Was man von großen Rednern der Zeitgeschichte lernen kann

Politik

Wenn es um politische Reden geht, die im Gedächtnis haften geblieben sind, die vielleicht sogar politisch wirkungsmächtig wurden, fällt vielen Deutschen als erstes Barack Obama ein. Und natürlich John F. Kennedy. Wie aber steht es um politische Rhetorik auf Deutsch? Gibt es Reden, die sich zu Recht ins kollektive Gedächtnis gegraben haben? Die sogar politisch etwas Konkretes bewirkt haben? Und was können Redenschreiber heute noch daraus lernen?

In Deutschland sind Rhetorik und die Kunst der öffentlichen Rede immer noch nicht so angesehen wie in englischsprachigen Ländern oder Frankreich. Aber ihre Bedeutung und Wirkungsmacht war dennoch immer da. Gute Reden erzielen Wirkung. In manchen Fällen machen sie sogar Politik. Kurze Sätze. Klare Botschaften. Ein guter Aufbau. Ein wohlgesetzter Satz, eine Catchphrase, die man nicht so schnell wieder vergisst. All das gibt es auch auf Deutsch.  

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Ausruf von Ernst Reuter? Es ist ein kurzer Satz mit kurzen Wörtern, der sich festsetzt im Gedächtnis. Der Satz ist eine Aufforderung mit hörbarem Ausrufezeichen und voller Emphase. Man kann gar nicht anders, als ihn dramatisch zu sprechen. Vier Sekunden, die ikonisch geworden sind. Unzählige Male wurde er in Dokumentationen, in Popsongs, Radio-Jingles und selbst in der Werbung verwendet.

Interessant für Redenschreiber ist: Ernst Reuter hat den Satz so gar nicht gesagt. Es waren zwei Sätze. Und sie waren länger. Er sagte: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“

Wie eine Rede politische Wirkung entfaltet

Reuter hielt seine Rede vor 69 Jahren, im September 1948. Es war eine riesige Kundgebung. Die Russen hatten zuvor die drei Westsektoren Berlins von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Reuter war kurz vorher zum Bürgermeister von ganz Berlin gewählt worden, musste aber nach der Wahl in den amerikanischen Sektor fliehen. Nach seinem berühmten Appell folgt noch eine weitere Passage. Sie ist es, mit der Ernst Reuter politische Wirkung entfaltet:

„Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht und helft uns in der Zeit, die vor uns steht, nicht nur mit dem Dröhnen eurer Flugzeuge, nicht nur mit den Transportmöglichkeiten, die ihr hierherschafft, sondern mit dem standhaften und unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale […]. Völker der Welt, schaut auf Berlin! Und Volk von Berlin, sei dessen gewiss, diesen Kampf, den wollen, diesen Kampf, den werden wir gewinnen!“

General Lucius D. Clay, der Chef der US-Truppen in Berlin, war danach überzeugt davon, dass die Westberliner genügend Kraft aufbringen würden, die Entbehrungen einer Notversorgung auch im Winter durchzustehen. Und Präsident Harry Truman dämmerte es, dass die USA ihre Rolle als „Leader Of The Free World“ an den Nagel hängen können, wenn sie Reuter und die Berliner im Regen stehen lassen.

Reuter hatte mit Worten Politik gemacht. Im Berliner Abgeordnetenhaus sagte er später: „Die Aufhebung der Blockade ist einer der größten Erfolge, den die freie Welt in der letzten Zeit errungen hat. Wir haben gezeigt, dass dieses Zurückdrängen (nämlich der kommunistischen Aggression) tatsächlich möglich ist. Und dass es tatsächlich möglich ist, seine eigene Freiheit mit geistigen Mitteln, mit geistiger fester Entschlossenheit zu behaupten.“

Ernst Reuter war ein authentischer Redner. Er meinte das, was er sagte. Deshalb wussten die Berliner, dass Reuter im besten Sinne „ihr Mann“ war. Er drückte das aus, was Millionen von Berlinern sowie Millionen von Ostdeutschen dachten, fühlten und erlitten. Nicht zu Unrecht symbolisiert seine Rede seither den Durchhalte­willen Westberlins.

