Das ist jetzt Dein Haus!

Politik

Gestern hab ich den Kollegen Müller­-Maybach getroffen. Im Einstein. 
„Hast Du schon einen Anruf bekommen?“, fragte er, wobei seine linke Augenbraue zuckte.
„Nee“, habe ich geantwortet. „Und Du?“
Er schüttelte den Kopf. Du träumst von Flagge und Stander am Auto, mein Junge, habe ich bei mir gedacht, aber Du wirst keinen Anruf von der Kanzlerin kriegen. Du nicht.
„Abwarten und Tee trinken“, sagte ich stattdessen beruhigend. Er schluckte, nickte, nahm die Schultern zurück und marschierte zu seiner Verabredung. 

Ich bekam den Anruf, über den ich hier nicht berichten will, weil er vertraulich war. Freundlich. Ein kurzes Gespräch. Auf die Schlüsselfrage habe ich geantwortet: „Ja, ich würde Mitglied in Ihrem Kabinett werden. Es ist mir eine Ehre.“ Müller-Maybachs Telefon klingelte nicht, weil ihn weder die Fraktion noch die Parteispitze favorisierten, lediglich einige Onlinedienste, doofe Blätter und verschnarchte Kommentatoren. 

Nach dem Gespräch mit der Kanzlerin habe ich meine Leute zusammengerufen. Es würden sicher Journalisten anrufen und fragen, ob es stimme, dass ich Minister werde. 

Die waren echt aufgekratzt. Haben sich gefreut. Also habe ich angeordnet: „Ihr sagt Folgendes: ‚Dazu kann nur das Kanzleramt eine Erklärung abgeben.‘ Und unter zwei sagt Ihr der Lokal­presse: ‚Ja, es wird wohl so kommen.‘ Kein Komma mehr! Nichts! Sagt das auch dem Wahlkreisbüro! Und jetzt holt mir nacheinander die Fraktionsvorsitzende, den Vorsitzenden meiner Landesgruppe und den Chefredakteur der Lokal­zeitung ans Telefon. Meine Frau rufe ich selber an. Dann will ich einen Organisationsplan des Ministeriums, der zuständige Fraktionsreferent soll antanzen. Gibt’s eine Betriebsgruppe im Minis­terium? Fragt mal nach. Und guckt Euch an, welche Fotos die Medien von mir verwenden. Wenn Ihr meint, die sind nicht mehr 100 Prozent up to date, dann macht sofort ein Shooting aus. Und organisiert mir ein Casting, damit meine Präsenz in der Glotze und überhaupt in der Öffent­lichkeit noch besser wird. Pronto, pronto!“

Ja, so lief das an. Man muss wissen: Ich bin zum zweiten Mal in den Bundestag gewählt worden. War seit meiner Jugend in einer Jugend- und Nachwuchsorganisation, bin dort bis in den Bundes­vorstand aufgestiegen, habe Biologie studiert, wurde in eine Ethikkommission berufen, dann in eine Fachkommission der Bundes­partei. Ich habe geforscht, publiziert, war gefragter Inter­viewpartner, dann wurde ich von Partei­freunden aufgefordert, für den Bundestag zu kandidieren. Die brauchten jemanden aus der Partei mit einer solchen Ausrichtung. Beim ersten Mal bin ich knapp über die Landesliste rein, beim zweiten Mal habe ich den Wahlkreis geholt. 

Illustration: Marcel Franke

Als die Fraktionsvorsitzende in der Sitzung kundtat, dass mich die Bundeskanzlerin der Bundes­präsidentin vorschlagen werde, gab es lauen Beifall. Was anderes hätte mich auch überrascht. Denn ich bin nun mal so etwas wie ein Quereinsteiger. 

Den Wortlaut des Amtseids hatte ich mir genau angeschaut, denn mein fideler Sohn wollte sofort wissen, ob ich die Fassung mit dem religiösen Abschluss wählen würde: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“

„Natürlich tue ich das“, habe ich geantwortet. „Über sowas stolpere ich nicht.“

Mein nachtblauer Dreiteiler war gebügelt und gebürstet, das Oberhemd blütenweiß. Die Schuhe glänzten, meine Frau hatte eine passende, dezente Krawatte ausgesucht. Auch einen Friseur hatte ich aufgesucht, der meine dünner werdenden Haare in Form brachte. So erschien ich bei der Bundespräsidentin. Denn die ernennt die Minister. Dort war aber alles easy. 

Beim Amtseid vor dem kompletten Bundestag und den proppenvollen Tribünen war ich etwas nervös. Einer der Saaldiener neben dem Bundestags­präsidenten hat das auch gemerkt: Hat mich dreist von oben bis unten gemustert und dann gegrinst. 

Am Abend zuvor hatte ich mit meiner Büro­leiterin, dem Fachreferenten der Fraktion für meinen künftigen Geschäftsbereich sowie einem altgedienten Abgeordneten zusammen­gesessen, um zu überlegen, wen und was ich mitbringen müsse, wenn’s ans Regieren geht.

