Der Bundeshaushalt hat Milliardenlöcher. Finanzminister Lars Klingbeil will deshalb Kryptowerte stärker besteuern: Die einjährige Haltefrist, nach der Gewinne aus Bitcoin & Co. bislang steuerfrei sind, soll fallen. Stattdessen sollen Krypto-Gewinne künftig wie Aktiengewinne mit der Abgeltungsteuer belegt werden.
Dazu stellt sich die Frage:
„Sollten Krypto-Gewinne stärker besteuert werden?“
Hier geht es zum PRO & CONTRA der letzten Woche.
von Kevin Kühnert, Bereichsleiter Steuern, Verteilung und Lobbyismus bei Finanzwende e.V.
Es ist gut so, dass die Bundesregierung die weitgehende steuerliche Verschonung von Kryptogewinnen endlich beenden will. Die große Mehrheit im Land bestreitet ihren Lebensunterhalt aus Einkommen, auf die Steuern und Abgaben fällig werden – und zwar nicht zu knapp. Auch Kapitalerträge sind zu versteuern. Dass ausgerechnet die Gewinne aus Spekulationen mit Kryptowerten bislang nicht versteuert werden müssen, wenn diese Werte zuvor mindestens ein Jahr gehalten wurden, widerspricht nicht zuletzt in diesen Zeiten dem Gerechtigkeitsempfinden der allermeisten.
Als Krypto noch neu und eher ein Nischenphänomen war, wurde es im deutschen Einkommensteuerrecht als privates Veräußerungsgeschäft mit entsprechender steuerlicher Begünstigung eingeordnet. Das mag historisch erklärbar sein, entspricht aber erkennbar nicht mehr dem heutigen Nutzungsverhalten. Für Millionen Kunden der stark wachsenden Neobroker sind Bitcoin und Co. von Wertpapieren nur einen Klick entfernt und werden als eine weitere Möglichkeit der Wertanlage begriffen. Es ist nur logisch, das Steuerrecht hier der Wirklichkeit folgen zu lassen.
Nicht zuletzt geht es darum, dass die Politik konsistent handelt. Die Bundesregierung attestiert dem Standort Deutschland eine Wachstumsschwäche und fehlende private Investitionen; mangels Wagniskapital ziehen Gründer ins Ausland ab. Wer wie die Bundesregierung hier gegensteuern und private Investitionen sogar mittels eines Deutschlandfonds hebeln möchte, der darf nicht länger zulassen, dass die Steuerbegünstigung für Kryptogewinne als Pull-Effekt wirkt: weg von der Realwirtschaft, rein in den Bitcoin.
von Sven Wagenknecht, Chefredakteur von BTC-ECHO
Die Abschaffung der Krypto-Haltefrist ist ein Fehler. Sie trifft ausgerechnet diejenigen, die nicht kurzfristig spekulieren, sondern Bitcoin und andere Kryptowerte langfristig halten. Und sie gefährdet einen Standortvorteil Deutschlands.
Bezeichnend war bereits, wie die Debatte begann. Finanzminister Lars Klingbeil stellte die neue Krypto-Besteuerung im Frühjahr im Zuge eines Einnahmepakets vor, in dem auch höhere Tabaksteuern sowie Zucker- und Plastikabgaben genannt wurden. Eine Zukunftstechnologie kommunikativ in diese Reihe zu stellen, sagt einiges über das politische Verständnis von Krypto aus.
Fragwürdig sind auch die erwarteten Einnahmen. Zunächst wurden die Bekämpfung von Finanz- und Steuerkriminalität sowie die Krypto-Besteuerung gemeinsam mit zwei Milliarden Euro veranschlagt. Wie viel davon auf Krypto entfallen sollte, blieb offen. Im aktuellen Entwurf stehen für 2027 nun null Euro Mehreinnahmen, für 2028 lediglich 160 Millionen Euro.
Auch rechtlich bleiben Zweifel. Warum soll Bitcoin dauerhaft steuerpflichtig sein, während bei Gold, Fremdwährungen oder Kunst Gewinne nach Ablauf der Haltefrist steuerfrei sein können? Ob diese Ungleichbehandlung vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand hätte, dürften spätestens erste Klagen zeigen.
Deutschland beklagt fehlende Innovation und mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig soll einer der wenigen Standortvorteile im Krypto-Sektor verschwinden. Die Haltefrist ist kein Steuergeschenk, sondern Teil einer etablierten Systematik für private Wirtschaftsgüter.