So werden Sie digital unabhängig

Daniel Günther macht es vor

Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, gibt ein Statement bei einem Treffen norddeutscher Regierungsc...
Foto: picture alliance/dpa/Britta Pedersen

Die Aufregung war groß: Daniel Günther, CDU-Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, bringt bei Markus Lanz im Januar Social-Media-Verbote für Jugendliche unter 16 Jahren ins Spiel und kritisiert rechtspopulistische Newsportale. Schnell wurde daraus eine Diskussion um Pressefreiheit und Zensur, bisweilen ziemlich weit vom Gesagten entfernt.

Der Aufreger ließ einen anderen, fast spannenderen Aspekt in den Hintergrund treten, den Günther in der selben Runde ansprach: Schleswig-Holstein sei „das einzige Bundesland, wahrscheinlich auch weltweit das einzige Land, das alles aus Landesbehörden rausgeschickt hat, was mit diesen Tech-Konzernen verbunden ist“.

Wahrscheinlich weltweit das einzige Land, das alles aus Landesbehörden rausgeschickt hat, was mit diesen Tech-Konzernen verbunden ist
— Daniel Günther
Er fügte hinzu: „Wir machen nur noch Open Source bei uns in Schleswig-Holstein“. Warum das spannender ist? Weil Günther tatsächlich Vorreiter ist: Erstmals bringt ein Ministerpräsident das Thema digitale Souveränität so breitenwirksam aufs Tableau.

Was genau ist „digitale Souveränität“?

Also: Was ist eigentlich „digitale Souveränität“? Warum ist sie so eine zentrale Frage? Und wie erreicht man sie?

Lange war es günstig und bequem, auf die großen Anbieter zu setzen. Doch wenn die geopolitische Stimmung umschlägt, muss man sich fragen: War es auch klug?

Glossar
Digitale Souveränität
Die Fähigkeit, digitale Dienste und Infrastrukturen so zu nutzen, dass Kontrolle, Wahlfreiheit und Unabhängigkeit gewahrt bleiben.
Resilienz
Widerstandsfähigkeit – also die Fähigkeit, Störungen auszuhalten und handlungsfähig zu bleiben.
Lock-In-Effekt
Abhängigkeit von einem Anbieter, weil Wechsel zu Alternativen technisch, vertraglich oder organisatorisch schwer wird.
Open Source
Software, deren Quellcode offen einsehbar ist und die unter entsprechenden Lizenzen verändert und weitergegeben werden kann.
Anbieter-Ökosystem
Ein Verbund aus Diensten und Produkten eines Herstellers, die eng zusammenarbeiten – und Wechsel dadurch erschweren können.

Das kann zum Problem werden. Das zeigen Beispiele wie gesperrte Accounts sanktionierter Personen und Analysen zu den weitreichenden rechtlichen Druckmitteln, über die die US-Regierung verfügt, um Technologiekonzernen dazu zu zwingen, Daten herauszugeben oder Kundenbeziehungen einzustellen.

Drei Fragen, die Sie sich zur digitalen Souveränität stellen sollten

In allen drei Domänen (Privates, Wirtschaft und Staat) sollten wir uns die zentralen Fragen der digitalen Souveränität stellen:

  • Was passiert, wenn sich ein Anbieter oder Betreiber entscheidet (oder gezwungen wird) seine Dienste nicht mehr bereitzustellen?
  • Wer hat die Kontrolle über Daten und was damit passiert?
  • Können Daten und Dienste im Falle eines Falles „umziehen“ oder sind sie in starren Anbieter-Ökosystemen gefangen?

Was im Privaten schon zu großen Unannehmlichkeit führen kann, kostet in der Wirtschaft richtig Geld. Im Falle eines Staates gefährdet das ernsthaft die öffentliche Daseinsvorsorge. Je mehr wir uns auf einzelne Anbieter verlassen, desto dringender und intensiver sollten wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen.

Es geht darum, Abhängigkeiten bewusst zu managen. Wer seine kritischen Punkte kennt, kann sie absichern. Wer weiß, wo Lock-In-Effekte bestehen, kann Alternativen aufbauen. Dieses Wissen ist die Voraussetzung für Unabhängigkeit, Resilienz und Handlungsmacht. Das gilt für jeden Einzelnen. Geopolitik beschäftigt heute nicht mehr nur Politik-Nerds. Auch digitale Souveränität darf deshalb kein Thema nur für Tech-Nerds sein.

