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Zum Risiko geboren, auf Sicherheit getrimmt

Die Amerikaner haben im Gegensatz zu den Deutschen ein nahezu unerschütterliches ­Urvertrauen in die Kräfte der ­Privatwirtschaft. Mit der Regulierung der Finanzmärkte hat Präsident Obama den US-Bürgern daher einen tiefen Schock  versetzt, wie ­Christoph von Marschall in seinem neuen Buch zeigt.

Von Christoph von Marschall

Wer an den guten Staat und die Segnungen seiner Gesetzgebung nicht glauben mag, braucht andere Vertrauensinstanzen. Für Amerikaner ist das die Privatwirtschaft. Daran hat weder die Ölpest im Golf von Mexiko 2010, die schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA, viel geändert noch die tiefe Rezession, die auf die jüngste Finanzkrise folgte. Als der Kongress die Bankenaufsicht zwei Jahre nach dem Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems verschärfte, waren diese staatlichen Eingriffe unter US-Bürgern schon wieder ziemlich unpopulär. Einzelne Firmen oder sogar ganze Branchen mögen Unwillen und sogar Zorn auf sich gezogen haben – ganz voran der Ölkonzern BP, die Investmentbanker an der Wall Street, die Immobilienfonds und die Autokonzerne. Doch unter dem Strich haben Amerikaner auch heute noch mehr Vertrauen in die Chefs der größeren und kleineren Unternehmen als in die Politiker und ihre Politik. „Was ist die Alternative, wenn Washington versagt?“, fragt Grover Norquist gerne, der Kopf der Organisation Americans for Tax Reform. Die Alternative seien „Menschen mit realer Lebenserfahrung, die im wahren Leben etwas erreicht haben“.
Die gefühlte wirtschaftliche Lage ist in allen westlichen Demokratien die Schicksalsfrage für die Regierung. Wenn die Bürger den Eindruck haben, es gehe für sie aufwärts, dann haben die Regierenden gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Sehen sie ihr Land und seine Volkswirtschaft dagegen im Abwärtstrend, sind die Aussichten der Regierung schlecht – selbst wenn sie eine kluge Strategie gegen die Krise hat und sie handwerklich professionell umsetzt.
Entscheidend sind dabei nicht die objektiven Konjunkturdaten. Den Ausschlag gibt, wie die Menschen die aktuelle Entwicklung empfinden. Acht Prozent Arbeitslosigkeit gelten als erträglich – und vielleicht sogar als Erfolg –, wenn es im Vorjahr zehn Prozent waren. Dagegen sind sechs Prozent eine schwere Belastung, wenn es im Vorjahr vier Prozent waren und die Ziffer im Trend zum Wahltag hin weiter ansteigt.
Auch für Barack Obama sind die Konjunkturdaten, das Wirtschaftswachstum, der Arbeitsmarkt und das Vertrauensbarometer der Konsumenten und Produzenten die wichtigsten Faktoren für seine Bewerbung um eine zweite Amtszeit 2012. Die Bürger lasten es dem Präsidenten an, wenn Amerika nicht aus der Talsohle kommt. Die Sympathien im Kräftedreieck zwischen Regierung, Privatwirtschaft und Bürgergesellschaft sind in den USA jedoch anders verteilt als in Deutschland. Der durchschnittliche Amerikaner hat Vertrauen in die Kräfte der Marktwirtschaft. Wenn es nicht läuft wie geschmiert, dann ist die erste Vermutung, dass die Regierung die privaten Betriebe durch zu viel Regulierung, Bürokratie und Auflagen an der dynamischen Entfaltung ihres Potenzials hindere.
Deutschland ist eine Arbeitnehmergesellschaft, Amerika eine Unternehmergesellschaft. Die USA sehen sich als „Land of Opportunity“, das jedem die Möglichkeit gibt, seines Glückes Schmied zu sein. Den Deutschen ist ihre ökonomische und soziale Sicherheit wichtiger. Viele lassen eine Gelegenheit zum Karrieresprung lieber sausen, wenn sie mit Risiko verbunden ist. Die meisten Amerikaner halten es gerade umgekehrt: Die Aufstiegschance – und an der Börse die Gewinnchance – hat Vorrang. Dafür nehmen sie Risiken in Kauf.
Die unterschiedlichen Einstellungen schlagen sich auf vielfältige Weise im Alltag und der persönlichen Lebensgestaltung nieder. Wer Zeitungsleser in den USA beobachtet, wird weit öfter als in Deutschland feststellen: Sie lesen nicht nur den Lokalteil und die politischen Seiten, sondern auch den Wirtschaftsteil. Im US-Fernsehen sind Sendungen mit ökonomischen Ratschlägen populär. Gespräche unter Normalbürgern drehen sich oft um die Börse, Anlagetipps und den „IRA“, den „Individual Retirement Account“, das persönliche Rentenkonto. Jahr für Jahr zahlen sie steuerabzugsfähige Summen ein und betätigen sich als ihre eigenen Rentenabsicherungsmanager, indem sie Aktien kaufen und verkaufen oder zwischendurch mal in Rentenfonds, Gold- und Ölzertifikate oder Staatsanleihen umschichten. In Deutschland wäre das schwer vorstellbar. Auch dort darf zwar jeder zusätzlich privat vorsorgen. Aber der Staat lässt nicht zu, dass die Bürger mit den Beiträgen, die sie – staatlich gefördert – in die Altersabsicherung stecken, völlig eigenmächtig investieren und spekulieren, wozu das Risiko zählt, alles zu verlieren.
