Das Machtsystem des Weltwirtschaftsforums

Politik

Auch 2020 reiste im Januar eine bunte Schar zum Treffen des Weltwirtschaftsforums nach Davos. Dieses Mal war es etwas anders: Gründer Klaus Schwab ruft die gut 2.500 Teilnehmer zum 50. Mal in die Schweizer Berge. Der Eliten-Treff besitzt eine ungebrochene Anziehungskraft. Der Ausdruck „bunte Schar“ trifft dabei den Sachverhalt nur halb. Er meint in erster Linie die Zusammensetzung des World Economic Forum (WEF): Vertreten sind alle bedeutenden gesellschaftlichen Gruppen. Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, darunter auch Repräsentanten einiger Nichtregierungsorganisationen, suchen in Davos das Gespräch miteinander. 

In den Inhalten liegen die Teilnehmer auf diesem Hochamt des globalen Establishments dagegen auf einer ähnlichen Linie. Am WEF dominieren die Anhänger der Globalisierung, des Wirtschaftsliberalismus und der Eigenverantwortung mit möglichst geringen staatlichen Eingriffen. Das verwundert nicht, stand am Beginn doch eine Zusammenkunft von Unternehmern und Managern, die 1971 in Davos überlegten, wie man der „amerikanischen Herausforderung“, so der 1967 erschienene Bestseller des Franzosen Jean-Jacques Servan-Schreiber, im Wirtschaftsleben begegnen könne. Entsprechend begann das Forum als „European Management Symposium“.  

Ein Konzept und seine Wirkung

Das Multi-Stakeholder-Konzept mit der gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen bildet seit jeher eine der Leitplanken des Forums. Daneben rückte der junge Professor Schwab die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz früh in das öffentliche Bewusstsein. Schon 1973 erhielt der Club of Rome, der das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ angestoßen hatte, in Davos eine Bühne. Ob gegen Ressourcenverschwendung, gegen Luftverschmutzung oder gegen die Vermüllung der Meere: Das Forum entfaltete auch danach sichtbare Wirkung. Und Schwab erkannte schnell die Anziehungskraft von hochrangigen Politikern. Inzwischen reisen jeweils rund 50 Staats- und Regierungschefs in die Berge. Das WEF ist einzigartig: Keine andere nichtstaatliche Konferenz kommt auch nach 50 Jahren an die Initiative des gebürtigen Deutschen heran. 

Das Weltwirtschaftsforum bietet unterschiedlichsten Akteuren eine Bühne. Dass dazu auch die Vertreter autokratischer Staaten gehören, zählt zu den Konzessionen, die Schwab zugunsten seiner globalen Dialogplattform macht. Zugleich ist das WEF heutzutage eine Ganzjahresveranstaltung mit zahlreichen Regionalkonferenzen; die größte Beachtung findet das „Sommer Davos“ in China. Als anerkannte internationale Organisation für „Public Private Cooperation“ organisiert das Forum darüber hinaus zahlreiche weitere Aktivitäten. Klaus Schwab ist hier ebenfalls in vielfältiger Weise aktiv.

Netzwerker statt Gesellschaftslöwe

Als Person schien der Forumsgründer für diese Rollen nicht prädestiniert. Er ist weder ein Kumpeltyp noch das, was man gerne als „Gesellschaftslöwen“ bezeichnet, und auch kein Mann, der auf Podien die Massen in seinen Bann zieht. Geboren in Ravensburg, spricht er mit schwäbischer Färbung. Daneben lässt der Sitz des WEF nahe Genf ihn und seine ganze Familie neben dem obligatorischen Englisch auch gerne zum Französischen greifen. Wer Schwab trifft, ist beeindruckt von dessen intellektueller Neugier und seinem Faible für moderne Technologien. Im persönlichen Gespräch offenbart der studierte Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler dann seine wahre Gabe, Leute für die von ihm verfolgten Konzepte zu begeistern. Zugleich vermag er neue Trends in einem frühen Stadium aufzuspüren. In der Rolle des überragenden Netzwerkers hilft Schwab sein sehr gutes Gedächtnis. Wer sich ihm über einen „Small Talk“ nähern will, liegt mit Fragen nach seinen sportlichen Aktivitäten vor allem in den Bergen nicht fehl.

Die Zusammensetzung des „Board of Trustees“ als Aufsichtsorgan des Forums spiegelt die Netzwerker-Qualitäten von Schwab wie auch die Bedeutung seiner Organisation wider. Viel Prominenz war und ist dort versammelt, aus deutscher Sicht allen voran Ursula von der Leyen vor ihrer Zeit als EU-Kommissionspräsidentin. Aber auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde, Nestlé-Chef Mark Schneider und Larry Fink, Spitzenmann des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, sind weithin bekannt.

