Rhetorikcheck

"Mut und Zuversicht" versus "Maß und Mitte"

Peter Klöppel, einer von vier Moderatoren des Abends, geht gleich zu Beginn mit hohem Tempo voran: "Herr Schulz, [...] was glauben Sie, woher kommt es, dass so viele Bürger Ihnen Ihr Vertrauen nicht schenken wollen?" Zack! Da ist Schulz plötzlich selbst derjenige, der angegriffen wird und aufpassen muss, nicht in die Defensive zu geraten. Doch Martin Schulz ist Profi genug, als Redner im Europaparlament hat er bereits viele Kontroversen bestanden.

Rhetorikcheck: Caren Lay

Caren Lay betritt das Rednerpult und trinkt zunächst einen großen Schluck aus dem Wasserglas. Dann wird es endlich ruhiger im Saal. Lay, stellvertretende Fraktions- und Parteivorsitzende der Linken sowie Sprecherin für Mieten-, Bau- und Wohnungspolitik, ergreift das Pult und streckt das rechte Bein angriffslustig in Richtung Unionsfraktion: "Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, im Jahr 1990 gab es noch drei Millionen Sozialwohnungen in Deutschland.

Rhetorikcheck: Außenminister Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriels Blick schweift zu Beginn seiner Rede durch die Reihen der Parlamentarier, seine Brille hat er abgenommen, sein Ton ist ernst: "Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, gestern hat die britische Regierung formell mitgeteilt, dass das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austreten möchte. Ich denke, alle hier im Parlament hätten sich ein anderes Geburtstagsgeschenk kurz nach dem 60. Jubiläum der Europäischen Union am letzten Wochenende gewünscht. Doch lamentieren hilft nichts. Wir respektieren die britische Entscheidung."

Rhetorikcheck: Thomas de Maizière

Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern, betritt das Rednerpult, um einen Gesetzentwurf vorzustellen, der Algerien, Marokko und Tunesien als sichere Herkunftsstaaten bestimmt. Einige Abgeordnete stehen noch, die Reihen sind spärlich besetzt und auch die Bundestagsvizepräsidentin Edelgard Bulmahn hat noch mit der richtigen Aussprache zu kämpfen und kündigt "Dr. Thomas de Mesee", statt de Maizière [də mɛˈzjɛʁ] an, so als handele es sich hier um einen Neuling im Deutschen Bundestag.

Rhetorikcheck: Christian Schmidt

Christian Schmidt (CSU), Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, mahnt gleich zu Beginn seiner Rede. Schließlich geht es um die Verabschiedung eines neuen Tabakgesetzes. Doch im Saal ist noch Bewegung. Es dauert, bis alle Abgeordneten ihren Platz gefunden haben. Schmidt lässt sich davon nicht anstecken, sondern beginnt ruhig und besonnen: "Herr Präsident / meine lieben Kolleginnen und Kollegen / jedes Jahr / sterben / in Deutschland // 120.000 Menschen / an den Folgen des Rauchens. // Das sind / mehr / als zehn Prozent // aller Sterbefälle.

Rhetorikcheck: Aydan Özoğuz

Aydan Özoğuz spricht frei. In der ersten Beratung zum Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz (was für ein Wortmonster!) betont die Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration das Gemeinsame und Verbindende: "Thomas de Maizière sagte am Anfang: Nur gemeinsam geht es! Tatsächlich ging es bei diesem Paket um eine Vereinbarung nicht nur zwischen Parteien natürlich, aber zwischen Bund, zwischen Ländern, zwischen Kommunen. Alle mussten an einen Tisch, mehrfach." Ihr Blick geht durch die Reihen der Parlamentarier.

Rhetorikcheck: Thomas Oppermann

Moderatorin Maybrit Illner trifft bei der Eröffnung ihrer Sendung den Nerv der Zeit: "Wir müssen offen reden, welchen Nutzen Einwanderung für unser Land hat … Die erste Frage geht an Herrn Oppermann. Im letzten Jahr sind fast eine halbe Million Menschen nach Deutschland gekommen und Sie kämpfen für ein neues Einwanderungsgesetz. Warum?"

Rhetorikcheck: Jörn Wunderlich

Selten hat die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) einen Redner mit einem solchen Lächeln, Augenzwinkern und langen Blick angekündigt wie Jörn Wunderlich (Die Linke). Schnell wird klar, warum: Es geht endlich einmal wieder um diejenigen, die zu kurz kommen in unserem Land. Richtig, natürlich die Frauen! Roths quergestreiftes, weißblaues Matrosenshirt unter dem Blazer verrät ihre rebellische Grundhaltung. Doch was kann ein Mann wie Wunderlich zum Kampf gegen die Unterdrückung der Frau beitragen?

Rhetorikcheck: Heiko Maas

[no-lexicon]Heiko Maas, Justiz- und Verbraucherschutzminister der Bundesregierung, wirkt geradlinig, stimmlich kraftvoll und selbstbewusst, als er gegen Mittag an das Rednerpult tritt. Im Deutschen Bundestag geht es um die von ihm angestrebte Verschärfung des Sexualstrafrechts. Als Jurist eröffnet Maas die Aussprache mit einem klassischen Einstieg: Ein Fallbeispiel über einen Freispruch des Oberlandesgerichts Koblenz. Ein Vertretungslehrer hatte sein Vertrauensverhältnis zu einer 14-jährigen Schülerin ausgenutzt und sie verführt.

Rhetorikcheck: Ursula von der Leyen

Es ist nach 17 Uhr, als Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an das Rednerpult tritt. 38 Abgeordnete haben seit dem Morgen im Deutschen Bundestag zum Haushalt 2015 gesprochen. Die Reihen haben sich gelichtet. Kein Zweifel, auf viele wirkt Ursula von der Leyen routiniert und kompetent in der Sache. Und nicht wenige wünschen sich, ebenso energiegeladen und souverän zu wirken wie sie. Doch machen diese Eigenschaften allein einen guten Redner aus?

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