„Du wirst ein über viele Jahre konservativ gesteuertes, zeitweise von der FDP, dann von der SPD geführtes Haus haben. Das ist jetzt Dein Haus!“, sagte der langjährige Abgeordnete.
„Ich habe kein Haus“, antwortete ich etwas unwirsch, „ich wohne zur Miete.“
„Ja, ja, lass Deine Witze jetzt. Du musst das Haus übernehmen! Übernehmen! Parteibücher spielen nicht mehr die Hauptrolle. Auch Spielchen wie die der verschwundenen Dienstposten werden heute fast nicht mehr gespielt.“
„Was meinen Sie damit?“, wollte meine Büro­leiterin wissen. 
„Na ja, als beispielsweise Walter Riester Arbeits­minister wurde, fand er eine Pressestelle vor, aus der die Dienstposten fast alle entschwunden waren, weil bei Versetzungen ins Haus hi­nein die Dienstposten mitgenommen worden waren. Keine Dienstposten, keine einfachen Nachbesetzungen. Das hält einen erst mal auf. Das macht allerdings heute kaum noch jemand“, sagte der Abgeordnete.
„Was meinen Sie, wen ich mitbringen muss?“, fragte ich den Fraktionsreferenten, der schon lange dabei war.
Der schaute den Abgeordneten an, als wolle er fragen: „Willst Du oder soll ich?“ Der nickte nur. 
„Sie brauchen einen beamteten Staats­sekretär, der den Apparat Ministerium führt und auch in gewisser Weise beherrscht. Sie benötigen eine Büroleitung, der Sie vertrauen und die absolut loyal ist. Ihre jetzige Büroleiterin ist perfekt.“ 

Er schaute Beifall heischend in die Runde. Kein Ton. 

„Sie benötigen einen vertrauenswürdigen Persönlichen Referenten, einen Kommunikations­chef mit Wissen und Erfahrung, einen, der außerdem mit allen Tricks vertraut ist. Sie werden auch jemanden für die Bürosachbear­beitung brauchen, dem Sie vertrauen. Den Fahrer würde ich sorgfältig aussuchen, ebenso die Leitung des Referats für Parlaments- und Kabinetts­angelegenheiten. Mit anderen Dingen, zum Beispiel der Besetzung von Beauftragten-­Positionen, können Sie sich Zeit lassen.“
„Und lass Dir niemanden aufschwatzen“, fuhr der Parlamentskollege fort, „jetzt kommen alle möglichen Leute, um Dir jemanden anzudienen.“
„Das hat schon angefangen“, entfuhr es mir. 
„Ach ja!“, sagte mein Kollege. „Lass mich raten: Parteivorsitzender, Generalsekretär oder Fraktions­vorsitzende?“
„Falsch“, antwortete ich. „Es war die Kultus­ministerin meines Landes, die mir ihre Presse­sprecherin ans Herz gelegt hat. Die sei absolute Spitze.“
„Das halte ich für keine gute Idee“, warf meine Büroleiterin ein.
„Kennst Du die?“, wollte ich wissen.
„Nein, aber besser ist jemand, der die Hauptstadtverhältnisse und die Abläufe hier kennt. Wir werden für eine längere Einarbeitung keine Zeit haben.“
„Da hat sie recht“, meinte der Abgeordnete. „Fangen wir mit den einfacheren Aufgaben an.“ Er schaute den Fraktionsreferenten an.
Der sagte: „Am besten bilden Sie einen Leitungs­stab, dem alle in Ihrem Ministerbereich unterstehen. Dazu gehören Presse, Öffentlichkeits­arbeit, Redenschreiben, das Internet­portal Ihres Hauses und alles, was sich darum herumrankt, das Parlamentsreferat und das Referat, das die Beziehungen zu den Ländern und die Kampagnen des Hauses pflegt.“

Er stoppte, seine Hände flatterten ein wenig. „Ich werde mich um die Stelle des Referatsleiters Parlaments- und Kabinettsangelegenheiten bewerben.“ Kein Ton. Nur abwägende Blicke.
„Was ist mit Personalrat und Gleichstellungsbeauftragten?“, wollte ich wissen.
„Wenn Sie es nicht übertreiben mit der Zahl der Neuen, gibt’s auch keinen Ärger.“

Illustration: Marcel Franke

Als ich Tage später mein künftiges Ministerium betrat, zogen die Herren an der Pforte die Mützen. Mit dem Fahrstuhl schwebte ich in den Ministertrakt empor, um dort die bis dato amtierende Ministerin zu treffen; Bussi links, Bussi rechts. Sie wechselt an die Spitze eines großen Verbands. Später geleitete sie mich in den großen Saal des Hauses, zur Vorstellung beim ­Personal.

Die wichtigsten Leute des Ministeriums waren in meinem Kopf aufgeschlagen und dort nun fest verankert. Als Staatssekretär hatte ich einen mir gut bekannten jüngeren Mann gewonnen, der einen Wirtschaftsverband tadellos reorganisiert hatte. Einen Sprecher oder eine Sprecherin suchte ich noch. Vorübergehend sollte diese Funktion der bisherige dritte Sprecher ausfüllen, der meiner Partei angehört und nun aufdrehte wie Lauda auf dem Salzburgring. 

So trat ich vor die Beschäftigten des Ministeriums. Ich sah in neugierige bis misstrauisch-­skeptische Augen. Einige kniffen selbige zusammen. Ich schaute an mir hinab, prüfte, ob ich mich eventuell beim Mittagessen bekleckert hatte. Nichts. Alles bestens. Scheinen eben komische Leute zu sein, dachte ich bei mir. Aber wer ist schon perfekt auf dieser verrückten Welt? 

Am Morgen hatte eine auf Krisenkommunikation spezialisierte Agentur einen Report über meine Risiken vorgelegt, die sich aus meinem bisherigen Leben ergeben könnten. Bis auf ein paar Joints in der Oberstufe hatten sie nichts gefunden. Was Müller-Maybach jetzt wohl macht?, schoss es mir durch den Kopf, als ich ans Rednerpult trat. Tratscht wahrscheinlich im Einstein, jammert über die Ungerechtigkeit des Lebens. Soll er doch. „Meine Damen und Herren“, begann ich, „ich freue mich auf die Arbeit mit Ihnen …“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 122 – Thema: Wie sich das politische Berlin neu aufstellt. Das Heft können Sie hier bestellen.