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"Wir koalieren nicht mit Spaßparteien"

Seit 2014 sitzt Martin Sonneborn für die Satirepartei "Die Partei" im Europaparlament. Im Interview verrät er, was ihn an Negative Campaigning reizt und wie seine Partei "100 plus x" Prozent holen will.

Interview: Aljoscha Kertesz

Herr Sonneborn, wie kein anderer stehen Sie für Politainment, was genau verstehen Sie darunter?

Martin Sonneborn: Eine moderne Form von Politik, die auch mit unterhaltsamen und komischen, vielleicht satirischen Momenten arbeitet, um Sympathie für unsere Machtübernahme zu schaffen.

Wo wollen Sie denn zuerst die Macht übernehmen, im Bund oder in Europa?

Das ist das gleiche, es ist eigentlich egal, wo wir es zuerst schaffen. Ich kämpfe für ein Kerneuropa mit 27 Satellitenstaaten und insofern deckt sich das.

Werden Sie bei der Bundestagswahl 2017 als Spitzenkandidat Ihrer Partei antreten?

Nein, ich bin immer dafür gut aussehende Frauen an die Spitze zu stellen. Frauen machen sich einfach besser. Wir haben im Kampf gegen Merkel schon immer mit gut aussehenden Frauen gearbeitet, das wollen wir auch beibehalten. Auf unseren Plakaten stand: "Frau ja, aber schöner".

Als Spitzenkandidat würden Sie für die Wahlkampfhelfer aber mobilisierender wirken.

Ich glaube nicht, dass ich Spitzenkandidat sein muss, es reicht auch, wenn ich den Wahlkampf mitgestalte.

Bei der Bundestagswahl 2013 traten Sie in fünf Bundesländern an, wie viele werden es 2017 sein?

In 16 oder 17. Wir überlegen gerade, ob wir Griechenland noch mit einbeziehen. Ich diskutiere gerade mit einem griechischen Kollegen im Europaparlament den Vorschlag, Griechenland als weiteres Bundesland zu nehmen. Unser Geld geht da runter, und die Leute können dahin fliegen und baden.

Welches Potenzial sehen Sie bei der nächsten Bundestagswahl für Ihre Partei?

Alles unter 50 Prozent wäre eine Schande für unser Land. Im letzten Wahlkampf haben wir 100 Prozent plus X proklamiert. Es sind dann 0,2 Prozent geworden bundesweit, da ist also noch Luft nach oben.

Müsste man die Ziele dann nicht realistischer ausrufen?

Gute Idee! Wir könnten ein Wahlziel von 0,2 Prozent ausgeben und dann 100 plus X holen. Wir verdoppeln unser Ergebnis übrigens bei jeder Wahl. Fähige Mathematiker in der Partei haben errechnet, dass wir noch exakt 64 weitere Bundestagswahlen brauchen, bis wir die absolute Mehrheit im Land haben.

Wer ist der natürliche Bündnispartner Ihrer Partei?

Da gibt es eine Standardantwort: Wir nehmen jeden, der sich als Steigbügelhalter andient. Außer die FDP, weil wir nicht mit Spaßparteien koalieren. Aber die FDP steht ja auch nicht mehr zur Debatte.

Aus welchem Spektrum kommen die Wähler Ihrer Partei?

Aus dem jüngeren Spektrum. Andererseits gibt es auch immer wieder ältere Wähler, das ist erstaunlich. Ich glaube jeder, der von einer anderen Partei enttäuscht wird, ist ein potenzieller Wähler unserer Partei, und deswegen werden es immer mehr.

Es scheint, als hätten Sie mehr Spaß am Wahlkampf als an der Parlamentsarbeit.

Das stimmt. Ich mag Wahlkämpfe, besonders Negative Campaigning macht unglaublich viel Spaß.

Wer wird das Hauptziel des Negative Campaigning werden?

