Warum Unternehmen Linkedin nutzen sollten, um Abgeordnete zu erreichen

Social Media

Mehr als 30 Reposts in vier Wochen. Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr, teilt fleißig Beiträge. Bis auf wenige Ausnahmen stammen diese von Verbänden, Unternehmen und wirtschaftlichen Akteuren. Hirte unterstützt deren Sichtbarkeit und gibt Einblick in die Themen, für die er sich engagiert. Als Mitglied der CDU/CSU-Fraktion gehört er zur aktivsten Gruppe im Bundestag auf Linkedin.

Das Beispiel Hirte verdeutlicht das Potenzial von Linkedin für die politische Kommunikation. Die Plattform schafft Zugänge in die Politik und macht eigene Positionen sichtbar. Abgeordnete, Kommunikationsverantwortliche und politische Interessenvertreter sollten diese Chance nutzen.

Unsere öffentlichkeitswirksame Kommunikation sucht Multiplikatoren, die politische Kommunikation sucht Entscheider. Beides muss verzahnt werden. Linkedin beherbergt zahlreiche Multiplikatoren und Diskussionspartner. Und die Politik?

Die Politik ist vertreten, war aber schon mal präsenter. 331 der 630 Bundestagsabgeordneten haben ein Linkedin-Profil. Mehr als zwei Drittel davon (209) posten aktiv – mindestens drei Mal in den vergangenen drei Monaten. Im Vergleich zur vorherigen Legislatur sinken die Zahlen leicht.

Tabelle mit Aktivitätsübersicht der Fraktionsmitglieder des 21. Deutschen Bundestages und deren Linked-Profilen.

Vor allem Politiker der Unionsfraktion sind aktiv auf Linkedin. Quelle: Eigene Zählung, Stand: 22. Juli 2025.

Zugang zu Regierungsparteien

Drei Gründe erklären diesen Rückgang. Erstens scheiterten die Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde. FDP-Fraktionsmitglieder waren auf Linkedin verlässliche Dialogpartner und vernetzten sich gern.

Zweitens haben die AfD und die Linke massiv an Sitzen im Parlament gewonnen. Abgeordnete der Linken nutzen das Businessnetzwerk Linkedin weniger, da sie kaum wirtschaftsnah agieren. Die AfD bleibt weitgehend inaktiv – vermutlich bietet die fachliche Tiefe auf Linkedin wenig Raum für populistische Ansichten und polemische Diskussionen.

Drittens schieden viele ehemalige Abgeordnete aus. Neue MdBs bauen ihre Sichtbarkeit auf verschiedenen Plattformen erst auf.

Wichtig ist: Abgeordnete der Regierungsparteien CDU/CSU und SPD nutzen Linkedin aktiv und bleiben erreichbar. Diese niederschwelligen Zugänge ermöglichen schnellen und gezielten Austausch.

Dranbleiben, weitermachen, Zugänge schaffen

Immer mehr Abgeordnete entdecken Linkedin. Neue und bislang inaktive MdBs bauen ihre Darstellungsreichweite aus, legen Profile an oder frischen bestehende auf.

Tortendiagramm zeigt 63,1 % aktive und 36,0 % inaktive Linked-Profile der Fraktionsmitglieder des 21. Deutschen Bundesta...

Über die Hälfte der Fraktionsmitglieder mit Linkedin-Profil bespielen dieses auch aktiv. Quelle: Eigene Zählung, Stand: 22. Juli 2025.

Die Rollen im Bundestag sind vergeben. Abgeordnete kennen ihre Themen der Legislatur und suchen den Austausch mit Unternehmen, Verbänden und NGOs. Sie wollen Expertise zeigen und aufbauen – auch auf Linkedin.

Positionspapiere, politische Botschaften und Pressemitteilungen gehören nicht nur ins Mail-Postfach der Abgeordneten oder aufs parlamentarische Frühstück. Geschäftsführer, Verbandspräsidenten und politische Interessenvertreter können diese Dokumente und Botschaften über ihre Personenprofile optimal teilen.

Die Büromitarbeitenden von mehr als einem Drittel aller Abgeordneten nutzen Linkedin. Das erleichtert, niedrigschwellig Kontakt aufzunehmen und Informationen auszutauschen.

Informationsfluss ist keine Einbahnstraße

Politische Kommunikation auf Linkedin ist ein Geben und Nehmen. Politik, Verwaltung, Kommunikationsverantwortliche und politische Interessenvertreter wechseln zwischen Sender- und Empfängerrolle. Eine typische Sitzungswoche bietet mit Anreise, Abendveranstaltung, Ausschusssitzung und öffentlichkeitswirksamem Termin zahlreiche Anknüpfungspunkte für beide Seiten.

Linkedin-Profile funktionieren als verlängerte Werkbank der Kommunikations- und Politikabteilung. Unternehmens- und Verbandsprofile sind ein Spiegel der Webseite, Profile von Geschäftsführern oder von politischen Interessenvertretern sind Agenda Setter und Thought Leader. Letztere geben den Unternehmensseiten einen persönlichen Touch, vertiefen Themen und spitzen zu.