In der Praxis: Wie gelingt mehr digitale Souveränität?

Schon im Privaten zeigt sich: Oft gibt es gute Alternativen, mit freier Software oder bei unabhängigen europäischen Anbietern. Der Anfang ist leicht gemacht: Ein Mailaccount bei unabhängigen Anbietern wie Posteo oder Mailbox.org, die in Deutschland beheimatet sind, auf Open Source setzen und auf guten Schutz der Privatsphäre achten.

Direkt mit im Gepäck ist meist ein Kalender, der sich mit wenig Aufwand mit dem Smartphone synchronisieren lässt. Schon sind große Teile des „ausgelagerten Gehirns“ digital souveräner aufgestellt!

Freie Office-Pakete wie LibreOffice und Open-Source-Cloudsoftware wie Nextcloud oder OwnCloud erleichtern es, auch das persönliche Büro nutzerfreundlich auf souveräne Alternativen zu migrieren. Die Cloud gibt es dabei entweder zum Selbstbetrieb oder – ganz ohne technisches Know-How – bei zahlreichen deutschen und europäischen Hostern als Fertiglösung mit Monatsabos.

Wo es Abhängigkeiten gibt, gibt es meist auch Alternativen.

Im Geschäftlichen sind die Verflechtungen komplexer – doch das Grundprinzip gleich: Wo es Abhängigkeiten gibt, gibt es meist auch Alternativen. Sie zu nutzen, bietet sogar Vorteile: Man wird flexibler und kann richtig sparen, wenn man seine Abhängigkeiten reduziert.

Unternehmen können hier auf professionelle Unterstützung zurückgreifen, um die zu ihren Anforderungen passenden souveränen Lösungen zu finden und sie in die bestehende IT-Landschaft zu integrieren. In Verbänden wie der Open Source Business Alliance (OSBA) finden sich zahlreiche IT-Dienstleister, die sich hierauf spezialisieren.

Akteure informieren

Der Digitalverband Bitkom informiert regelmäßig über Themen der digitalen Souveränität. Er wirkt auch politisch darauf hin, die entsprechenden Weichen zu stellen und vereint zahlreiche engagierte Unternehmen in seinem Arbeitskreis Open Source.

Auf staatlicher Ebene bleibt wichtig: Digitale Souveränität und die Risiken, die von Abhängigkeiten ausgehen, müssen wir ernst nehmen. Wir müssen sie in politische Richtungsentscheidungen einbeziehen und konkret berücksichtigen, der Staat Aufträge oder Entwicklungsprojekte vergibt.

Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung stellt dafür derzeit den „Deutschland-Stack“ zusammen. Diese Toolsammlung soll die Grundlage staatlicher Digitalisierung darstellen und Orientierung bieten für die Kriterien der digitalen Souveränität.

Mit dem Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) wurde außerdem eine föderal übergreifende Einrichtung geschaffen, die den Einsatz digital souveräner Software in der Verwaltung unterstützt und die Entwicklung zentraler Komponenten vorantreibt. Sie kümmert sich um die Office-Suite openDesk, die auch Schleswig-Holstein einsetzt.

Das ZenDiS informiert in Veranstaltungen und lesenswerten Publikationen rund ums Thema digitale Souveränität – mit Relevanz auch über den Verwaltungskontext hinaus.

Digitale Souveränität geht alle an

Digitale Souveränität ist kein kleines Projekt. Die Ökosysteme der „Großen“ sind bequem und weit verbreitet. Umso wichtiger ist die Aufmerksamkeit dafür, dass digitale Souveränität alle Lebensbereiche betrifft – und dass sie umsetzbar ist.

Daher: Hut ab vor Daniel Günther, der das komplexe Thema auf die Bühne der abendlichen Politik-Talkshow hebt. Und Hut ab vor Schleswig-Holstein, wo digitale Souveränität kein Buzzword ist, sondern mit Projekten wie der Open-Source-Strategie und der landesweiten Umstellung der Standardsoftware in der Verwaltung real angegangen wird.