Wir sind in den vergangenen Wahlkämpfen immer verschiedene Parteien angegangen: 2011 haben wir uns beispielsweise mit der NPD auseinandergesetzt, als sie diese "Gas geben"- Plakate mit Udo Voigt hatten. Wir haben dem ein "Gas geben"-Plakat mit Jörg Haiders Unfallauto und dem NPD-Logo entgegengesetzt. Im Jahr 2013 haben wir uns mit den Grünen auseinandergesetzt. Diesmal könnte es die AfD werden. Das Schöne ist doch, dass die anderen Parteien die beste Werbung für uns machen. Es reicht, wenn wir darüber hinaus ein paar kleine Glanzpunkte setzen. Ein, zwei gute Aktionen und lustige Plakate, die sich im Internet verbreiten. Das ist die modernste Form von Wahlkampf und das wird dann auch seine Wähler finden, fürchte ich.

Was wäre für Sie schlimmer: der Wiedereinzug der FDP oder der erstmalige Einzug der AfD in den Bundestag?

Marcus Pretzell, ein unrasierter Immobilienmakler und Rechtsanwalt im AfD-Vorstand, hat in einem "Zeit"-Interview kürzlich gesagt, dass man an der Grenze ruhig mal in die Luft schießen sollte. Als ich ihn neulich im Parlament traf, da zielte ich mit dem Finger in die Luft und rief "peng peng". Daraufhin schoss er zurück, zielte allerdings auf mich. Insofern ist mir die AfD natürlich sympathischer.

Und was ist mit der FDP?

Ich glaube, dass eine liberale Partei heute gefragt ist wie keine zweite. Wenn es die FDP schaffen würde, zur Abwechslung mal für liberale Werte zu stehen, würde ich sie im Bundestag begrüßen, zumal wir nicht drin sind.

Aljoscha Kertesz (l.) und Martin Sonneborn im Gespräch. (Foto: privat)

In Ihrer Partei hat sich dieses Jahr auch Kritik an Ihrer Person entbrannt.

Die Politikredaktion von "Spiegel Online" ist der festen Meinung, dass unsere kleine Schlammschlacht im Sommerloch eine Inszenierung war. Und damit ist sie das dann auch für alle anderen politischen Journalisten in Deutschland gewesen.

Sie hatten also keine Angst um Ihr Amt?

Nein, das hatte ich nicht.  Das war ein ganz normaler Vater-Sohn-Konflikt, das ist halt die nächste Generation in der PARTEI. Leo Fischer hat an meinem Stuhl gesägt und ich habe ihn dann halt gekauft und ruhig gestellt. Ich habe ihm versprochen, dass er die Partei mal erben wird so wie meinen Sitz im Parlament. Damit war die Sache dann gegessen.

Wie sieht es mit dem Aufbau der Partei-Organisation aus?

Wir wachsen überall ziemlich stark und es bilden sich Strukturen, aber wir sind noch nicht flächendeckend so weit wie die CDU. Wir haben einige Bundesländer, in denen halbwegs seriöse Strukturen entstanden sind. Das sind insbesondere jene, die Studentenstädte aufzuweisen haben: Berlin, Hamburg, Baden-Württemberg, Hessen, Bremen, Niedersachen und NRW. Im Osten ist es schwieriger. Sachsen hat einen aktiven Landesverband, Thüringen ist klein aber aktiv, Brandenburg baut sich gerade auf, Mecklenburg-Vorpommern hat Schwierigkeiten. In Bayern haben wir natürlich einen irren Landesverband, genau wie alle anderen Parteien auch.

Die starke Fokussierung auf Ihre Person birgt Gefahren.

Wenn ich ausgebrannt bin, verkaufe ich die PARTEI, und dann darf der nächste Besitzer sich damit herumschlagen. Schlingensief hat das 1998 vorgemacht, er hat versucht, seine Partei "Chance 2000" zu verkaufen. Es erfolgte sogleich ein Einspruch des Bundeswahlleiters, der glaubte, Parteien seien nicht käuflich. Aber damals gab es auch noch kein Ebay.

Wen gibt es denn in der zweiten Reihe, den man auf dem Bildschirm haben sollte?