Für Abgeordnete sind all diese Profile vor allem eins: ein erster Ankerpunkt. Aufbereitete Positionspapiere, Medienzitate, Projektvorstellungen und Stellungnahmen mit persönlicher Note helfen Abgeordneten bei der Wochenvorbereitung. Mitarbeitende aus den Abgeordnetenbüros sparen Zeit bei der Terminvorbereitung.

Tabelle mit Zeitplan für Sitzungen und Austauschmöglichkeiten von Montag bis Freitag.

Gute Austauschmöglichkeiten in einer typischen Sitzungswoche (Schema). Quelle: Der deutsche Bundestag (2018) Fakten: Der Bundestag auf einen Blick S.18, eigene Darstellung.

PR- und PA-Strategien abstimmen

Bei Podiumsdiskussionen oder Ausschusssitzungen recherchieren alle Beteiligten vorab auf Linkedin. Sie identifizieren Standpunkte der Podiumsteilnehmer, Sachverständigen und politischen Akteure. Unsere Profile müssen dafür zuverlässig mit aktuellen Informationen bespielt werden.

Qualität schlägt Quantität. Ein exzellenter Beitrag pro Woche wirkt stärker als drei oberflächliche. Verbände erreichen diese Qualität, indem Kommunikations- und Politikabteilung eng zusammenarbeiten.

Die Politikabteilung liefert Informationen über relevante politische Botschaften und wann sie für wen relevant sind. Die Kommunikationsabteilung bereitet sprachlich auf, greift öffentliche Diskurse auf, bestimmt den Zeitpunkt zum Veröffentlichen und den geeigneten Sender des Statements. Je präsenter und multimedialer das Thema, desto besser die Erfolgschancen, dass die Botschaften Früchte tragen.

Umgekehrt gilt: Die Politik braucht auch eine Bühne. Spricht ein Abgeordneter auf unserem Panel oder bei einer parlamentarischen Veranstaltung, schaffen wir Sichtbarkeit – für unseren politischen Zugang und die Fachexpertise des politischen Akteurs. Die Politik bietet ebenfalls Bühnen, wie Siemtje Möller beweist.

#demnordengehörtdiezukunft

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag legitimiert sich kontinuierlich im Wahlkreis und positioniert sich als Fachexpertin. Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer Oldenburg, Standortbesuch beim Technologiekonzern Thales in Wilhelmshaven, Kickoff Wasserstoffspeicherung bei Storag Etzel – Möller schafft sich Sichtbarkeit und Unternehmensvertreter profitieren. Sie markiert Unternehmen und Geschäftsführer in ihren Beiträgen.

Zwei Personen sitzen auf einer Bühne, während eine von ihnen in ein Mikrofon spricht. Im Hintergrund sind Publikum und G...

Linkedin-Post der SPD-Fraktionsvize Siemtje Möller. Quelle: Screenshot.

Die reagieren teils nicht adäquat auf diesen Ritterschlag. Nur vereinzelt kommentieren die Markierten mit Rückblick, Ausblick oder Anregung. Solche Gelegenheiten dürfen nicht verpuffen. Die Politikabteilung der Unternehmen muss der Kommunikationsabteilung die Tragweite solcher Termine vermitteln.

Möller schafft mit ihrem eigenen Hashtag Wiedererkennungswert: #demnordengehörtdiezukunft. Auffällig ist ihre Dialogbereitschaft. Sie antwortet auf Kommentare von Wirtschaftsvertretern, bietet Austausch an und diskutiert konstruktive Kritik ernsthaft – unterstützt von einem Social-Media-Team, aber mit viel eigenem Einfluss. Möller demonstriert damit Veränderungswillen, öffnet Türen für weitere Wirtschaftsakteure und legt Grundlagen für persönliche Termine. Diese Kommunikation baut Vertrauen auf.

Tiktok ist gut, Linkedin ist besser?

Linkedin funktioniert bessert, wenn alle sich einbringen. Veranstaltungen und Termine mit Abgeordneten sind für die politische Kommunikation pures Gold. Sie machen beide Seiten sichtbar, legitimieren die Arbeit, schaffen inhaltliche und persönliche Zugänge zu relevanten Stakeholdern und erleichtern die Kontaktpflege – eine Winwin-Situation.

Kommunikationsverantwortliche und politische Interessenvertreter müssen ihre Strategien abstimmen, den Dialog auch online suchen und die Zugänge während der Sitzungswochen bestmöglich nutzen.

Möllers Beiträge auf Linkedin unterscheiden sich deutlich von den Posts auf Instagram. Sie wählen eine andere Botschaft, Bildsprache und Tonalität. Instagram zeigt politischen Alltag und persönliche Einblicke im Gleichgewicht. Linkedin konzentriert sich auf Wirtschaftsdialog, die Fülle an zugänglichen Informationen ist groß.

Abgeordnete sollten nicht nur Tiktok bespielen, sondern die fachliche Tiefe von Linkedin nutzen. Der Schlüssel liegt in der zielgruppengerechten Ansprache.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 152 – Thema: Karriere. Das Heft können Sie hier bestellen.