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Foto: Julia Nimke

Wo steckt eigentlich... Hans Eichel?

2005 verabschiedete sich der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel aus der Politik. Womit verbringt er seine Zeit heute? Und wie sieht er den Euro-Beitritt Griechenlands rück­blickend? p&k hat nachgefragt.

von Henrik Thiesmeyer

Herr Eichel, ganz ehrlich: Vermissen Sie die Tagespolitik?

Hans Eichel: Ich beschäftige mich intensiv mit ihr, vor allem mit ihren weiterführenden Aspekten, aber ich vermisse sie beruflich nicht. Mein Rückzug 2005 war ja auch eine Entscheidung, von der ich wusste, dass sie früher oder später fallen musste. Jetzt habe ich viel Freude an meinem Leben nach der aktiven Politik.

Fiel es Ihnen schwer, von der Macht zu lassen?

Mit dem Begriff Macht kann ich persönlich  wenig anfangen. Aber es gab schon eine Trauerphase von vielleicht zwei Jahren. Gerade wenn man vorher mit so viel Leidenschaft Politik gemacht hat und dann am – allenfalls noch kommentierenden – Rande steht: Man bleibt doch ein politischer Mensch.

Wie haben Sie sich abgelenkt?

Ich habe mich in meinem zweiten heimlichen Traumberuf verwirklicht und mit großer architektonischer Leidenschaft gemeinsam mit meiner Frau unsere Wohnung umgebaut.

Ihr Engagement heutzutage gilt aber nicht ausschließlich Finanzfragen?

Vorträge zu öffentlichen Finanzen halte ich zwar öfter, aber ich bin auch sehr aktiv bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und im European Council on Foreign Relations. Als Finanzminister ist man ja ohnehin der eigentliche Europa­minister, Finanzpolitik war und ist zudem reinste Gesellschafts- und Sozialpolitik. Aus meinem früheren politischen Leben als Oberbürgermeister und Kulturdezernent von Kassel stammt zudem mein Engagement für die Documenta.

Nun dennoch die Pflichtfrage: Wie sehen Sie den Euro-­Eintritt Griechenlands rück­blickend?

Wenn dies ein Fehler war, so war es ein Fehler aller Regierungen der Euro­zone. Er basierte auf den positiven Prüfberichten von EZB und EU-Kommission. Mir scheint der eigentliche Fehler das Ausgabeverhalten der griechischen Regierung nach dem Eurobeitritt und die Tatsache, dass Europa das nicht unterbunden hat.

Ihr heutiger Blick auf die ­Politik?

Was mir gedanklich zu schaffen macht, ist die zunehmende Kluft zwischen Politikern und Bürgern, dass es mehr Wut- als Mutbürger gibt, ein abnehmendes Interesse an und Vorurteile über Politik, gar Missachtung derer, die sie betreiben. Was erwarten die Bürger eigentlich? Abwählen okay, aber abwenden? Vor Kurzem gelang es mir erst nach längerem Gespräch, einen Fahrgast davon zu überzeugen, dass auch Hans Eichel ganz selbstverständlich die Berliner S-Bahn nutzt. Was für ein Zerrbild haben viele Menschen eigentlich von uns Politikern?