Oliver Maria Schmitt natürlich, der war schon Kanzlerkandidat und hat ein hervorragendes Ergebnis bei der OB-Wahl in Frankfurt erzielt. Er ist der beste Rhetoriker in der Partei. Ansonsten natürlich ungefähr 40 gut aussehende Damen, die sich bei uns als Kanzlerkandidatinnen beworben haben.

Sie haben derzeit 20.000 Mitglieder, wie weit werden sie denn noch wachsen?

Wir haben den größten Zulauf aller Parteien. Ich weiß nicht, wie das mit der AfD ist, die habe ich nicht im Blick. Während andere Parteien bisweilen Austrittswellen haben, haben wir schon überlegt, ob wir in diesem Jahr einen Aufnahmestopp verhängen, weil die Verwaltung Arbeit und Bürokratie nach sich zieht. Ich denke schon, dass wir stringent weiter wachsen und die SPD in den nächsten drei, vier Jahren überholen.

Das ist ein ambitioniertes Ziel.

Da spielt auch die Biologie ein bisschen hinein, die anderen Parteien sind ja überaltert, genau wie ihre Wählerschaft. Wir hingegen werden von jungen Leuten gewählt und haben großen Zustrom von Schülern und Studenten, die sich gerade politisieren.

Deshalb fordern Sie auch, das Wahlalter auf 16- bis 52-Jährige zu begrenzen.

Genau, das würde uns sehr in die Hände spielen, da sich sofort unglaubliche Machtverschiebungen ergeben würden: hin zu jüngeren Menschen, hin zur PARTEI. Das wäre auch angemessen, wenn man sich verdeutlicht, was wir den nächsten Generationen hier hinterlassen. Keine schöne Sache.

Das würde aber auch bedeuten, dass Sie bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr wählen dürften.

Ich glaube nicht, dass wir an einer Stimme scheitern werden. Aber stellen Sie sich mal den Ärger bei der CDU vor, wenn die nicht mehr ganze Wagenladungen von Wählern aus den Altersheimen an die Urnen karren dürfen!

So fing das bei den Grünen ja auch mal an, als sehr junge Partei. Wie wird es denn bei der PARTEI in 35 Jahren aussehen?

Genauso verkommen wie bei den Grünen. Man schmeißt sämtliche Ideale über Bord und betreibt ganz normale Machterhaltungspolitik.

Sie waren mal zeitgleich Mitglied in allen deutschen Parteien.

Das stimmt, ich bin mal aus Spaß und zu Vergleichszwecken in fast alle Parteien eingetreten. Die Yogischen Flieger haben mich nicht aufgenommen, die Piraten gab es damals noch nicht, in die NPD wollte ich nicht.

Welchen Parteien gehören Sie heute noch an?

Ich bin vor der Europawahl aus sämtlichen Parteien ausgetreten, sonst hätte ich nicht Spitzenkandidat werden können. Ich habe eine Rundmail geschrieben und alle Parteien oben sichtbar in den Header gesetzt, als ich ausgetreten bin.

Welche Reaktionen gab es?

Wenig. Ich glaube, die FDP hat noch mal angerufen und meine ausstehenden Mitgliedsbeiträge angemahnt. Ich hab ja prinzipiell nirgendwo gezahlt.

Was können die etablierten Parteien eigentlich von Ihnen lernen?

Modernste Turbopolitik. Wir haben den Zugang zu den Jahrgängen, die von den etablierten Parteien nicht mehr erreicht werden. Und das wird auch erkannt. In Brüssel hat mich vor Kurzem ein Vertreter eines großen Thinktanks, ein Berater Merkels, angesprochen. Er wollte uns ein paar Tage begleiten, um zu sehen, wie wir Menschen erreichen. Ich habe das nicht zugesagt, da er – glaube ich – auch nicht verstehen würde, was wir machen. Aber es zeigt natürlich, dass es von anderen Parteien auch ernstgenommen wird.

Was verstehen Sie denn unter moderner Turbopolitik?

Eine moderne, populistische, sympathische, medial gut vermittelte, standpunktfreie Politik.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations und Public Affairs.