Wenn aktuell von anstehenden Landtagswahlen die Rede ist, denken viele an Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern. Klar – dort steht die AfD kurz davor, an die Macht zu kommen. Darüber droht eine andere Landtagswahl aus dem Blick zu geraten: die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September.
Auch in der Hauptstadt rangiert die AfD in den Umfragen auf den vorderen Plätzen. Die Wahl in Berlin ist aber aus einem anderen Grund richtungsweisend: Hier entscheidet sich, ob sich die Grünen mit ihrer neuen Rolle als Boomer-Partei zufriedengeben. Oder ob sie junge Wähler zurückholen wollen, die sie an die Linkspartei verloren haben. Berlin hat im bundesweiten Vergleich eine sehr junge Demografie: Mit einem Durchschnittsalter von 42,8 Jahren liegt die Stadt auf Platz zwei, nur Hamburg ist mit 42,2 Jahren jünger. Dazu kommt, dass in der Hauptstadt schon 16-Jährige wählen dürfen. Doch die Stimmen der Jungen zählen noch aus einem weiteren Grund: Wer sie hinter sich versammeln kann, gilt als politische Kraft der Zukunft. Eine Erzählung, die gerade für die progressiven Grünen zentral ist. Ihr Kampagnen-Claim zur Berlin-Wahl lautet: „Raus aus dem Rückwärts“.
Platz eins bei den Jungen? Das war mal.
Bei der Bundestagswahl 2021 waren die Grünen unter den 18- bis 24-Jährigen mit 24 Prozent noch stärkste Kraft. Doch die Zeiten haben sich geändert: 2025 kamen sie in dieser Gruppe nur noch auf 11,8 Prozent, stärkste Kraft ist heute die Linke mit 25 Prozent (Infratest dimap). Die schlechte Performance der Grünen bei den Jungen erklärt sich nicht nur aus der Enttäuschung mit der Ampel-Regierung.
Die Linke ist bei den Jungen auch deshalb beliebter als die Grünen, weil sie in den sozialen Medien besser kommuniziert. Eine Studie des Progressiven Zentrums und der Bertelsmann Stiftung zeigt: 74 Prozent der 16- bis 27-Jährigen nehmen politische Informationen über Social Media auf. Klassische Medien wie Zeitung, Fernsehen und Radio nutzen dafür weniger als die Hälfte. Wenn die Grünen in Berlin zeigen wollen, dass sie noch unter Jungwählern punkten können, müssen sie auf Instagram überzeugen.
Die Zeiten, in denen man auf Instagram & Co Reichweite einfach aufbauen konnte, sind vorbei. Im letzten Bundestagswahlkampf gaben die Grünen noch zwischen 2,7 und 4 Millionen Euro für Reichweite aus, mehr als jede andere Partei. Seit Oktober 2025 greift die EU-Verordnung über politische Werbung, kurz TTPA. Sie verbietet politische Anzeigen nicht, verschärft aber die Transparenz- und Targeting-Pflichten so weit, dass Meta und Google politische Werbung in der EU seither komplett eingestellt haben. Wer trotzdem weiter auf Instagram & Co überzeugen will, muss auf Content setzen, der organisch viral geht und so über die eigene Blase hinaus wirkt.
Hier liegt der Hase im Pfeffer. Schaut man sich den Vorwahlkampf des grünen Spitzenkandidaten Werner Graf unter dem Instagram-Profilnamen @grafwer an, scheint es, als hätten die Berliner Grünen die junge Zielgruppe schon aufgegeben – noch bevor die heiße Wahlkampfphase begonnen hat.
Hot Takes sehen anders aus
Die meisten Beiträge sind so zahm wie unentschieden. In der nie enden wollenden Bilderflut des Instagram-Feeds gehen sie unter. Graf tanzt, Graf kommentiert wahllos aktuelle Nachrichten, Graf spricht auf dem CSD in Berlin kurz vor dem Terroranschlag darüber, dass er queere Rechte ins Grundgesetz aufnehmen will. Warum, wie und wozu, erklärt er nicht.