Badges für die Wichtigen der Welt

Bis heute bilden die rund 1.000 Mitgliedsunternehmen das Rückgrat des Weltwirtschaftsforums. Sie stellen das Gros der Teilnehmer, liefern Input und sorgen für den finanziellen Unterbau. Generell gilt: Die Teilnahme am WEF bezieht sich auf Institutionen und nicht auf Personen. Sich als Herr oder Frau Soundso zu bewerben, macht keinen Sinn, außer man ist besonders prominent. Aber im Grunde läuft alles über Einladung. Den Ablauf der Konferenz selbst regelt ein ausgeklügeltes System von Badges. Der weiße Badge ist dabei das höchste der Gefühle. Neben allem anderen dient er seinen Trägern als vermeintlicher Beleg dafür, es unter die wirklich Wichtigen dieser Welt geschafft zu haben. 

Auf den vielen offiziellen Veranstaltungen des World Economic Forum werben Politiker gerne vollmundig um Investitionen in ihrem Land, Konzerne um die Anerkennung als verantwortungsbewusste „Corporate Citizen“. Aber die meisten Anwesenden schätzen noch mehr die informellen Treffen abseits jeder Ad-hoc-Publizität, die am Rande des Forums möglich sind. Verschwörungstheoretiker argwöhnen stets, in Davos würden geheime „Deals“ geschmiedet, von Firmenfusionen bis zu Regierungsvereinbarungen. Das trifft sehr vereinzelt zu, die Regel ist es nicht. Vielmehr geht es um den Beziehungsaufbau und dessen Pflege, woraus sich nach einiger Zeit natürlich mehr ergeben kann. Eine solch hochkarätige Veranstaltung wie das WEF zieht zwangsläufig Scharen von Unternehmensberatern, PR-Experten und anderen Nichtmitgliedern an. Sie müssen sich für Kontakte auf die Hotels außerhalb der offiziellen Konferenzzone beschränken. Wer weiß, wer nach Davos kommt, und gut plant, kann die Woche dennoch mit Gewinn abschließen. 

Die Woge des Populismus rund um die Welt und sehr dominante Politiker haben die Arbeit des Forums jüngst sichtbar erschwert. Der amerikanische Präsident Donald Trump verbreitete bei seinem bisher einzigen Auftritt 2018 als selbsternannter „Cheerleader“ der USA besonders egozentrisch seine Sicht der Welt. Schwab hält sich auch hier zurück. 

Spekulationen um die Nachfolge

Dennoch ist das World Economic Forum bis heute mehr oder weniger die One-Man-Show des Klaus Schwab. Aber er feiert im März 2020 seinen 82. Geburtstag. Beides – sein persönliches Regiment wie sein Alter – legt die Frage nahe: Wie weiter nach Schwab? Gerade zum Jubiläumsanlass wird mit Spannung erwartet, ob der Gründer hierzu eine Andeutung macht. Entsprechende Spekulationen laufen seit Jahren ins Leere. Der Maestro des Welt-Anlasses präsentiert sich körperlich und geistig fit. Im Gegensatz zur Tochter Nicole, die nur eine lose Verbindung zum Forum hält, ist Sohn Olivier nach mehreren anderen Stationen im WEF seit September 2017 Mitglied der Geschäftsführung. Das kann, muss aber nichts bedeuten.

Angesprochen auf seine Nachfolge, zog sich Schwab bisher gerne auf die Aussage zurück, er fühle sich wie ein Künstler und habe noch nie gehört, dass ein wahrer Künstler das Wort Ruhestand kenne. Viele Teilnehmer in Davos teilen die Ansicht, wenn es das Weltwirtschaftsforum nicht gäbe, müsste es erfunden werden. Das ist sicher richtig. Und das Forum ist mehr als eine Plattform. Die dort gelebten Werte des Dialogs und der Toleranz, der globalen Vernetzung, der Gleichberechtigung der Völker und der Geschlechter sowie des vernunftbetonten Diskurses erscheinen heute wichtiger denn je.

Wie komme ich nach Davos?

Die Plätze für Davos sind streng limitiert. Mehr als 3.000 Personen sind in der Sicherheitszone nicht erlaubt, dazu zählt das Personal. Um dem Multi-Stakeholder-Anspruch zu genügen, tummeln sich in Davos nicht nur CEOs, sondern auch Politiker, Wissenschaftler, Medien und NGOs. Jede Gruppe hat ein Kontingent und passendes Team im WEF, das Teilnehmende selektiert. Im Zweifel entscheidet Klaus Schwab. Jenseits des Konferenzzentrums gibt es in Davos diverse Veranstaltungen, ob in Hotels, Cafés oder Pavillons. Wer daran teilnehmen will, braucht eine Einladung und einen „Hotel-Badge“. In diesem Jahr listet das Forum erstmals alle relevanten Events in einem „Affiliate Program“. Egal welchen Badge man hat: Die Nebenkosten sind für alle gleich. Und über die Preise für Zimmer kann man sich zu dieser Zeit nur die Augen reiben.

