Von seinem Einzelbüro im sechsten Stock des Axel-Springer-Hochhauses kann Gordon Repinski durch eine Glaswand seine gesamte Redaktion überblicken. Aus seinem etwa zwanzigköpfigen Team ist rund die Hälfte im Büro. Der Rest? In Berlin unterwegs oder im Urlaub, schließlich ist parlamentarische Sommerpause. In den Sitzungswochen, die im September wieder anstehen, dürfte es im Büro der „Politico“- Redaktion jedoch auch nicht voller sein. „Es gehört zu unserem Markenkern, dass wir unterwegs sind“, so der Executive Editor.
In den anderthalb Jahren seit dem Start der Marke Politico in Deutschland hat Repinski gemeinsam mit einem jungen Team bisher sechs Produkte auf den Markt gebracht – angefangen im Februar 2024 mit dem Newsletter „Berlin Playbook“ sowie im Mai mit dem gleichnamigen Podcast. Dabei hat Repinski es geschafft, die anfangs noch starke Abhängigkeit der Marke Politico von seiner Person sukzessive abzubauen und die Produktzuständigkeit zu diversifizieren: Jürgen Klöckner wurde Redaktionsleiter, Hans von der Burchard Head of Newsletter und Rixa Fürsen Head of Podcast. Im September kommt mit dem Pro-Newsletter „Energie & Klima“ übrigens das siebte deutschsprachige Produkt raus.
„Politico“, in Washington und Brüssel seit fast zwei Jahrzehnten marktführend im Politikjournalismus, ist auch in Deutschland bisher eine Wachstumsgeschichte.
Und so ist es nur logisch, dass sich der Blick aus Gordon Repinskis Büro bald verändern wird. Aus dem beengten Redaktionsräumen im „goldenen Turm“ geht es rüber in den Axel-Springer-Neubau, wo auf großer Fläche nicht mehr knapp zwanzig, sondern mehr als vierzig Reporterinnen und Reporter in einer gemeinsamen Redaktion arbeiten werden: Im neu geschaffenen „Kompetenzcenter Politik“ der Premium-Gruppe von Axel Springer, dessen Leitung Repinski künftig übernimmt.
Bereits in der Schaffung der Premium-Gruppe innerhalb des Axel-Springer-Verlags im November 2024 war dieser Aufbau angelegt. In der Premium-Gruppe bündelt Springer seine drei Marken „Welt“, „Politico“ und „Business Insider“. In einer Art horizontaler Parallelstruktur werden zudem die Redaktionen neu geordnet und in besagten Kompetenzcentern (KC) zusammengefasst. Die Welt-Gruppe von Chefredakteur Jan-Philipp Burgard mit dem Sender Welt TV, welt.de und den beiden Print-Erzeugnissen „Welt“ und „Welt am Sonntag“ wird so zum „Kompetenzcenter Bewegtbild und Debatte“. Die Redaktion von „Business Insider“ und die Wirtschaftsredaktion von „Welt“ bilden unter Moritz Seyffarth das „Kompetenzcenter Wirtschaft“. Und Gordon Repinski leitet eben das „Kompetenzcenter Politik“, bestehend aus „seiner“ Politico-Redaktion, ergänzt um das bisherige Ressort Innenpolitik der Welt.
Burgard, Seyffarth und Repinski bilden also das Triumvirat der Springerschen Premium-Gruppe, in der die einzelnen Marken jedoch trotz Verzahnung ihre publizistische Eigenständigkeit erhalten und sich in ihren Produkten auch weiterhin ergänzen sollen. Laut Repinski geht es dabei nicht um eine Vermengung, sondern im Gegenteil um eine Stärkung der einzelnen Marken durch „die Schaffung von Synergien in diesem großen europäischen Verlagshaus“ (siehe Interview). Dass er nun eine der größten reinen Politikredaktionen in Deutschland führen wird, ist für ihn Ansporn, künftig auch die Nummer eins im Politikjournalismus zu sein – wie „Politico“ das schon in Washington und Brüssel sei.
Herr Repinski, was macht aus Ihrer Sicht den Politico-Journalismus aus?
Gordon Repinski: Die Frage, die mir zum Start von Politico in Deutschland am häufigsten gestellt wurde, war: Braucht es noch einen Newsletter? Ich denke, diese Frage haben wir in den letzten eineinhalb Jahren beantwortet, mit unseren drei Unique Selling Points: Wir haben einen strikten Non-Partisan-Journalismus in einer polarisierten Medienwelt etabliert, wir denken mit unseren Standbeinen in Washington und Brüssel den internationalen Rahmen deutscher Politik mit und wir orientieren uns konsequent an unseren Lesern und Zuhörern. Wir haben Respekt, dass sie am Morgen wenig Zeit haben, und liefern daher alles in einer knappen, humorvollen und verständlichen Sprache: Das ist für mich Politico.