Der einzige rote Faden über die Beiträge hinweg: ein Counter, der die Tage bis zur Abgeordnetenhauswahl runterzählt. Dazu wiederholt der Kandidat in jedem Video einen Satz: „Ich bin Werner und ich möchte dein Bürgermeister werden“. Die Posts erzählen keine Geschichte, sie machen den Kandidaten nicht greifbar. Sie sind weder informativ noch witzig noch kreativ, sondern einfach nur zum Einschlafen.
Ein Beispiel: Einer der letzten Beiträge auf Grafs Kanal verspricht im Thumbnail „Hot Takes“. Im Video isst Graf erst einen Teelöffel scharfer Asia-Sauce und soll dann in 30 Sekunden auf die Hot Takes seiner Gesprächspartnerin reagieren, darunter Aussagen wie:
„Berlin wird jedes Jahr langweiliger“ – Graf: „Aber nicht, wenn ich Bürgermeister werde“
„Die Grünen haben zwar gute Ideen, aber wollen zu viel verbieten“ – Graf: „Aber wir erlauben Cannabis“
„Fünf Jahre Legislaturperiode sind viel zu lang“ – Graf: „Nicht mit mir“.
Die Takes, die dieses Video bietet, sind nicht spicy, sondern fad.
„Die Takes, die dieses Video bietet, sind nicht spicy, sondern fad.“
Die Mutlosigkeit schlägt sich in den Zugriffszahlen der Beiträge nieder: Die letzten drei Posts auf dem Kanal hatten beim Verfassen dieses Artikels rund 9.000, 12.000 und 7.000 Views. Die der linken Spitzenkandidatin Elif Eralp zählen deutlich mehr Zugriffe: 20.000, 13.000 und 14.000. Noch größer wird der Unterschied bei den besten Beiträgen der letzten Tage: Der Top-Post der linken Kandidatin kommt auf über 400.000 Aufrufe, Grafs erfolgreichster Beitrag auf knapp über 60.000.
Erste Hilfe für den Online-Wahlkampf
So wie es aktuell läuft, ist nicht erkennbar, dass Graf und sein Team ehemalige Grünen-Wähler von der Linkspartei zurückholen und die Erstwähler wieder begeistern wollen, die eben noch als Klima-Generation galten. Dafür müssten sie auf originelle Inhalte setzen, die überraschen und den Nutzern einen Mehrwert bringen – selbst wenn dieser zunächst der Unterhaltung dient. Gerade der Hitzesommer 2026 drängt sich auf, um grüne Themen alltagsnah zu erzählen und echte Lösungen zu zeigen.
Dabei wäre es leicht, mehr aus dem Wahlkampf herauszuholen. Bleiben wir bei dem Scharfe-Sauce-Post. Die Idee ist erst mal nicht schlecht: Der Kandidat tut vor laufender Kamera etwas Gewagtes, die Zielgruppe schaut ihm dabei zu. Genauso das Versprechen, man bekomme im Video „Hot Takes“ geliefert. Diese Ankündigung bricht mit dem Vorurteil, Politiker würden es allen recht machen und unangenehme Wahrheiten aussparen.
Doch die Umsetzung ist viel zu zahm. Und „der Plan“, den Graf auf seinen eigenen Wahlplakaten ankündigt („Keine Versprechen. Ein Plan für Berlin.“), ist nicht erkennbar. Auch der Berlin-Bezug fehlt komplett. Dabei schreit das Format nach Currywurst: Warum sitzt Graf im Video nicht an der Bude „Curry & Chili“ an der Osloer Straße? Die verkauft die schärfste Currywurst der Stadt (Slogan: „Hier dürfen Männer noch weinen“). Graf könnte sich stufenweise von der milden Sauce bis zur schärfsten Wurst Berlins durchprobieren (auch vegane Option erhältlich). Die Kulinarik müsste dann allerdings auch zum Inhalt passen – zu echt scharfer Sauce müsste Graf echte Hot Takes raushauen.
