Warum die politische Mitte das Social-Media-Spiel nicht gewinnen kann

Löst Reichweite das Problem?

Porträt des Kommunikationsberaters Maximilian Flügge
Reichweite ist die falsche Währung – Maximilian Flügge in Berlin – Foto: Jens Oellermann

Nach jeder Wahl, aus der die Populisten stark herausgehen, heißt es, die Parteien der politischen Mitte müssten in den sozialen Medien endlich besser werden. Lauter, schneller, gefühliger. Das klingt einleuchtend. Tatsächlich ist es ein gefährlicher Irrtum.

Man kann mittlerweile von einem weit verbreiteten Konsens sprechen: Beobachter und die Politik selbst räumen ein, die Parteien der politischen Mitte haben in den sozialen Medien immer noch den Anschluss verpasst. Die AfD macht es seit Jahren vor. Die rechtspopulistische Partei hat mithilfe der Plattformen ein eigenes Medienökosystem gebaut. Es sorgt zuverlässig für die virale Verbreitung ihrer Botschaften. Also nachziehen? Das ist der größte Irrtum der politischen Kommunikation unserer Tage.

Weit verbreitet ist die Annahme, das Problem liege bei Handwerk und Ressourcen. Als fehlten nur mehr Geld und ein paar junge Leute mit besserem Gespür für den Schnitt. Es liegt jedoch ein strukturelles Defizit vor. Wer es jetzt mit Ressourcen und Handwerk lösen möchte, verschlechtert die Lage im Zweifel noch.

Die Algorithmen der großen Plattformen haben sich ihre Vorlieben ja nicht ausgedacht. Sie haben sie gelernt, und zwar von uns. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis. Der Boulevard lebt seit mehr als hundert Jahren davon, dass Sex and Crime, Wut und Angst die Menschen mehr interessieren als ein Haushaltsentwurf. Neu sind hingegen Präzision und Tempo.

Der Algorithmus misst Intensität

Entscheidend sind die Grenzen des Algorithmus. Er unterscheidet begründete Wut nicht von unbegründeter. In der Politik würde man sagen: den Aufschrei nicht vom Argument. Er misst die Intensität. Eine Rentenreform hat bekanntermaßen keine Intensität. Die Wut auf den Kompromiss der Reform aber immer.

Wer also fordert, die Politik müsse in den sozialen Medien besser werden, fordert damit, ob er es weiß oder nicht, sich der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien zu unterwerfen. Das eigentliche Problem liegt jedoch im Produkt.

„Wer also fordert, die Politik müsse in den sozialen Medien besser werden, fordert damit, ob er es weiß oder nicht, sich der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien zu unterwerfen.“
— Maximilian Flügge

Die Parteien der demokratischen Mitte verkaufen Abwägung und Kompromiss. Sie können gar nicht anders, denn die Welt, die sie regieren, besteht nun einmal aus Abwägung und Kompromiss. Differenzierung ist für sie keine Stilfrage, sondern der Kern des Angebots. Ein Populist hat es leichter. Er hat keinen Koalitionspartner, keinen Haushaltsvorbehalt, kein Verfassungsgericht. Er ist nicht einmal an die Wahrheit gebunden: „alles ist möglich“. Einlösen muss er es nie (jedenfalls, solange er nicht regiert).

Dieser Rückstand ist mit besserem Personal oder mehr Geld nicht aufzuholen. Er liegt in der Sache. Es ist, als spielten zwei Mannschaften Fußball, aber nur eine muss sich an die Regeln halten. Und der Schiedsrichter zählt keine Tore, sondern den Lärm auf den Rängen.

Wer nachzieht, verliert

Folgen Politiker der Mitte der Forderung dennoch, läuft es nach einem vorhersehbaren Schema. Zunächst hängen sie sich an popkulturelle Trends: Tänzchen, Memes, Fotos vom Mittagessen. Das löst in den meisten Fällen Fremdscham aus, auch bei den eigenen Anhängern. Die wenigen, die trotzdem Erfolg haben, sind längst selbst Figuren der Popkultur (Amthor). Ob es ihnen eine einzige Stimme gebracht hat, ist nicht nachgewiesen (Söder). Ist ein Inhalt politisch und trotzdem reichweitenstark, ähneln seine Worte und Bilder schnell dem, was die AfD seit Jahren aufführt. Das Muster: Verkürzung, Empörung, immer ein Stück weiter weg von der Wahrheit. Die geliehene Emotion legitimiert vor allem eines: das Original.

Das ist der Strudel. Jede Runde zieht die Mitte weiter fort vom eigenen Produkt. In den sozialen Medien bleibt sie abgeschlagen, weil das Original immer überzeugender ist. Und sie verliert das Einzige, was sie unterscheidbar macht: den Anspruch, es mit der Wahrheit ernst zu meinen.

Wenn ein Spiel strukturell nicht zu gewinnen ist, folgt daraus nicht automatisch der Rückzug. Es folgt eine andere Erwartung. Die Parteien der politischen Mitte sollten aufhören, ihren Erfolg in der Währung des Populismus zu messen: der Reichweite. Die Währung der Mitte sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Kurs halten ist keine Sturheit.

„Die Währung der Mitte sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit.“
— Maximilian Flügge

Natürlich muss auch die politische Kommunikation in Deutschland besser werden. Regierungen sollten erzählen können, was sie tun und warum. Nur ändert die beste Erzählung nichts an der Logik, gegen die sie antritt. Algorithmen mögen am Verhalten der Nutzer gelernt haben. Zum Geschäftsmodell gemacht haben sie die Betreiber. So, wie die Plattformen heute funktionieren, begünstigen sie Kräfte in unserer Gesellschaft. Diese nagen am Rechtsstaat und beschädigen die liberale Gesellschaft. Die Politik sollte sich deshalb an einen Hebel erinnern, den (noch) kein Populist in der Hand hat. Sie kann die Regeln ändern.