Als Executive Editor sind Sie vor anderthalb Jahren quasi bei null gestartet. Wo steht Politico jetzt?
Repinski: Als wir im Januar 2024 gestartet sind, hatte ich ein paar Wochen Zeit, um das Team zusammenzustellen. Dann haben wir in sieben Wochen Vorbereitungszeit wirklich Nachtschicht um Nachtschicht gemacht – ich glaube, nur zwei Mal habe ich vor Mitternacht Feierabend gemacht – und mit einem sehr jungen Team den Playbook-Newsletter entwickelt, das erste deutschsprachige Politico-Produkt. Dabei haben wir uns nicht daran orientiert, was es schon für Newsletter in Deutschland gibt, sondern wir haben das Playbook so gemacht, wie Politico aussehen muss. Das Gleiche gilt für den Podcast. Phasenweise war das wie bei einer Fußballnationalmannschaft, die vor einer WM ins Trainingslager geht, mit dem Ziel, am Ende das Sommermärchen hinzubekommen. Mir sagen noch heute viele aus dem Team, das sei die schönste Zeit gewesen, die sie sich hätten vorstellen können.
Und mit welchem Ergebnis?
Repinski: Heute habe ich das Gefühl, dass der Playbook-Newsletter in Berlin von all jenen gelesen wird, die wir erreichen möchten: Entscheider und solche, die so viel wissen wollen wie Entscheider. Mit dem Playbook-Podcast haben wir dazu die perfekte Ergänzung, der sich an den Bedürfnissen unserer Leser und Hörer orientiert. Es gibt Menschen, die über einen Stoff ein Buch lesen, und diejenigen, die sich lieber den Kinofilm ansehen. Und dann gibt es die Freaks, die beides auf Unterschiede studieren. Genauso verhalten sich Playbook-Newsletter und der Podcast zueinander.
Wie hat sich die Redaktion seitdem entwickelt?
Repinski: Sie wächst innerlich und äußerlich jeden Tag. Es war immer das Ziel, sukzessive mehr Gesichter bekannt zu machen. Nehmen wir den Podcast: Am Anfang war nur ich. Mittlerweile ist Rixa Fürsen Co-Host und mit Hans von der Burchard, Rasmus Buchsteiner, Pauline von Pezold oder Romanus Otte treten Reporter auf, die den Hörern inzwischen vertraut sind. Hans und Rasmus schreiben zudem mittlerweile häufiger Playbook als ich. Und: Es gehört zu unserem Markenkern, dass wir unterwegs sind. Du wirst bei vielen Events in Berlin die meisten Reporter von Politico sehen. Wenn du zur Fraktionssitzung gehst, dann sind wir von Politico immer dort. Und wenn du auf die Bundestag-Tribünen gehst, dann sind wir von Politico am Ende die, die sich noch reinschleichen, wenn eigentlich schon alles voll ist. Wir interessieren uns für das, was auf den Fluren geflüstert wird, und für das, was in Strategiepapieren niedergeschrieben wird und was an Zwischenbemerkungen in den Bundestagsdebatten gesagt wird. Wir lieben einfach die kleinen und großen Storys aus dem Regierungsviertel.
Im September startet der zweite Politico Pro Newsletter, nach „Industrie und Handel“ kommt jetzt „Energie und Klima“. Auch hier ist die Konkurrenz schon auf dem Platz: Tagesspiegel Background, Table.Briefings, SZ Dossier. Ist da noch Raum?
Repinski: Zunächst einmal: Die geschätzten Kollegen machen, was Politico global seit 18 Jahren sehr erfolgreich vormacht. Wir starten zwar jetzt in Deutschland, aber haben seit fast zwei Jahrzehnten vorgemacht, wie man Politikjournalismus gerade über die Vertikalisierung erfolgreich macht. Wir haben natürlich den Vorteil, dass gerade in diesen Fachgebieten die Dinge nicht nur in, sondern zum großen Teil außerhalb von Deutschland entschieden werden. Wenn wir über Handel sprechen, dann recherchieren wir nicht nur in Berlin, sondern vernetzen mit dem Wissen aus Brüssel oder Washington. Wer in Deutschland wissen muss, was passiert, bekommt das von uns – aber mit den Kenntnissen aus aller Welt. Ich glaube nicht, dass ein Profi in seinem Gebiet um Politico herumkommt. Unser Geschäftsmodell hat sich in allen Ländern, in denen wir expandiert sind, als verlässlich erwiesen. Das wird uns in Deutschland auch gelingen. Wir brauchen keine Lichthupe, wir haben die PS.
