Warum der "Rasse"-Begriff nicht ins Grundgesetz gehört

Politik

Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetztes lautet: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Soweit so gut. Oder vielleicht doch nicht? 

Mitte Juni ist ein Streit darüber entbrannt, ob der Begriff „Rasse“ in eben jenem Grundgesetz stehen bleiben kann. Die Forderungen reichen von alternativen Formulierungen bis zur ersatzlosen Streichung des Begriffs. 

Hintergrund der Debatte ist die auch hierzulande geführte Diskussion um strukturelle Diskriminierung von Menschen mit dunklerer Hautfarbe. Ihren Anfang nahm sie in den USA nach dem Tod des Afro-Amerikaners George Floyd im Rahmen einer Festnahme durch einen weißen Polizisten.

Trotz dieses sehr konkreten Hintergrunds ist der Streit für manche die erste Sommerloch-Diskussion. Anstatt sich über Symbolpolitik zu profilieren, wolle man selbst lieber gegen den eigentlichen Missstand vorgehen. Denn: Ein Wort zu streichen oder es durch ein anderes zu ersetzen, ändere nichts an der grundlegenden Problematik.

Überflüssige Debatte?

Andere sehen sich gar mal wieder zu Unrecht von der „Sprachpolizei“ verfolgt. Die aktuelle Diskussion ist für sie nur ein weiteres Zeichen dafür, dass der offene gesellschaftliche Diskurs unter dem Druck politischer Korrektheit zum Erliegen kommt. 

Für beide genannten Gruppen ist die Debatte also überflüssig oder sogar schädlich. Für die Befürworter der Grundgesetzänderung ist sie hingegen grundsätzlicher Natur und längst überfällig. 

Dabei betonten diese Befürworter zweierlei. Zum einen sei der Begriff der „Rasse“ schlicht und ergreifend falsch. Es gebe keine menschlichen Rassen, sage die Biologie. Deshalb habe der Begriff auch nichts im Grundgesetz zu suchen. So naturwissenschaftlich, so einfach. Doch das ist nicht alles, denn viel wichtiger noch ist der zweite Teil der Begründung. Das Wort „Rasse“ sei nicht neutral – wie überhaupt kaum ein Wort in unserer oder jeder anderen Sprache der Welt.

Sprache erzeugt Bilder

Und damit haben sie absolut Recht. Sprache erzeugt Bilder, das ist unbestritten. Der Klassiker: Denken Sie jetzt nicht an einen rosa Elefanten. Was sehen Sie in Ihrem Kopf? Genau. Die Verbindung zwischen dem geschriebenen Wort und dem Bild in unseren Gedanken, das erzeugt wird, ist hier offensichtlich. Wir sind uns der Manipulation in diesem Augenblick auch sehr bewusst. Und: Das Bild des rosa Elefanten ist harmlos. Es verleitet uns höchstens zum Kauf eines eher geschmacklosen Geschenks für den nächsten Kindergeburtstag. Doch Sprache kann noch deutlich mehr – und das häufig unbemerkt und mit nicht ganz so harmlosen Effekten.

Formulierungen können unterschiedliche Emotionen auslösen. Wenn der deutsche Bundesfinanzminister davon spricht, die Bazooka herauszuholen, um Deutschlands Wirtschaft zu retten, dann tut er dies nicht, weil er uns zum Waffenkauf animieren möchte. Er will Emotionen und Reaktionen bei uns wecken. Wenn die Bundesregierung die Waffen herausholt, dann sind wir im Krieg – und das erzeugt Angst, aber auch das Gefühl von Zusammenhalt in Anbetracht eines gemeinsamen Gegners. Die eine Hälfte von uns sucht Schutz und stellt sich hinter die Regierung. Die andere will kämpfen und stellt sich daneben. Ob man sich nun hinter oder neben die Regierung stellt – man steht zu ihr. 

Sprache macht (un)sichtbar 

Sprache kann darüber hinaus sehr subtil bewerten. Es gibt Arbeitnehmer und Arbeitgeber. In dieser kurzen Feststellung steckt bereits eine Wertung. Es gibt die, die nehmen und die, die geben – und ist Geben nicht so viel seliger als Nehmen?  Würde man von Arbeitnehmern als Leistungserbringern und von Arbeitgebern als Leistungsnehmern sprechen, sähe das schon ganz anders aus. 

Sprache kann sichtbar, aber natürlich auch unsichtbar machen. Wir nehmen an, dass das, was benannt wird, auch existiert. Folglich ist das, was keine Bezeichnung hat, nicht Teil unserer Welt. Denken wir an das deutsche Wort Geschlecht. Es gibt ein Wort, entsprechend muss es sich um ein Merkmal handeln. Im Englischen gibt es hingegen zwei Begriffe, sex und gender. Dass diese zwei Dinge, nämlich sex als biologisches und gender als soziales Geschlecht getrennt zu betrachten sind – weil gegebenenfalls unterschiedlich in der Ausprägung – ist uns erst einmal sprachlich im Deutschen nicht gegeben. Das macht dann aber auch den notwendigen Diskurs darüber wesentlich schwieriger. 