Liebevolles Trollen als Ausweg
Formate wie der Hot-Take-Post bieten sich an, um mit der Zielgruppe zu interagieren – nicht zuletzt, um so mehr Reichweite zu generieren und den Kandidaten bekannter zu machen. Kommerzielle Content-Creatoren machen es vor. Immer mehr Influencer nutzen ein einfaches Prinzip, um mehr Menschen zu erreichen: Sie geben ihren Followern die Möglichkeit, sie liebevoll zu trollen. Dafür rufen sie ein messbares Ziel aus, das die Zielgruppe erreichen kann, indem sie mit den Inhalten interagiert.
Konkret heißt das: Sie versprechen ihren Followern, für jedes neue Abo die eigene Wohnung mit einem weiteren Strasssteinchen zu bekleben, bis sie ganz verziert ist. Oder sie kündigen an, für jeden eintausendsten Follower ihren Hund einmal zu streicheln. Andere behaupten vor laufender Kamera, ihr Partner hätte ihnen etwas versprochen: Sie dürften ihren Job kündigen und „Pilates-Prinzessin“ werden, wenn ihr Account bis zum Umzug die 100.000-Follower-Marke knackt.
„Immer mehr Influencer geben ihren Followern die Möglichkeit, sie liebevoll zu trollen.“
Dieses Prinzip lässt sich auf den politischen Kontext übertragen. Das zeigt die US-amerikanische Campaignerin Gabriella Zutrau mit ihrem Account „Diarrhea Parasite“. Auf dem Satire-Account skandalisiert sie die Gesundheitspolitik des amerikanischen Gesundheitsministers RFK Jr., die unter anderem zu einem rapiden Anstieg der Erkrankungen mit dem Darmparasiten Cyclospora in mehreren Bundesstaaten führt. Zutrau hat sich öffentlich zum Ziel gesetzt, damit mehr Follower zu sammeln als der Minister selbst, um so jeden seiner Beiträge erfolgreich zu trollen. Binnen zwei Wochen baute sie so eine Reichweite von über 40.000 Followern auf.
Sprung ins kalte Wasser
Graf und sein Team sollten sich hier etwas abschauen und ähnliche Challenges ausrufen. An der Currybude „Curry & Chili“ könnten sie versprechen, für jeden hundertsten neuen Follower einen Biss Currywurst mit dem nächsten Schärfe-Level zu probieren. Dabei könnte Graf konkret über seinen Plan für Berlin sprechen.
Aber Currywurst essen ist nicht alles im Berliner Wahlkampf. Graf könnte auch auf einen Post des CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers zur Bebauung des Tempelhofer Feldes reagieren. Dafür könnte er seine Follower aufrufen, einen eigenen Beitrag zu teilen: Der fordert, den Volksentscheid gegen die Bebauung anzuerkennen.
Oder noch besser: Er könnte die junge Zielgruppe bei Instagram herausfordern und ihr ein Versprechen geben. Knackt sein Beitrag zum Thema die Marke von 10.000 Likes, springt er öffentlich in die Spree – gegen das Badeverbot von 1925 und für ein Flussbad nach Pariser Vorbild. Inspiration bietet der legendäre „Polar Bear Plunge“ des heutigen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani: Als Kandidat sprang er am Neujahrstag 2025 vor Coney Island mit dem Satz „I’m freezing … your rent as the next mayor of New York City“ ins eiskalte Wasser. Ein definierender Moment seiner Social-First-Kampagne, die ausgehend von Social Media als erstem Kontaktpunkt Hunderttausende New Yorker begeisterte. Die Chili-Challenge oder der Sprung in die Spree sind Ideen, die zu den Plattform-Regeln auf Instagram passen. Sie sind likeable, shareable und saveable – und sie würden ein politisches Projekt konkret machen. Wahlkampf eben.
