Wegner ging, bevor er gegangen wurde

Verzicht auf Spitzenkandidatur

Kai Wegner
Foto: Sebastian Christoph Gollnow/picture alliance

Am Ende war der Druck doch zu groß. Kai Wegner tritt nicht mehr als Spitzenkandidat der Berliner CDU an. Am Freitagnachmittag hat der Regierende Bürgermeister seinen Rückzug erklärt; Finanzsenator Stefan Evers (46) soll ins Rennen ums Rote Rathaus gehen.

Die Stimmung in der Hauptstadt-CDU war zuletzt auf dem Tiefpunkt: In Umfragen kam die Partei nur noch auf 17 Prozent, Platz vier. In der Abgeordnetenhauswahl im September drohte ein Debakel. Das Gesicht der Krise war Wegner. Im Rückblick frage ich mich: War er je das Gesicht von etwas anderem?

Wegner war nie ein Zugpferd für die Union, sein Wahlsieg eher Zufall. Wie er es überhaupt an die Spitze von Partei und Regierung schaffte, wirkt mit jedem seiner Fehler rätselhafter. Hier eine (unvollständige) Aufzählung: das Blackout-Krisenmanagement samt verschwiegener Tennisstunde und falscher Telefon-Erzählung, die Fördergeldaffäre in der Kulturverwaltung, der nach 76 Tagen entlassene Digitalstaatssekretär Matthias Hundt, die Debatte um Interessenkonflikte wegen Wegners Beziehung zu Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und zuletzt ein Senatskanzlei-Wagen beim CSD, der 140.000 Euro Steuergeld kosten soll.

„Man musste schon sehr viel Parteidisziplin aufbringen, um darin noch Führungsstärke zu erkennen.“

Man musste schon sehr viel Parteidisziplin aufbringen, um darin noch Führungsstärke zu erkennen. Lange schien es, als wolle kurz vor der Wahl trotzdem niemand den Königsmörder spielen. Am Ende musste niemand: Der miserable Umfragewert und der monatelange Streit über Wegners Blackout-Erzählung erledigten den Rest. Wegner ging, bevor er gegangen wurde.

Parteien haben eigene Gesetzmäßigkeiten

Warum Parteien blasse, teils gar unsympathische Leute auf den Schild heben, frage ich mich schon lange. Natürlich haben Parteien eigene Gesetzmäßigkeiten. Die haben mit dem, was Wähler überzeugt, aber wenig zu tun. Was interessiert es die Leute, wer welche Kreisverbände hinter sich hat, wer wen nicht verärgert, wer lange genug durchgehalten hat, wer wem noch etwas schuldet und wer gerade nicht stört?

Die Beispiele sind Legion. Manchmal verrechnet sich eine Partei mit dem Amtsbonus: So verpuffte die SPD zuletzt mit dem unbeliebten Olaf Scholz. Die Union scheiterte 2021 mit Armin Laschet, weil sie ihre Binnenlogik über den Wählerwillen stellte. Und die Grünen stellten mit Annalena Baerbock und Robert Habeck Kandidaten für die Fankurve auf, die in der Stadionwahl durchfielen.

Andere Länder sind weiter

Das alles ist kein Geheimnis. Dass der Köder dem Fisch schmecken muss und nicht dem Angler, ist eine zuletzt oft bemühte Redewendung. Andere Länder sind da weiter: Dort sucht der Köder den Angler aus. Emmanuel Macron erfand „En Marche“, Sebastian Kurz krempelte die ÖVP um.

„Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Andere Länder sind da weiter: Dort sucht der Köder den Angler aus.“

Sind die etablierten Parteien deshalb am Ende? Ich glaube nicht. Man muss nur schauen, was aus den Alleingängen geworden ist: Macron regiert heute gegen eine zersplitterte Nationalversammlung und Kurz stolperte über die Justiz. Solche Konstrukte lodern hell und brennen schnell ab.

Konstant und zuverlässig

Genau darin liegt die unterschätzte Stärke der Etablierten: Sie sind konstant und zuverlässig, sie überdauern ihr eigenes Personal. Sie müssten diese Stärke nur nutzen und charismatische Köpfe an die Spitze lassen, die Vertrauen und Bekanntheit genießen – der Apparat trägt sie dann mit Wucht ins Ziel.

„Charismatische Köpfe an die Spitze lassen, die Vertrauen und Bekanntheit genießen – der Apparat trägt sie dann mit Wucht ins Ziel.“

Die Berliner CDU hat mit Wegners Rückzug den ersten Schritt getan. Ob Stefan Evers ein glücklicher Griff ist, muss er erst noch beweisen. Es wäre ein Signal, dass die Parteien dazulernen.

Wenn das Schule macht, braucht es auch keine Pistorius-Partei.