Wie fügt sich der Politico-Journalismus in die Gesamtstruktur von Axel Springer ein?
Repinski: Der Verlag hat in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, sehr früh Trends zu erkennen, er ist viel früher als andere Medienhäuser ins digitale Geschäft gegangen und hat früh internationalisiert. Politico ist eine konsequente Fortschreibung von Internationalisierung und digitaler Medienführerschaft. Unsere Art von Journalismus fügt sich für mich perfekt ein. Natürlich ist es ein Vorteil, dass ich bei Politico technisch nicht neu erfinden muss, wie ich Newsletter herausgebe. Oder dass bei Axel Springer Strukturen bestehen, in denen ich ein großes Event organisieren kann, zu dem Politikerinnen und Politiker aus dem Kabinett gerne kommen, weil Axel Springer eine so große Reichweite hat.
Jetzt steht bei Axel Springer ein interner Umbruch in der Premium-Gruppe an: die Schaffung des Kompetenz-Centers (KC) Politik. Wie strukturiert sich die Politikberichterstattung zukünftig und was ist Ihre Rolle dabei?
Repinski: Dieser Umbruch ist im Kern schon abgeschlossen, jetzt setzen wir ihn um. Zunächst bin ich Chef von Politico in Deutschland geblieben, habe aber als Leiter des Kompentenzzentrums Politik darüber hinaus auch die Verantwortung für das Ressort Innenpolitik der Welt. Diese beiden Redaktionen wurden unter meiner Leitung zu einer Redaktion zusammengelegt. In dieser Struktur gibt es zwei Mitglieder der Redaktionsleitung, die mich vertreten: Jürgen Klöckner und Claudia Kade.
Was bedeutet dies für die Einzelmarken Welt und Politico im Politikbereich?
Repinski: Beide Marken bleiben bestehen und werden auch weiter getrennt voneinander publizieren. Es geht nicht darum, einen großen Brei zu schaffen, sondern es geht um die bestmögliche Verbreitung unserer Inhalte. Es geht darum, die besten Recherchen möglich zu machen, Wissen zu teilen und durch Teamarbeit die Marken Welt und Politico zu stärken. Wenn sich auf beiden Seiten Politikreporter beispielsweise um die Themen AfD, Innenpolitik oder Verteidigungspolitik kümmern, dann können sie das besser, wenn es strukturiert in einem Team passiert, das sich miteinander abspricht und dann die Inhalte so gestaltet, wie es zu den jeweiligen Marken passt.
Das heißt, wir werden künftig häufiger die Namen von Politico-Journalisten unter Welt-Artikeln sehen und vice versa?
Repinski: Das ist jetzt schon so. Ein Beispiel: Das „200 Sekunden Interview“ im Playbook-Podcast. Jeden Morgen spielen wir ein exklusives Interview aus, das wir nun auch in verschriftlichter Form auf Welt online bringen. Für uns ist es eine zusätzliche Plattform und welt.de freut sich darüber, dass es jeden Morgen ein exklusives Interview gibt. Auch die journalistischen Formen ergänzen sich. Politico macht viel Berichterstattung in den Tag hinein und bereitet vor, was wichtig wird. Oft haben wir dann aber einen Moment, in dem ein Reporter bei einem Parteitag oder einer Pressekonferenz sitzt und sagt: „Hey, das ist natürlich spannend, was jetzt gerade hier passiert.“ Dann hat er künftig die Möglichkeit, ein Feature zu schreiben, das dann bei Welt läuft. Oder ein Welt-Reporter erlebt es umgekehrt, vielleicht mit einer Vorab-Info aus dem Kabinett oder einer Vorstandssitzung. Das ist das für Politico interessant. Die Reporter bleiben dabei trotzdem ihren Marken verbunden: Eine Politico-Reporterin schreibt bei Welt als Politico-Reporterin und umgekehrt.
Mit der Zusammenlegung des jungen Politico-Teams und der teils alteingesessenen Innenpolitik-Redaktion der Welt treffen auch unterschiedliche Kulturen zusammen: von der Arbeitsweise über das Verständnis von Journalismus bis hin zu Persönlichem. Wie werden Sie diesen Culture Clash managen?
Repinski: Es gibt diesen Culture Clash nicht. Die Welt ist eine etablierte Marke, die anderes Wissen, andere Themen und eine andere Historie mitbringt. Genau das bereichert dann Politico. Natürlich ist nicht von Tag eins an jeder Arbeitsablauf perfekt, aber alle haben Lust auf gutes Teamwork. Daraus etwas zu schaffen, bei dem das Ergebnis mehr ist als die Summe der Einzelleistungen, ist einfach eine tolle Aufgabe.
