Soll die vorgeschlagene Rentenreform vollständig umgesetzt werden?

PRO & CONTRA

Zwei Frauen in bunten Blazern, eine lächelt, die andere schaut ernst; Symbole für Zustimmung und Ablehnung im Hintergrund.
Rentenreform im Streit. Marie-Christine Ostermann (links) und Michaela Engelmeier. Fotos: Anne Großmann Fotografie/Tobias Koch

Die Alterssicherungskommission hat im Juni 33 Empfehlungen für eine langfristige Rentenreform vorgelegt, darunter die Abschaffung der abschlagsfreien Rente mit 63.

Marie-Christine Ostermann (Präsidentin der Familienunternehmer) plädiert für die vollständige Umsetzung. Michaela Engelmeier (SoVD-Vorstandsvorsitzende) lehnt eine weitere Anhebung der Lebensarbeitszeit ab.

Die Frage ist:

„Sollten die Empfehlungen der Expertenkommission zur Rentenreform vollständig umgesetzt werden?“

Hier geht es zum PRO & CONTRA der letzten Woche.

Pro

von Marie-Christine Ostermann, Präsidentin der Familienunternehmer

Ja, die Empfehlungen der Expertenkommission sollten vollständig wie im Kabinett beschlossen umgesetzt werden. Wer einzelne Elemente herauslöst und verwässert, gefährdet den Erfolg der gesamten Reform.

Unser Rentensystem steht unter erheblichem Druck. Die demografische Entwicklung führt dazu, dass immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner finanzieren müssen. Ohne Reformen steigen die Sozialabgaben in Höhen, die Beschäftigte und Unternehmen kaum noch schultern können. Eine nachhaltige Stabilisierung der Alterssicherung ist daher mehr als überfällig.

Da wir länger leben, ist eine längere Lebensarbeitszeit unvermeidlich. Andernfalls blieben nur höhere Beitragssätze oder ein Absenken des Rentenniveaus. Das will niemand. Die Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung ist fair und generationengerecht. Gleiches gilt für eine Wiederherstellung des Nachhaltigkeitsfaktors für eine verträgliche Lastenverteilung zwischen den Generationen. Ebenso wichtig ist dazu auch der Einstieg in eine Kapitaldeckung. Sie sorgt dafür, dass die Rentenfinanzierung künftig auf mehreren Säulen ruht und nicht allein von der Menge der Beitragszahler abhängt. Das macht das System robuster und entlastet langfristig Beschäftigte und Unternehmen.

Die arbeitende Mitte wendet sich angesichts steigender Lebenshaltungskosten und weniger Netto vom Brutto in der Tasche zunehmend von den etablierten Parteien ab und der AfD zu. Das müsste das eigentliche Argument für mehr Tempo bei den Reformen sein. Die SPD allerdings zieht die völlig falschen Schlüsse aus der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wenn sie jetzt bei den Reformen auf der Bremse steht.

Kontra

von der SoVD-Vorstandsvorsitzenden Michaela Engelmeier

Nein. Die Empfehlungen der Alterssicherungskommission dürfen nicht ungeprüft und vollständig umgesetzt werden. Besonders die Vorschläge zum Renteneintritt gehen an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbei. Wer bereits mit 14, 15 oder 16 Jahren ins Berufsleben eingestiegen ist, hat häufig mehr als 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt. Diesen Menschen weitere Arbeitsjahre abzuverlangen, wäre weder gerecht noch vermittelbar.

Die schrittweise Anhebung der Regelaltersgrenze ist noch nicht einmal abgeschlossen. Trotzdem wird schon über die nächste Verlängerung der Lebensarbeitszeit gesprochen. Dabei erleben wir täglich, dass viele Beschäftigte aus gesundheitlichen Gründen bereits heute nicht bis zur regulären Altersrente durchhalten. Sie sind auf Erwerbsminderungsrente angewiesen oder müssen Abschläge hinnehmen, die sie lebenslang belasten. Eine weitere Anhebung würde ihre Lage verschärfen und die soziale Ungleichheit im Alter vergrößern.

Wir wenden uns entschieden gegen die Vorstellung, Menschen dürften erst dann in Rente gehen, wenn ihre Gesundheit aufgebraucht ist. Ein langes Arbeitsleben verdient Anerkennung, Respekt und eine verlässliche Absicherung – keinen immer weiter nach hinten verschobenen Ruhestand.

Auch demokratisch gilt: Kommissionen können Vorschläge machen, aber Gesetze beschließt der Deutsche Bundestag. Die Abgeordneten müssen jede Empfehlung sorgfältig prüfen, Betroffene anhören und eigenständig entscheiden. Eine Rentenreform braucht Akzeptanz. Sie darf nicht über die Köpfe der Rentnerinnen, Rentner und Beschäftigten hinweg beschlossen werden.