Wie Sie bei der Gesundheitsreform ein Wörtchen mitreden

Public Affairs

Wer Bundesgesundheitsministerin Nina Warken bei ihren Auftritten in den letzten Monaten zugehört hat, konnte die Signale nicht überhören: Die kurzfristigen Maßnahmen zur Beitragsstabilisierung sind nur der Anfang. Die eigentliche Agenda heißt Strukturreform – „ohne Denkverbote“.

Die Finanzkommission Gesundheit wird bereits im März erste Vorschläge vorlegen – ein Jahr früher als im Koalitionsvertrag vorgesehen. Das Gesundheitsministerium kündigt weitere Bausteine der Transformation an: die Anpassung der Krankenhausreform, die Reform des Notfall- und Rettungsdienstes und die Einführung eines Primärarztsystems.

Für Public-Affairs-Verantwortliche in Unternehmen, Verbänden und Organisationen des Gesundheitswesens bedeutet das: Wer in den kommenden Wochen nicht aktiv wird, riskiert, von den Ergebnissen der Reformdebatte überrollt zu werden.

Gesundheit!

Glossar
  • Strukturreform: Tiefgreifende Reformen, die Aufbau, Zuständigkeiten und Finanzierungslogik des Systems verändern – nicht nur kurzfristige Spar- oder Stabilitätsmaßnahmen.
  • Primärarztsystem: Versorgungsmodell, bei dem Hausärzte (oder primärärztliche Teams) als erste Anlaufstelle fungieren und Behandlungswege koordinieren.
  • AMNOG: Verfahren zur frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel in Deutschland, das Preisverhandlungen und Erstattungsbedingungen maßgeblich beeinflusst.
  • WIdO: Wissenschaftliches Institut der AOK, das Analysen und Studien u. a. zu Versorgung, Kosten und Qualität im Gesundheitswesen erstellt.
  • Interoperabilität: Fähigkeit verschiedener IT-Systeme, Daten standardisiert auszutauschen und sinnvoll zu nutzen – zentral für eine funktionierende digitale Patientenakte.

Laut Forsa sehen rund 60 Prozent der Bevölkerung die Versorgung als verschlechtert oder bedroht an. Dahinter liegen systemische Ineffizienzen und Preismodelle, die teilweise aus einer anderen Zeit stammen.

Es geht um den Standort Deutschland

Die Dramatik der Entwicklung verdeutlichen aktuelle Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP): Selbst im Basisszenario würde der Beitragssatz bis 2035 auf rund 19,3 Prozent und bis 2050 auf 20,2 Prozent steigen. Nimmt die Ausgabendynamik weiter zu, droht ein Anstieg auf 21,5 Prozent bis 2035 und bis zu 26 Prozent bis 2050.

Die Gesundheitsreform ist längst keine reine Sozialpolitik mehr – sie wird zur Standort- und Wirtschaftspolitik.

Die Gesundheitsreform ist längst keine reine Sozialpolitik mehr – sie wird zur Standort- und Wirtschaftspolitik. Damit rückt sie auf die Agenda von Wirtschaftsverbänden, Industrieunternehmen und Arbeitgebervertretungen. PA-Verantwortliche sollten diese Verbindung aktiv herstellen und Allianzen über die klassischen Gesundheitsakteure hinaus suchen.

Die Debattenlandschaft: Alle Optionen liegen auf dem Tisch

Dass „ohne Denkverbote“ keine leere Formel ist, zeigen die jüngsten Vorstöße aus der Koalition:

  • Praxisgebühr und Zuzahlungen: CDU-Gesundheitspolitiker Albert Stegemann bringt höhere Zuzahlungen und die Rückkehr der Praxisgebühr ins Spiel: „Eine Vollkasko-Mentalität steht im Widerspruch zur Wertschätzung medizinischer Leistungen“.
  • Prävention: CSU-Gesundheitsexperte Stephan Pilsinger sieht durch bessere Prävention ein Einsparpotenzial von zehn bis 20 Milliarden Euro jährlich.
  • Rettungsdienst: SPD-Gesundheitssprecher Christos Pantazis beziffert das Einsparpotenzial bei der Reform des Rettungsdienstes auf bis zu sechs Milliarden Euro pro Jahr.
  • Versicherungsfremde Leistungen: Die beitragsfreie Familienmitversicherung und weitere versicherungsfremde Leistungen kosten laut Berechnungen bis zu 8,1 Milliarden Euro jährlich – in weiter Definition sogar 76,5 Milliarden Euro.
  • AMNOG-Reform: Das WIdO fordert eine Integration einer ökonomischen Bewertungskomponente bei der Arzneimittelbewertung. Mehr Transparenz bei F&E-Kosten wird gefordert.

