Schlechte Laune: Warum ist Deutschland eine Nation der Motzkis?

Wir reden auch Gutes kaputt

Zwei Männer mit neutralem Gesichtsausdruck neben einem Glas Bier auf einem farbverlaufenden Hintergrund.
In Deutschland ist der Becher grundsätzlich halb leer., diagnostizieren die Podcaster Frank Stauss und Hajo Schumacher. Fotos: Stephan Pramme; Markus C. Hurek.

Es war ein Moment, der Friedrich Merz in einem ungewohnten Licht erscheinen ließ: Der Oppositionsführer suchte die Nähe zur SPD-Fraktion, inklusive passendem Namensschild und dem demonstrativen Verzicht auf „rote Linien“, erzählt der Journalist Hajo Schumacher. Doch die Harmonie hielt nicht lange. Kaum hatte Merz den Raum verlassen, meldete sich der Parlamentskreis Mittelstand seiner eigenen Fraktion zu Wort und zog genau jene roten Linien wieder ein, die Merz zuvor für obsolet erklärt hatte. Frank Stauss sieht darin ein verheerendes Signal für die Führungsstärke des Kanzlers.

„Das ist natürlich eine wahnsinnige Machterosion. Das ist der Bundeskanzler und Parteivorsitzende, der exakt das sagt – und sie signalisieren der SPD: Was der Bundeskanzler bei euch sagt, ist völlig egal. Wir machen hier die Politik.“
— Frank Stauss

Dieser Vorgang sei kein Versehen gewesen, sind sich die beiden in der aktuellen Folge des Podcasts „Elefantenrunde“ einig. Es sei eine gezielte Demontage gewesen. Wenn eine Untergruppierung der eigenen Fraktion nur Stunden nach einem strategisch wichtigen Auftritt das Gegenteil verkünde, stehe die Handlungsfähigkeit der Spitze infrage.

Frank Stauss ergänzt die Beobachtung um eine psychologische Komponente: Merz wirke oft wie ein „People Pleaser“, der es jedem recht machen wolle – auf dem Kirchentag ebenso wie vor der SPD-Wand –, am Ende aber genau dadurch an Profil und Autorität verliere.

Die Nation der „Motzkis“

Doch das Problem der schlechten Stimmung liege nicht allein bei den Regierenden oder der Opposition. Schumacher und Stauss werfen die Frage auf, ob das deutsche Volk überhaupt noch regierbar sei. Deutschland belege in internationalen Vertrauensindizes regelmäßig hintere Plätze. Während Nationen wie Finnland in Glücksreportings glänzten, pflege man hierzulande eine Kultur der permanenten Unzufriedenheit, die Schumacher als typisch deutsches Phänomen analysiert.

„Wir sind ja immer die Guten. Also das Problem sind ja immer die anderen. Das ist dieses Phänomen in Deutschland: Mir geht’s ja gut, aber boah, sonst geht alles den Bach runter.“
— Hajo Schumacher

Selbst in wirtschaftlich objektiven Goldgräberzeiten finde ein signifikanter Teil der Bevölkerung Gründe für lebensbedrohliche Sorgen. Schumacher sieht darin eine gefährliche Diskrepanz zwischen der individuellen Lebensrealität und der Wahrnehmung des großen Ganzen. Man sei stolz auf den eigenen Erfolg, male aber für das Land konsequent den Teufel an die Wand.

Die Psychologie des Untergangs

Dabei sprächen die nackten Zahlen eine andere Sprache. Alle vier Minuten werde in Deutschland ein wirtschaftlich relevantes Unternehmen gegründet. Das Statistische Bundesamt verzeichne ein deutliches Plus bei den Gründungen und einen Rückgang der Insolvenzen. Dennoch dominiere in der öffentlichen Debatte das Narrativ des Scheiterns. Wirtschaftsverbände und Teile der Opposition würden diesen Pessimismus gezielt nähren, um politische Zugeständnisse zu erzwingen. Stauss warnt davor, dass diese Dauerbeschallung mit negativen Szenarien fatale Folgen für das gesellschaftliche Klima habe.

„Jedes dieser Untergangsszenarien ist eine Einzahlung auf das Kapital der Untergangsgewinner – und das ist die AfD.“
— Frank Stauss

Schumacher plädiert daher für eine „Gegenbewegung“. Er schlägt vor, den Fokus auf erfolgreiche Belegschaften und Gründungen zu richten, statt ständig griesgrämigen Verbandsvertretern eine Bühne zu bieten. Es fehle an einer motivierenden Erzählung für das Land. Außerdem sucht er die Ursachen für diese „Motzki-Haftigkeit“ in der Geschichte, der Religion und sogar in der deutschen Geistesgeschichte.

Anspruchsvoller Trübsinn als Markenzeichen

Schumacher identifiziert verschiedene Fäden, die zum deutschen Pessimismus zusammenlaufen. Neben den traumatischen Erfahrungen zweier verlorener Weltkriege spiele auch die religiöse Prägung eine Rolle – zwischen lutherischem Pflichtdenken und katholischer Schuldverwaltung bleibe wenig Raum für Leichtigkeit. Besonders prägend sei jedoch der intellektuelle Überbau der Nation, der Melancholie oft mit Tiefsinn verwechsle.

„Es gibt so einen intellektuellen Faden. Ob das Werther ist, Schopenhauer, Heidegger, Hannah Arendt – das ist überall so anspruchsvoller Trübsinn.“
— Hajo Schumacher

Dieser Hang zum Schweren mache es der Politik schwer, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Selbst positive Ereignisse wie das „Sommermärchen“ 2006 würden im Rückblick oft verklärt, während man damals eigentlich über Hooligans, Bierpreise und Stadionsicherheit gestritten habe. Die Sehnsucht nach einer Führung, die nicht nur verwaltet, sondern inspiriert, bleibe jedoch bestehen.

Wie das legendäre „Nähkästchen“ der Berliner Politik wirklich aussieht, welche Rolle der verstorbene Herbert Wehner heute noch als pädagogisches Schreckgespenst für junge Abgeordnete spielt und warum Frank Stauss plant, eine Kampagne für gute Laune mit erfolgreichen Belegschaften statt mit nörgelnden Managern zu starten, wird im weiteren Verlauf der Folge detailliert beleuchtet. Zudem bleibt die Frage im Raum, warum Friedrich Merz laut einer psychologischen These gar kein „Macher“ ist, sondern eigentlich nur geliebt werden will – und was Hajo Schumacher beim „Unboxing“ seiner neuesten Kriminalromane in den eigenen vier Wänden wirklich fühlt.

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