Medien

Yann Zopf, Director Media Relations & Public Engagement beim WEF (c) Enrique Pardo

Von den 2.500 Teilnehmern vertritt jeder fünfte ein Medium: 500 Journalisten kommen nach Davos, die Hälfte davon freut sich über die Auszeichnung „Media Leader“ und einen weißen Badge mit Zutritt zu allen Bereichen. 20 dieser Badges sind für Deutschland reserviert, sie sind unter den Chefredaktionen heiß umkämpft. Entspannter sieht es beim Sommer-Davos und den Regionalkonferenzen aus. Wer sich als „Reporting Press“ akkreditieren will, kann das für Davos bis Oktober tun. Rund 20 Plätze gibt es für berichterstattende Medien aus Deutschland. Wer nur über Davos berichtet oder anreist und überhaupt nichts schreibt, hat nicht die besten Karten, akkreditiert zu werden. Die Art der Berichterstattung, ob kritisch oder nicht, ist laut Yann Zopf (Foto) aber kein Auswahlkriterium. Er ist Hauptansprechpartner für alle deutschen Medien beim WEF.

Zivilgesellschaft

Silvia Magnoni, Head of Civil Society Communities beim WEF (c) privat

Rund ein Drittel der Teilnehmer in Davos kommt aus der Zivilgesellschaft: NGOs, Initiativen, Gewerkschaften, Kirchen, Wissenschaftler, Aktivisten und „kulturelle Vordenker“. Die meisten Organisationen sind international, viele in Deutschland vertreten, der WWF, Greenpeace oder Transparency International zum Beispiel. Eingeladen wird, wer sich unterjährig beim Forum engagiert; Gelegenheiten gibt es genug, zum Beispiel den Gipfel zu nachhaltiger Entwicklung oder zu „Technology Governance“. Einzelpersonen qualifizieren sich über „spannende Perspektiven und Denkansätze“. Zum 50. Jubiläum sind erstmals auch zehn „jugendliche Entscheidungsträger“ eingeladen. Das WEF will damit den Austausch zwischen den Generationen fördern. Eintritt bezahlt übrigens niemand aus der Zivilgesellschaft, genauso wenig wie Medien und Politik. Das Team leitet Silvia Magnoni (Foto).

Politik

Børge Brende, WEF-Präsident, und Martina Larkin, Head of Europe and Eurasia des WEF (c) (1) World Economic Forum/Benedikt von Loebell (2) Jana Legler

50 Staats- und Regierungschefs erwartet das WEF in Davos. Aus Deutschland ist die Kanzlerin mit einer Handvoll Minister eingeladen, Außen, Wirtschaft und Finanzen gehören traditionell dazu. Jenseits der obersten Staatsrepräsentanten haben die Personen die beste Chance, eingeladen zu werden, die für das Thema relevant sind und sich auch unterjährig beim Forum engagieren. In Davos sind die limitierten Plätze für die Regierungsebene reserviert. Anknüpfungspunkte für andere bieten neben den Regionalkonferenzen (2019 zum Beispiel ein CEO-Roundtable in Berlin) auch die zahlreichen Projekte des Forums, zum Beispiel „Digital Europe“, das auch Bürgermeister adressiert. Geleitet wird das Politikteam von Børge Brende (Foto), dem ehemaligen Außenminister Norwegens, der als Präsident des Forums auch zweitwichtigster Mann beim WEF ist. Europa und Eurasien verantwortet Martina Larkin (Foto), Ansprechpartnerin für deutsche Politik ist Anna Knyazeva.

Wirtschaft

Jeremy Jurgens, Managing Director des WEF (c) teamreporters.ch/Pascal Bitz

Mindestens 60.000 Franken, also rund 55.000 Euro, beträgt der Jahresbeitrag für Unternehmen. Wer in den Elitezirkel der 100 „strategischen Partner“ will (darunter zum Beispiel Deutsche Bank und SAP), zahlt 600.000 Franken im Jahr. Doch es bestehen Wartelisten. Im Gegenzug dürfen die Top-Partner (es gibt noch weitere Kategorien unterhalb) vier Manager nach Davos schicken. Wenn eine Frau dabei ist, steigt die Zahl auf fünf. Die Teilnahme in Davos kostet weitere 27.000 Franken pro Person. Freien Zutritt haben die Partner zu den Regionalmeetings weltweit, auch hier ist das Kontingent begrenzt. Außerdem können und sollen sie sich ganzjährig auf den 18 thematischen Plattformen mit über 180 Projekten engagieren und erhalten Zugang zu den neuesten Inhalten des Forums und einem internationalen Expertennetzwerk. Den Wirtschaftsbereich steuert der US-Amerikaner Jeremy Jurgens (Foto).

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 129 – Thema: Zusammenhalt. Das Heft können Sie hier bestellen.