Die Bandbreite der Vorschläge macht deutlich: Jeder Akteur im Gesundheitswesen muss damit rechnen, dass auch sein Bereich auf den Prüfstand kommt. Defensive Kommunikation im Sinne der Besitzstandswahrung wird wenig Resonanz finden. Gefragt sind smarte eigene Vorschläge und die Bereitschaft, Teil der Lösung zu sein.

Transformationsdruck trifft auf Transformationsmüdigkeit

Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung sind drei Viertel der Bevölkerung überzeugt, dass die gegenseitige Blockadehaltung der Akteure eine Ursache für den Reformstau im Gesundheitswesen ist. TK-Chef Jens Baas spricht von Ineffizienzen mit Einsparpotenzialen von 30 bis 50 Milliarden Euro jährlich.

Während viele Länder in Europa mit digitaler Patientensteuerung Milliarden sparen, füllt Deutschland noch Papier-Formulare aus. Die Folge: Ein verkalktes System, das jährlich teurer und ineffizienter wird.

Die Zahlen verdeutlichen: Die öffentliche Stimmung ist reformfreundlicher als oft angenommen – aber ungeduldig. Wer als Blockierer wahrgenommen wird, verliert an Legitimität. Wer hingegen Lösungen anbietet und Veränderungsbereitschaft signalisiert, kann auf gesellschaftlichen Rückenwind zählen.

Pharmastandort unter Druck

Auch die Pharmaindustrie wird sich auf schwierige Debatten einstellen müssen. Die Arzneimittelausgaben der GKV haben 2024 erneut Rekordniveau erreicht – getrieben vor allem durch patentgeschützte Arzneimittel.

Gleichzeitig steht der Pharmastandort Deutschland vor einem Paradox: Der Markt ist sehr lukrativ für patentgeschützte Präparate, wurde aber im Generikabereich „kaputtgespart“. Bei wichtigen Medikamenten liegt der Versorgungsanteil einzelner Unternehmensgruppen bei über 80 bis 90 Prozent – ein erhebliches Risiko für Lieferengpässe.

Auch bei der klinischen Forschung verliert Deutschland an Boden: War Deutschland im Jahr 2016 mit dem Start von 641 von Pharmafirmen veranlassten klinischen Studien noch weltweite Nummer 2 nach den USA, steht es 2024 mit 541 solchen Studien auf Rang 5 hinter den USA (2.196), China (1.387), Spanien (601) und Australien (556).

Die Pharmaindustrie muss zwei scheinbar widersprüchliche Narrative verbinden: Einerseits die Forderung nach fairen Preisen für Innovation, andererseits die Verantwortung für Versorgungssicherheit und Standortattraktivität. Wer diese Balance in der Kommunikation findet, hat einen strategischen Vorteil.

Digitalisierung als Transformationshebel – und Glaubwürdigkeitstest

Der Abbau redundanter Berichtspflichten und der Aufbau einer einheitlichen digitalen Infrastruktur sind keine optionalen Modernisierungsschritte, sondern wirtschaftliche Notwendigkeiten. Eine funktionierende digitale, interoperable Patientenakte kann nicht nur Kosten im Gesundheitssystem senken, sondern auch die volkswirtschaftliche Produktivität stärken.

Ein Hoffnungsschimmer: Das im Oktober 2025 eröffnete Forschungsdatenzentrum Gesundheit bündelt künftig Gesundheitsdaten aus verschiedenen Quellen und stellt sie pseudonymisiert für die Forschung bereit.

Für Public Affairs gilt hier besonders: Digitalisierung ist ein Thema, bei dem fast alle Akteure Zustimmung signalisieren – aber die Umsetzung stockt. Wer konkrete Digitalisierungserfolge vorweisen kann oder praktikable Lösungen für Interoperabilität und Datenschutz anbietet, positioniert sich als glaubwürdiger Reformpartner.

Fünf strategische Handlungsfelder

Der Reformdruck im Gesundheitswesen wird 2026 steigen. Für PA-Verantwortliche ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder:

  1. Positionen schärfen

„Ohne Denkverbote“ ist eine Einladung – aber auch eine Warnung. Wer nur erklärt, warum bei ihm nicht gespart werden kann, wird als Teil des Problems wahrgenommen. So oder so ist die Zeit der reinen Besitzstandswahrung vorbei.