In den USA erwarten die Bürger, dass der Staat die Entscheidungsfreiheit der Bürger schützt, weil er ihnen vertraut. Im Deutschland soll er die Bürger vor sich selbst schützen, weil er es nicht allen Menschen zutraut, weise Entscheidungen zu treffen.
In beiden Ländern gibt es ein staatliches Rentensystem. Amerikaner wissen schon lange, dass die Auszahlungen nicht reichen werden, um den gewohnten Lebensstandard im Alter zu halten, und dass sie auch nie so gedacht waren. In Deutschland hat sich diese Einsicht erst in der jüngeren Zeit durchgesetzt. Ältere erinnern sich noch an das in hessischem Tonfall mit Pathos vorgetragene Versprechen des langjährigen Arbeitsministers Norbert Blüm: „Die Rente ist sicher!“
Amerikanern ist bewusst, dass die Rente keineswegs sicher ist, dass sie privat vorsorgen müssen und dennoch das Risiko besteht, das Ersparte zu verlieren. Die verbreitete Art, Rücklagen für das Alter zu bilden, sind der selbstverwaltete „IRA“ und das Eigenheim. Annähernd 70 Prozent wohnen in der eigenen Immobilie, in Deutschland sind es nur gut 40 Prozent. In der Folge muss sich in den USA ein fast doppelt so hoher Anteil der Gesellschaft regelmäßig mit Hypothekenzinsen und Geldmärkten beschäftigen. Daneben führt die hohe Bedeutung der Aktien für den eigenen Ruhestand automatisch zu einer höheren Identifizierung mit börsennotierten Unternehmen: Deren Interessen werden indirekt zu den eigenen Interessen.
Erfolge in der Privatwirtschaft erregen nicht Neid oder Argwohn wie in Deutschland. Sondern sie flößen Amerikanern Vertrauen ein. Als Präsident Obama nach zwei Jahren im Weißen Haus seinen Stabschef austauschte, suchte er ganz gezielt einen Nachfolger mit mehrjähriger Managementerfahrung in der Privatwirtschaft. Er fand William Daley, zuvor Vorstandsmitglied der Investmentbank JP Morgan Stanley. Und er erntete allgemeinen Applaus für diese Entscheidung – nur zweieinhalb Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers und dem Niedergang der Wall Street.
Wenn dem Kanzler in Deutschland der Ruf vorausgeht, er sei ein „Genosse der Bosse“, dann ist das als Hinweis gemeint, da sei Misstrauen angebracht. In den USA hält man es umgekehrt. Es ruft Argwohn hervor, wenn der Präsident keine guten Beziehungen zur Wirtschaftselite unterhält. In den Wochen vor der Kongresswahl 2010 prügelten nicht nur konservative Medien wie das „Wall Street Journal“ und der Sender Fox, damals der Nachrichtenkanal mit der höchsten Einschaltquote, auf Obama ein, weil er angeblich populistische Attacken gegen die Manager vortrage. Auch moderate Blätter kommentierten, der Präsident schade sich politisch, weil er den Eindruck zulasse, es verlaufe ein tiefer Graben zwischen ihm und den Business-Führern. Drei Viertel der amerikanischen Investoren vertraten damals in einer Bloomberg-Umfrage die Meinung, Obama sei wirtschaftsfeindlich. Für die erdrückende Mehrheit der Amerikaner ist die Privatwirtschaft keine Milchkuh, die man immer nur melken dürfe, und auch kein gefährlicher Tiger, den man zum Schutz der Menschen abknallen müsse, sondern sie ist der Ausgangspunkt des allgemeinen Wohlstands.
Wer setzte sich in den Umfragen rasch an die Spitze des Feldes, als die Republikaner die Person suchten, die bei der Präsidentschaftswahl 2012 gegen Obama antreten soll? Mitt Romney. Warum? Weil er ökonomischen Erfolg gepaart mit Ernsthaftigkeit verkörpert.
Freilich reicht der Ruf, es in der Privatwirtschaft zu viel Geld gebracht zu haben, alleine nicht aus, um politisches Ansehen zu gewinnen. Das zeigte das Beispiel des Immobilienlöwen Donald Trump, der im Frühjahr 2011 ebenfalls seine Aussichten sondierte. In den Umfragen rückte er damals rasch nach vorne – was in Europa gleich wieder Spott über die naiven Amerikaner auslöste. In Wahrheit steht das Beispiel Trump gerade für den gegenteiligen Schluss: Ja, die Amerikaner sind offen für die Idee, Menschen in die Politik zu holen, die in der Wirtschaft Erfolg hatten. Sie geben ihnen dafür einen Vertrauensvorschuss. Wenn diese potenziellen Kandidaten dann aber politischen Unsinn erzählen, werden sie rasch wieder abserviert.

Christoph von Marschall

berichtet seit 2005 für den Berliner „Tagesspiegel“­ aus den USA. Zuvor arbeitete er für die „Süddeutsche Zeitung“ und den Deutschlandfunk. Der Beitrag ist ein Auszug aus seinem Buch „Was ist mit den Amis los? – Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben“, erschienen 2012 im Herder-Verlag, Freiburg. Der Journalist verfasste auch das Buch „Michelle Obama – ein amerikanischer Traum“.