1985 war es Richard von Weizsäcker, der Politik machte. „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, das sagte er auf einer Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestags zum 40. Jahrestag des Kriegsendes. Seit einem Jahr war er damals Bundes­präsident. Er skizzierte in seiner Rede, wie Deutschland mit diesem Tag umgehen würde. Bis heute. Er sagte: „Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Von Weizsäcker, weltgewandt und elegant im Auftreten, machte rhetorisch alles richtig. Er hatte einen glänzenden Vortragsstil und traf den richtigen Ton. Und er stellte an den Schluss dieser bewegenden Totenrede einen nachdenklichen Appell, der ihn selbst und seine Familie einbezog: „Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge“ Doch alles das ist nicht der alleinige Grund für die Wirkmächtigkeit seiner Rede. Es ist ihr zeithistorisches Framing.

Eine richtige Botschaft im falschen Moment

Bereits Bundeskanzler Helmut Kohl hatte, was das historische Erinnern anging, neue Maßstäbe gesetzt. Kohl hatte Ende Februar 1985 im Parlament gesagt: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung. Nicht allen aber verhieß er, wie es sich rasch erwies, neue Freiheit.“ Kohl wiederholte diese Aussage bei einem Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen­-Belsen am 21. April. Mit anderen Worten: Von Weizsäcker wiederholte am 8. Mai lediglich das, was der Regierungschef vor ihm bereits zweimal deutlich und genauso gesagt hatte.

Allerdings besuchte Helmut Kohl zusammen mit US-Präsident Ronald Reagan den Soldatenfriedhof Bitburg, auf dem auch 49 Soldaten der Waffen­-SS begraben waren. Die heftig geführte Bitburg-Debatte entbrannte und Kohl war plötzlich der falsche Absender für einen geschichtspolitischen Meilen­stein.

Die Rede Richard von Weiz­säckers drei Tage später wirkte auf einmal wie eine Distanzierung, wie ein Geraderücken von Kohls Besuch in Bitburg.

Einer seiner Vorgänger im Amt des Bundespräsidenten, Walter Scheel, hatte genau zehn Jahre vorher bereits fast wortgleich dasselbe wie von Weizsäcker gesagt. Scheels Rede war 1975 sogar vom selben Ghost­writer, dem Goethe-Kenner und Puschkin­-Übersetzer Michael Engelhard, geschrieben worden – und sie war ebenso gut wie die Rede von Weizsäckers. Aber der historische Moment war ein anderer. Auch war Scheel ein Liberaler. Dass er so etwas sagte, war nicht überraschend. Richard von Weizsäcker aber war ein Konservativer aus historisch belasteter Familie, der für Deutschland der Wahrheit auf würdevolle Weise Ausdruck verlieh.
Fazit: Stil, Inhalt und ein Gefühl für den richtigen Augenblick gehören zusammen.

Tipps für ­Politiker und ihre Reden­schreiber und ­Berater:

Die Basics: kurze Sätze, Indikativ statt Konjunktiv, kein Fachjargon, Verben statt Substantive. Hinzu kommt die Vorbereitung auf die konkrete Situation des Vortrags, den Ort und seine Begebenheiten, das Publikum: Vor wem spricht man eigentlich? Wie ist die Erwartungshaltung des Publikums? Sein Vorwissen, seine Vorurteile? Und: Sprechen vor oder nach einem selbst weitere Redner?

Interessant wird es, wenn es um mehr geht als das Brot-und-Butter-Geschäft. Wenn man eine entscheidende Botschaft platzieren oder einer neuen Sichtweise zum Durchbruch verhelfen möchte. Dann wird es grundsätzlich:

  • Ist man die oder der Richtige für diese Botschaft? Ist es der richtige Zeitpunkt? Der richtige Ort? Gibt es Stichwort­geber, an die man anknüpft?
  •  Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie die diskursive Gemengelage in jener Teilöffentlichkeit gerade aussieht, an die man sich wendet. Fährt man mächtigen Kontrahenten in die Parade, sprich: Greift man das Narrativ anderer an? Vielleicht sogar unbewusst?
  • Es sollte klar sein, dass eine Rede sowohl zum Handeln als auch zur Haltung des Sprechers passen muss. Der Stern eines „Man-müsste-mal“-Experten sinkt schnell. Darüber hinaus gilt: Reden müssen zwingend als integraler Bestandteil einer Gesamtkommunikation behandelt werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 120 – Thema: Die ersten 100 Tage nach der Bundestagswahl. Das Heft können Sie hier bestellen.