Konkret: Prüfen Sie bestehende Positionen auf ihre Anschlussfähigkeit an die Reformdebatte. Entwickeln Sie eigene Effizienzvorschläge. Signalisieren Sie Bereitschaft, Teil der Lösung zu sein.

  1. Narrative entwickeln

Zahlen und Fakten allein überzeugen nicht. Erfolgreiche Transformationskommunikation braucht Narrative, die Sinn stiften und Orientierung geben. Warum ist diese Reform notwendig? Wer profitiert? Wie sieht das Zielbild aus?

Konkret: Entwickeln Sie ein überzeugendes Transformationsnarrativ, das über die eigenen Interessen hinausweist und den gesellschaftlichen Nutzen betont.

  1. Stakeholder-Landschaft neu kartieren: Allianzen über Silos hinweg

Die Verbindung von Gesundheits- und Standortpolitik eröffnet neue Koalitionsmöglichkeiten. Wirtschaftsverbände, Arbeitgebervertretungen und Industrieunternehmen werden zu relevanten Partnern in der Gesundheitsdebatte.

Konkret: Aktualisieren Sie das Stakeholder-Mapping. Identifizieren Sie neue Allianzen. Entwickeln Sie gemeinsame Positionen mit unerwarteten Partnern.

  1. Timing nutzen: Das Fenster schließt sich

Die Finanzkommission liefert im März 2026. Die Monate bis dahin sind entscheidend, um als konstruktiver Gesprächspartner wahrgenommen zu werden und Positionen zu platzieren.

Konkret: Werden Sie jetzt aktiv. Unterbreiten Sie Gesprächsangebote an Kommissionsmitglieder und Fachpolitiker. Bieten Sie Positionspapiere und Expertise proaktiv an.

  1. Glaubwürdigkeit aufbauen: Taten vor Worten

In einer reformmüden Öffentlichkeit zählen Taten mehr als Ankündigungen.

Konkret: Kommunizieren Sie eigene Transformationserfolge. Teilen Sie Best Practices. Machen Sie Pilotprojekte und Innovationen sichtbar.

Fazit: Transformation als PA-Kernkompetenz

2026 wird zum Jahr wichtiger Weichenstellungen im Gesundheitswesen. Die Finanzkommission arbeitet, der Pharmadialog ist gestartet, die Digitalisierung wird vorangetrieben – und die Debatte über Praxisgebühr, Prävention und Arzneimittelkosten zeigt, wie grundsätzlich die Diskussion geführt wird.

Für Public-Affairs-Verantwortliche ist das keine Zeit, abzuwarten. Transformationsdruck trifft auf Transformationsmüdigkeit – und genau in dieser Gemengelage entscheidet sich, wer die Veränderung mitgestaltet und wer von ihr überrollt wird.

Zahlen aus dem Artikel
  • Rund 60 % der Bevölkerung sehen die Versorgung als verschlechtert oder bedroht. Quelle: Forsa (im Text genannt)
  • Beitragssatz-Projektion (Basisszenario): bis 2035 rund 19,3 %, bis 2050 20,2 %. Quelle: WIP (im Text genannt)
  • Beitragssatz-Projektion (bei höherer Ausgabendynamik): bis 2035 21,5 %, bis 2050 bis zu 26 %. Quelle: WIP (im Text genannt)
  • Drei Viertel der Bevölkerung sehen gegenseitige Blockadehaltung als Ursache für den Reformstau. Quelle: Bertelsmann-Stiftung (im Text genannt)
  • 30–50 Mrd. Euro jährliches Einsparpotenzial durch Abbau von Ineffizienzen. Quelle: Jens Baas / TK (im Text genannt)
  • 10–20 Mrd. Euro jährliches Einsparpotenzial durch bessere Prävention. Quelle: Stephan Pilsinger (im Text genannt)
  • Bis zu 6 Mrd. Euro jährliches Einsparpotenzial durch Reform des Rettungsdienstes. Quelle: Christos Pantazis (im Text genannt)
  • Bis zu 8,1 Mrd. Euro jährlich (in weiter Definition 76,5 Mrd. Euro) für versicherungsfremde Leistungen. Quelle: „laut Berechnungen“ (im Text genannt)