der Arroganz, die ihr von manchen älteren Männern im Ausschuss entgegenschlägt.“

Wie souverän, zeigt ihre letzte Ple­narrede: Trotz etlicher Zwischenrufe ließ sich Karawanskij nicht aus dem Konzept bringen, warf der Koalition vor, mit ihrer Reform der Lebensversicherung „vor der Versicherungslobby eingeknickt“ zu sein. „Mir klopfte das Herz bis zum Hals“, sagt sie entwaffnend ehrlich. Angemerkt hat man es ihr nicht.

 

Lesen Sie auch Teil eins, zwei und vier unserer Porträtreihe über Nina Warken (CDU), Irene Mihalic (Bündnis 90/Die Grünen) und Nina Scheer (SPD).

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Frauen und Macht. Das Heft können Sie hier bestellen.