Zukünftig werden Sie – der gelernte Journalist – deutlich mehr Managementaufgaben übernehmen. Wie gehen Sie diese Journalismus-fernen Aufgaben an?
Repinski: In meinen vorherigen Rollen in Chefredaktionen habe ich bereits Teams aufgebaut, fusioniert und wachsen sehen, daher ist das für mich nichts Neues. Außerdem habe ich mit der Ebene der Redaktionsleitung mit Jürgen Klöckner und Claudia Kade zwei starke Kollegen, die mich in wesentlichen Fragen unterstützen; das Playbook wird zudem super verlässlich von Hans von der Burchard geleitet. Ich fürchte keine Administration, ich führe und entwickle im Gegenteil wahnsinnig gerne Teams. Ich glaube jedoch daran, dass ein Chefredakteur heutzutage dann am besten ist, wenn er nicht nur hinter dem Schreibtisch sitzt, sondern weiß, was in der Politik passiert. Mein Team muss mich in Recherchen einbeziehen können, und der Chef macht dann auch mal den entscheidenden Anruf oder ich nehme die Frage zu einem Ministertermin mit. Das ist für mich ein moderner, politischer Chefredakteur. Daher werde ich für Politico immer auch in Berlin und in aller Welt unterwegs sein.
Mit welchem Anspruch blickt das neuformierte Politik-Ressort der Premium-Gruppe auf den deutschen Medienmarkt?
Repinski: Natürlich gibt es für unsere Einzelmarken unterschiedliche Konkurrenzbereiche. Doch was wir mit Politico Deutschland bauen, ist eine der größten Politikredaktionen Deutschlands, mit mehr als 40 Spezialisten. Ich beobachte seit längerem, dass bei einigen traditionellen Medienmarken der letzte Hunger auf die kleine Geschichte, die im politischen Berlin passiert, nicht mehr so vorhanden ist. In diese Lücke stoßen wir freudvoll und unerbittlich hinein. Wir haben den Hunger für jede kleine oder große Geschichte, für Scoops und neue Formate. Deshalb sage ich ganz klar: Unser Ziel ist Bayern München. Wir wollen die beste Politikredaktion in Deutschland sein, so wie Politico das in Brüssel und Washington geschafft hat.
Ein bewährtes Erfolgsmodell des FC Bayern war immer, die besten Spieler der Konkurrenz wegzukaufen. Im Laufe des vergangenen Jahres kamen etwa Rasmus Buchsteiner vom Spiegel, Jürgen Klöckner vom Handelsblatt und jüngst Maximilian Stascheit von Table.Briefings. Wie viele Transfers dieser Qualität stehen noch bevor?
Repinski: Es gibt ein einfaches Schema. Ich verpflichte Reporterinnen und Reporter nur, wenn sie wirklich passen: ins Team, zu Politico, zum Verlagshaus. Ich brauche das Gefühl, dass sie Lust haben auf diese Form von Teamwork und absolute Leidenschaft für Politik in sich tragen. Sie müssen hungrig sein und daran glauben, dass sie im Journalismus noch nicht alles erreicht haben, sondern dass die tollsten Schritte und Erfolge noch vor ihnen stehen. Wir werden immer bereitstehen, diese Talente zu verpflichten.
Trotz der neuen Aufgabe und der großen Verant-wortung bleiben Sie im Herzen Reporter. Können Sie es einrichten, auch weiterhin in Berlin und der Welt unterwegs zu sein?
Repinski: Das funktioniert am besten, wenn auch im Team jeder und jede in den einzelnen Rollen wächst – und das passiert auch. Ein Jürgen Klöckner kam als Reporter für die Grünen und als Entwickler für Pro und ist jetzt Teil der Redaktionsleitung. Rixa Fürsen war vor etwas mehr als einem Jahr noch auf der Axel-Springer-Akademie und leitet jetzt den Podcast. Aus dem Team der ersten Stunde sind gestandene Reporter und Reportinnen geworden. Jeder Volontär bekommt bereits klare Aufgaben, große Freiheiten und damit auch die Verantwortung übertragen, damit die Dinge in seinen Bereichen auch gelingen. Die Reporterinnen und Reporter von Politico wachsen mit der Marke, und das ermöglicht wiederum mir, meine Rolle weiter so wahrzunehmen wie bisher. Ich werde immer unterwegs sein, und man wird mich immer dann antreffen, wenn ich es irgendwie einrichten kann. Dafür bin ich bereit, auch mal weniger zu schlafen. Und podcasten kann ich auch aus Hotelzimmern oder Besenkammern.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 152 – Thema: Karriere. Das Heft können Sie hier bestellen.


