Die Konsens-Kanzlerin

Medien

Wenn der frühere Leiter des Hauptstadtbüros des „Spiegel“ ein Buch über „Merkel, die Deutschen und das Ende der Politik“ – so der Untertitel – schreibt, darf man gespannt sein. Und Dirk Kurbjuweit macht gleich zu Beginn seines Buches „Alternativlos“ klar, dass es sich nicht in die Reihe langatmiger politischer Analysen und platter Erklärungen des Phänomens Merkel einreihen will. Stattdessen verspricht er einen hintergründigen Polit-Essay, gespickt mit historisch-politischen Rückblicken, persönlichen Erlebnissen zwischen Alt-Bonn und Neu-Berlin sowie einer Distanz wahrenden Analyse der „Lieblingskanzlerin der Deutschen“. Und das ist ihm gelungen.

Wohltuend präzise, unaufgeregt und glaubwürdig sind die Beobachtungen des bekennenden Demokratie-Fans Kurbjuweit. Er schafft es, entscheidende Fragen zu stellen, die immer mehr Menschen innerhalb und außerhalb der politischen Sphäre beschäftigen: Wohin entwickelt sich unser politisches System? Welchen Einfluss haben Politiker im sich stetig drehenden Medienkarussell überhaupt noch und welche Rolle spielen dabei Werte, Strategien und mediale Inszenierungen?

Auch für Politikferne bietet das Buch einen wichtigen Mehrwert: Es erklärt den komplexen Politikkosmos, zeigt anhand vieler Akteure wichtige innen- und außenpolitische Entwicklungen auf und macht dabei weder vor großen Namen wie Cäsar oder Adenauer noch vor charmant-persönlichen Erlebnissen wie abendlichen Begegnungen mit Joschka Fischer oder Sitzungsbeobachtungen mit Ursula von der Leyen Halt.

Natürlich steht oft die Kanzlerin im Mittelpunkt von Kurbjuweits kritischer Analyse. Ob die Suche nach den Gründen ihres Aufstiegs und hohen Ansehens in der „Konsens- und Schonungsnation Deutschland“ mit der Buchlektüre als abgeschlossen betrachtet werden kann, bleibt jedem Leser selbst überlassen. Auch, ob Merkel tatsächlich ihre Macht so wenig aktiv ausspielt, wie Kurbjuweit glaubt.

Was allerdings zur Diskussion anregt, ist die Frage nach der notwendigen Reaktivierung der deutschen Demokratie. Kurb­juweits persönlicher Zwölf-Punkte-Plan zur Neugestaltung der Demokratie ist weder politisch einseitig gefärbt noch politisch undenkbar. Im Gegenteil: Er zeigt Wege auf, wie sich unsere Demokratie ändern kann. Wichtig ist dabei, dass er alle mit einbezieht: Politiker, Journalisten, Bürger, Berater, Vertreter der Zivilgesellschaft. Alle sind aufgefordert, sich zu beteiligen.

Der streitbare Dialog aller ist das Herzstück von Kurbjuweits Denken. Damit liefert der Autor wichtigen Input zu einer Diskussion, die in Deutschland viel zu lange, viel zu flach und von viel zu wenigen geführt wurde. Und diese Diskussion ist wie der Buchtitel selbst: Alternativlos!

Dirk Kurbjuweit: Alternativlos – Merkel, die Deutschen und das Ende der Politik, Carl Hanser Verlag, München, 2014, 288 Seiten

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Frauen und Macht. Das Heft können Sie hier bestellen.