Raus aus der eigenen Blase
Neben kreativen Ideen wird die Zusammenarbeit mit Content-Creatoren immer wichtiger, um auf Social Media eine junge Zielgruppe für einen Kandidaten zu begeistern. Gerade Influencer, die für gewöhnlich nicht zu politischen Inhalten posten, genießen bei ihren Followern hohe Glaubwürdigkeit, wenn sie sich doch einmal politisch äußern. Wer als Politiker gezielt mit Content-Creatoren zusammenarbeitet, erreicht Menschen jenseits der eigenen Blase.
„Wer als Politiker gezielt mit Content-Creatoren zusammenarbeitet, erreicht Menschen jenseits der eigenen Blase.“
Dafür ist es jedoch wichtig, Influencer nicht nur als Dienstleister zu verstehen, sondern sich mit ihren Themen auseinanderzusetzen und interessiert an sie heranzutreten. Der erste Schritt muss nicht der Anruf bei einer Influencer-Agentur sein, die Kontakte für viel Geld vermittelt. Oft hilft schon der Blick in die eigene Followerschaft. Viele Personen des öffentlichen Lebens folgen Politikern. Wenn sie einen Inhalt liken, ist der einfachste Kontakt eine persönliche Nachricht über die Direct-Message-Funktion.
Wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Influencern aussehen kann, zeigt der britische Premierminister Andy Burnham. Er kam über einen Führungswechsel bei Labour ins Amt, und schon an seinem ersten Tag als Premier ging ein Video mit dem Karriereinfluencer Max Klymenko online. Vor seinen 9,7 Millionen TikTok-Followern versuchte Klymenko – mit Burnham auf einer (Karriere-)Leiter stehend –, den ersten Job des neuen britischen Regierungschefs zu erraten.
Auch der Clip des Vorsitzenden der Green Party of England and Wales, Zack Polanski, auf dem Kanal „SubwayTakes“ zeigt, wie Politiker online jenseits der eigenen Bubble Inhalte setzen können. In der Londoner U-Bahn sitzend fragt Host Kareem Rahma den Politiker: „Was ist dein Take?“ Darauf Polanski: „Politiker sollten die Namen ihrer Sponsoren auf der Kleidung tragen“. Inhalte wie diese unterhalten. Zugleich geben sie Politikern die Möglichkeit, in der medialen Öffentlichkeit Profil aufzubauen und bekannter zu werden.
Nach dem Vorbild von Burnham und Polanski könnte Graf gezielt auf Content-Creatoren zugehen, die nicht für politische Inhalte bekannt sind, denen aber viele junge Berliner folgen: Food-Fluencer, Dog-Fluencer oder Creatoren aus der Millennial-Eltern-Bubble. Mit ihnen könnte er über seinen Plan für Berlin sprechen. Und darüber, was sein Wahlsieg für Hundebesitzer (Stichwort: Parks), Foodies (Stichwort: Restaurantbesitzer) oder Eltern (Spielplätze, Schulen und Kitas) bedeuten würde.
Das Herz der Jungen zurückerobern
Der Vorwahlkampf ist zu Ende, seit Anfang August hängen in der ganzen Stadt Wahlplakate. Jetzt steht die heiße Phase bevor. Wenn die Grünen neue Erstwähler begeistern und ehemalige Grünen-Wähler von der Linkspartei zurückgewinnen wollen, müssen sie den Wahlkampf auf Social Media in den kommenden Wochen ernst nehmen und mit Inhalten und Originalität überzeugen. Wahlkampf muss Spaß machen, im besten Fall ist er ansteckend. Auch wenn die Zeiten bezahlter Parteiwerbung bei Instagram & Co vorbei sind – die Herzen junger Wähler erobert man weiterhin im Netz.