Eine Umfrage soll ein Thermometer sein. Im Wahlkampf wird sie schnell zum Scheinwerfer. Sie misst nicht nur die Stimmung, sondern entscheidet mit darüber, wer auf der Bühne steht und welches Stück aufgeführt wird.
„Sie misst nicht nur die Stimmung, sondern entscheidet mit darüber, wer auf der Bühne steht und welches Stück aufgeführt wird.“
In Sachsen-Anhalt leuchtet dieser Scheinwerfer seit Monaten auf die AfD. Die neuesten Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen sehen sie bei 41 Prozent, die CDU folgt abgeschlagen mit 23 Prozent. Natürlich ist das ein Stimmungsbild und keine Prognose. Jeder Vierte weiß noch nicht sicher, wen er am Sonntag wählt oder ob er überhaupt wählt.
Kurios ist, dass dieselben Umfragen zeigen, wie viel kleiner der Umfrage-Siegmund ist als der mediale Siegmund. In der Ministerpräsidentenfrage liegt der CDU-Mann Sven Schulze bei 48 Prozent, der AfD-Kandidat Ulrich Siegmund bei 34. Die AfD liegt damit sieben Punkte über ihrem Spitzenkandidaten, Schulze 25 Punkte über seiner Partei. Eine CDU-geführte Landesregierung wünschen sich 50 Prozent, eine AfD-geführte 37.
Siegmund hilft das Scheinwerferlicht. Jede seiner Bewegungen hat Nachrichtenwert. Aus einer Landtagswahl über Schulen, Abwanderung und Kommunalfinanzen ist so ein bundesweiter Testfall geworden. Alle Welt redet über Brandmauern und Machtoptionen. Berichte über den Brandmauerstreit in der Union nur Tage vor der Wahl legen nahe, dass diese Themenwahl auch die Protagonisten ansteckt.
Ich möchte nicht darüber reden, wie kurz oder lang vor Wahlen Umfragen veröffentlicht werden dürfen. Natürlich dürfen sie. Interessanter ist, was Redaktionen und Parteien selbst mit ihnen anstellen.
Die Demoskopen sind sich da uneins. Forsa-Gründer Manfred Güllner bestreitet jeden Einfluss auf das Wahlverhalten, INSA-Chef Hermann Binkert sieht sehr wohl eine Wirkung auf Stimmung und Politik.
Soll also weniger über die AfD berichtet werden? Nein. Wir Journalisten sollten zuerst auf unsere eigene Arbeit schauen – und die Parteien auf ihre. Ich würde mir wünschen: mehr prüfen, weniger aufblasen, länger bei einer Sache bleiben.
„Wir Journalisten sollten zuerst auf unsere eigene Arbeit schauen – und die Parteien auf ihre.“
Was also tun? Oft vollführen Journalisten mit Politikern einen Parforceritt durch die Themen, der notwendig oberflächlich bleiben muss. Susann Reichenbach befragte Siegmund im MDR-Interview dagegen gezielt zu seiner 90er-Jahre-Schwärmerei – aus der sie dann mit gut vorbereiteten Fakten zu Kriminalität und Wirtschaft die Luft herausließ.
Parteien dagegen sollten sich stärker auf konkrete Maßnahmen und Forderungen konzentrieren, als sich mit dem Gegner oder sich selbst zu beschäftigen. Wie das geht, hat die SPD im Bundestagswahlkampf 2021 gezeigt: mit fünf Kernthemen. Seltsam, wie spurlos diese Erfolgsgeschichte an den Strategen der Mitte vorbeigegangen ist.
Ein Messwert darf Orientierung schaffen. Zum Themenplan sollte er deshalb noch lange nicht werden.