Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September zeigte einen Trend: Die CDU gewann keinen einzigen Wahlkreis direkt. Alle ihre Abgeordneten ziehen über die Landesliste in den Landtag ein. Nicht einmal Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze setzte sich in seinem Wahlkreis durch. 2021 hatte die Partei in Sachsen-Anhalt noch 40 Direktmandate geholt. Zwei Wochen später scheiterte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent sogar an der Fünfprozenthürde und auch Wahlkreise hat die Partei keine geholt. In Berlin gewann die CDU mit 27 Direktmandaten eines weniger als die Linke.
Der Trend reicht über die drei jüngsten Beispiele hinaus. Schon bei der Bundestagswahl 2025 gewann die CDU ihre Wahlkreise fast nur noch im Westen, vor allem im Südwesten. Im Osten setzte sich überwiegend die AfD durch. Übertragen wir die aktuellen Umfragewerte und prognostizierten Verluste auf die einzelnen Wahlkreise, verlöre die CDU bei einer Neuwahl noch einmal rund 70 ihrer 143 bislang direkt gewonnenen Wahlkreise – knapp die Hälfte. Die CSU konnte jahrzehntelang beinahe ausschließlich auf Direktmandate setzen. Selbst für sie ergibt diese Modellrechnung einen Verlust von 10 bis 20 Direktmandaten. Die Methodik ist zwar für den einzelnen Wahlkreis ungenau, spiegelt aber den deutlichen Trend: Die Union verliert substanziell Direktmandate.
Der Listenplatz bindet die Abgeordneten
Das wird die Schwesterparteien grundlegend verändern. Die Union ist seit jeher stark von Mandatsträgern geprägt, die ihre Wahlkreise direkt gewinnen. Im Bundestag gilt der Direkteinzug bisweilen als Qualitätsmerkmal und der Einzug „nur“ über die Liste umgekehrt als Malus. Zudem gilt: Wer seinen Wahlkreis sicher gewinnt, braucht nur den eigenen Kreisverband und kann der Führung einfacher widersprechen. Wer auf einen Listenplatz angewiesen ist, muss sich stärker an Partei- und Fraktionslinie halten, um wieder nominiert zu werden. Je mehr Mandate über die Liste laufen, desto stärker sind die Abgeordneten auf die Parteiführung und ihre überregionalen Strukturen angewiesen.
„Wer seinen Wahlkreis sicher gewinnt, braucht nur den eigenen Kreisverband und kann der Führung einfacher widersprechen.“
Die SPD hat diesen Weg vorgezeichnet. Aus der Volks- ist eine Funktionärspartei geworden. 1998 errang sie 212 ihrer 298 Sitze in den Wahlkreisen, 2025 waren es 44 von 120. Florian Post, der wiederholt gegen die Parteilinie gestimmt und die Parteiführung kritisiert hatte, verpasste 2021 einen aussichtsreichen Listenplatz und schied aus dem Bundestag aus. Umgekehrt hielt sich der Dortmunder Marco Bülow nur über sein Direktmandat. Als Kritiker wurden ihm schlechte Chancen auf einen aussichtsreichen Listenplatz eingeräumt, bis er 2018 aus Partei und Fraktion austrat.
In der Union bislang die Ausnahme
In der Union waren solche Fälle bislang die Ausnahme. Sie blieben meist folgenlos, weil die Betroffenen ihren Wahlkreis sicher hatten. Der hessische Abgeordnete Klaus-Peter Willsch stimmte in der Eurokrise mehrfach gegen die Rettungspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. Nach der Bundestagswahl 2013 verlor er seinen Sitz im Haushaltsausschuss. Die Entscheidung kam nach seiner Darstellung von der Fraktionsspitze. Viel mehr ließ sich ihm nicht nehmen: Willsch zog stets direkt in den Bundestag ein. Inzwischen gehört er wieder dem Haushaltsausschuss an. Im Rentenstreit Ende 2025 hingegen führte Fraktionschef Jens Spahn Einzelgespräche mit den Abweichlern der Jungen Gruppe, teils bei Pizza und Wein bei sich zu Hause. Nach Darstellungen von Teilnehmern drohte er auch mit schlechteren Listenplätzen – was die Fraktionsführung bestritt. Am Ende stand die Mehrheit für das Gesetz.
In Baden-Württemberg, wo im März 2026 erstmals mit Landeslisten gewählt wurde, zeigt sich in diesem Zusammenhang ein ebenfalls interessantes Phänomen. Die Grünen stellen dort mit Cem Özdemir den Ministerpräsidenten, obwohl sie nur 13 der 70 Wahlkreise gewannen. 43 ihrer 56 Abgeordneten ziehen über die Landesliste ein. Die Fraktion, die den Ministerpräsidenten trägt und kontrollieren soll, hat damit zu gut drei Vierteln nicht der Wähler im Wahlkreis bestimmt, sondern die Partei auf ihrem Listenparteitag.
Wie eine Landesliste entsteht
Die Unionsparteien stehen am Anfang derselben Entwicklung wie die SPD. Was bisher Einzelfälle waren, wird mit jedem verlorenen Wahlkreis strukturell. Wer seinen Sitz der Liste verdankt oder bei der nächsten Wahl einen aussichtsreichen Platz erhalten möchte, wird seltener bereit sein, ein Anliegen gegen die Linie der eigenen, CDU-geführten Regierung aufzugreifen und aktiv voranzutreiben. Klassische Argumente wie jenes, ein Vorhaben sichere Arbeitsplätze im Wahlkreis, ziehen auf dem Landesparteitag weit weniger als am Wahlkreisstand.
„Was bisher Einzelfälle waren, wird mit jedem verlorenen Wahlkreis strukturell.“
Bewerber und Reihenfolge wählt eine Mitglieder- oder Vertreterversammlung des Landesverbands in geheimer Abstimmung. Bei einer regulären Bundestagswahl müssen die Parteien ihre Landesliste spätestens 69 Tage vor der Wahl einreichen. In der Praxis wählen sie die Liste drei bis sechs Monate vor der Wahl. Der innerparteiliche Aushandlungsprozess startet oft deutlich früher. Der Vorschlag wird vom Landesvorstand ausgehandelt und geprägt, auf den der Bundesvorstand einwirkt. Daneben verfolgt der Landesverband eigene Interessen: Regionalproporz, Flügel, verdiente Funktionäre. Gegen die abgestimmte Liste anzutreten, gelingt selten.