Dass Sprache all dies kann – Bilder erzeugen, bewerten, unsichtbar machen – ist nicht neu. Seit längerer Zeit ist dafür der Begriff des „Framings“ aus den USA nach Deutschland vorgedrungen und hat sich nicht nur in der Wissenschaft und der Kommunikationsbranche, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs etabliert.

Framing

Framing heißt übersetzt Einrahmung und bedeutet im aktuellen Zusammenhang das Einbetten von Sachverhalten oder Themen in bestimmte Deutungsmuster. Diese Muster bestehen aus Assoziationen, die durch die Nennung eines Begriffs oder eines Wortes beim anderen automatisch hervorgerufen werden. 

Durch die Verwendung bestimmter Begriffe oder die Einbettung in bestimmte sprachliche Kontexte werden Assoziationen miteinander verknüpft und Assoziationsmuster entstehen, die sich verstärken, je öfter sie genutzt werden. Sie legen Gedankenbahnen in unserem Kopf an, über die neue Eindrücke zukünftig gelenkt werden. Das alles passiert fast immer, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. 

Vor diesem Hintergrund sollten wir uns einmal näher anschauen, wie es sich mit dem „Rasse“-Begriff verhält. Welche Assoziationsmuster werden aktiviert und in der Folge verstärkt, wenn wir dieses Wort hören? 

„Rasse“ meint nicht die Weißen

An dieser Stelle sei angemerkt: Das hier ist ein persönlicher Meinungsbeitrag. Deshalb erfolgt nun keine wissenschaftliche Analyse, sondern lediglich das Ergebnis einer Selbstreflexion. Wenn ich den Begriff „Rasse“ höre, denke ich zunächst an Folgendes: Tiere. Das macht Sinn, denn im Tierreich ist der Begriff korrekt verortet. Wofür stehen Tiere? Zunächst einmal sind sie keine Menschen. Sie sind (zumeist) weniger intelligent, agieren auf der Grundlage von Instinkten und Trieben. Sie sind wild und in bestimmten Situationen aggressiv. Sie sind unzivilisiert. Und am Ende finden die meisten Menschen, dass ein Tierleben weniger wert ist als ein Menschenleben.

Andere mögen bei dem Begriff direkt an seine historische Dimension und die menschenverachtende Rassenlehre der Nationalsozialisten denken. Dies sind aber sicherlich nicht alle und selbst dann wird hierdurch die von den Nazis gemachte Unterscheidung fortgetragen und in gewisser Weise zementiert.  

Gehen wir nun aber wieder einen Schritt zurück. Als das Wort „Rasse“ in das Grundgesetz eingefügt wurde, nahm es die unter der Nazi-Herrschaft verfolgten Bevölkerungsgruppen in den Fokus. Heutzutage tritt vor allem die Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe in den Vordergrund. Das bezieht sich theoretisch erst einmal auf alle Hautfarben, auch auf die weiße. In der Praxis jedoch ist uns allen klar, dass damit nicht die Masse der weißen Menschen gemeint ist, denn diese werden in Deutschland und weltweit eher selten aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert. Es geht um Menschen mit dunklerer Hautfarbe und genau an diese denken wir, wenn wir heute den Satz im Grundgesetz lesen. Auch das gehört in mein Deutungsmuster für den Begriff, der stets auch vom Kontext bestimmt wird. 

Kritisch hinterfragen

Addieren wir nun beide Assoziationen, wird deutlich, wo die Reise hingeht. Und genau deshalb ist es so wichtig, Sprache stets zu reflektieren – nicht nur in besonderen Situationen, sondern auch im Alltag. Man kann Begriffe und Formulierungen auf diese Art enttarnen und damit auch die Muster, die sie in uns auslösen. Aber sind wir immer so wachsam? Ich bezweifle es. 

Deshalb ist es richtig und wichtig, Formulierungen zu entfernen, die menschenverachtende Assoziationsmuster hervorrufen und verfestigen. Dazu gehört auch der Begriff der „Rasse“, wenn er im Zusammenhang mit Menschen genannt wird. 

Doch damit ist es noch nicht getan. Allein an Artikel 3 Absatz 3 unseres Grundgesetzes gäbe es noch einiges kritisch zu hinterfragen: Wo ist zum Beispiel ein Wort darüber, dass niemand wegen seiner sexuellen Identität diskriminiert werden darf? Übrigens wird hier aus guten Gründen der Begriff Identität und nicht der geläufigere der Orientierung verwendet – denn bei zweitem wird unterstellt, sie wäre bewusst gewählt. Wir sehen, es gibt viel zu tun für unseren Gesetzgeber. 

Gleichzeitig entbinden uns Änderungen des Gesetzgebers nicht von der Aufgabe, jeden Tag kritisch zu hinterfragen, was wir lesen, sehen, hören und was das in uns auslöst. Und umgekehrt sollten wir selbst sehr bewusst mit unserer Sprache und den darin versteckten Botschaften umgehen. Die aktuelle Diskussion weckt auf und sensibilisiert uns. So werden wir hoffentlich alle zu kleinen „Sprachpolizisten“.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 131 – Thema: Politiker auf Social Media. Das Heft können Sie hier bestellen.