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Politik

Wie wird man zum Rising Star der Politik?

Die Nachwuchspolitiker des Jahres stehen fest. Wie wird man schon mit unter 35 zum Hoffnungsträger? Über die Verlaufskurven erfolgreicher politischer Karrieren.

von Georg Milde

Lindner, Nahles, Spahn – die Namen mancher vor mehr als zehn Jahren von politik&kommunikation als Rising Stars Gekürten sind klangvoll. Doch der Weg in die sauer­stoffarme Zone der deutschen Spitzen­politik ist steil, und neben vielen dynamischen Karriere­verläufen sind manche einst ausgezeichnete Talente im Laufe des Rennens um die Pole-Position der Macht ausgestiegen.

Zunächst: Eine erfolgreiche politische Karriere lässt sich nicht planen, sondern ist eine Melange aus Höhen und Tiefen. Der eine muss eine Legislatur­periode lang eine Zwangspause einlegen (Nahles 2005, Annen 2009, Czaja 2011, Buschmann, Toncar und Vogel 2013), der Zweite strauchelt unerwartet in der Etappe (Guttenberg 2011), der Dritte erhält nach einer Wahl nicht die erhoffte Herausforderung (Al-Wazir 2008, Spahn 2013), der Vierte verpasst den prophezeiten Wahlsieg (Mc­Allister 2013, Klöckner 2016), der Fünfte steigt plötzlich aus dem Tal auf einen noch höheren Gipfel (Kretschmer und Wüst 2017).

Wichtiger ist jedoch ein Blick auf die Jahre des vorherigen Aufstiegs: Die große Mehrheit aller Rising Stars der zurückliegenden Jahre hat die klassische politische Sozialisation in der Nachwuchsorganisation der jeweiligen Partei durchlaufen. Die Ochsentour durch die politischen Institutionen, gelegentlich in den Feuilletons als Schmalspur oder jugendliche Kofferträgerei abgetan, war und ist das erfolgreichste Trainingslager für zukünftige politische Verantwortung. Es klingt zwar immer schön, mehr frischen Wind "von außen" zu fordern – doch fehlt Seiteneinsteigern oft das Finger­spitzengefühl für das feingliedrige Räderwerk der Macht.

Willy Brandt trat 1987 als SPD-Chef zurück, nachdem er die damals 30-jährige Margarita Mathiopoulos zur Partei­sprecherin hatte machen wollen – ohne Erfolg, da ihr innerhalb der SPD zu wenig Parteikenntnis attestiert wurde. Andrea Nahles hingegen verkörpert das Gegenstück – als frühere Juso-Bundesvorsitzende und SPD-General­sekretärin kennt die neue Fraktions­chefin den Parteiapparat durch und durch. Die unsichtbaren Regeln der Politik sind eigene, weshalb Querstarter der frühen Berliner Jahre wie Michael Naumann oder Julian Nida-Rümelin nur aus der Ferne klingen. Hinzu kommt, dass die Leidensbereitschaft dieses Typus eher auf wenige Jahre begrenzt ist – oder noch kürzer, wie im Fall von Gerhard Schröders Schattenwirtschafts­minister Jost Stollmann, der sein Amt gar nicht erst antrat.

Den passenden Habitus aneignen 

Wer hingegen frühzeitig Erfahrungen in politischen Organisationen sammelt und dabei die Mischung aus Strategie und Mehrheitsfähigkeit kennenlernt, wird auch in späteren Kapiteln seiner Laufbahn die Kampf­arena nicht voreilig durch den Hinterausgang verlassen. Oder weniger martialisch formuliert: Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930 bis 2002) hat den Begriff "Habitus" geprägt, der die Verhaltensstrategie eines sozialen Akteurs in seiner gesellschaftlichen Klasse beschreibt: Auftreten, Sprache, Details. Auch die Rising Stars haben sich bewusst und unbewusst jenen Habitus angeeignet, der die Grundlage für ihren Erfolg bei Parteitagen, Wahlkreisaufstellungen, Antragsdebatten oder Kampfabstimmungen darstellt. Frühzeitig wird erlernt, nicht als Einzelkämpfer aufzutreten, sondern sich Mehrheiten zu erarbeiten und gemeinsam mit Verbündeten das nächste Ziel zu erreichen. Herrschaftswissen im wahrsten Sinne des Wortes.

Was können diejenigen tun, die eines Tages einer der Rising Stars ihrer Partei werden wollen? Neben den klassischen Tugenden wie Fleiß und Ausdauer ist Stand­festigkeit gefragt, sich vor einer strittigen Personal­entscheidung oder anderen Grundsatzfragen nicht frühzeitig in die Knie zwingen zu lassen. Zudem ist bei zahlreichen bisherigen Rising Stars zu beobachten, dass diese nach der Eroberung eines Parlamentsmandats auch eine wichtige Leitungs­funktion auf der zweiten oder dritten Partei­ebene übernahmen: Dies kann etwa die Wahl zum General­sekretär eines Landesverbands (McAllister 2002, Lindner und Mohring 2004, Kretschmer 2005, Wüst 2006, Gruß 2009, Voigt und Theis 2010, Geywitz 2013, Vogel 2014, Boos und Hagel 2016) oder die Übernahme eines wichtigen Bezirksvorsitzes (Bahr 2006, Guttenberg 2007, Bilger 2011, Krings 2014) sein. Auch der Bundes­vorsitz des Parteinachwuchses (Nahles 1995, Bahr 1999, Annen 2001, Mißfelder 2002, Lux 2003, Böhning 2004, Vogel 2005, Drohsel 2007, Becker 2010, Uekermann 2013, Ziemiak 2014) oder die Führungsrolle in einem Partei­flügel wie der SPD-Linken oder dem CDU-Mittelstand (Böhning 2008, Linnemann 2013) sind wichtige Steig­bügel. Durch diese Funktionen kann entweder das parteiinterne Netzwerk weiter ausgebaut werden oder derjenige ist somit konkret an Entscheidungen wie Parteitags­mehrheiten oder der Vergabe von Landeslistenplätzen beteiligt.

All das kann man gut finden oder nicht – die normative Kraft des Faktischen gibt diesem Rekrutierungs­kanal bis heute recht. Denn das Selbstzerreiben der Piraten­partei und andere Beispiele der vergangenen Jahre belegen, dass ein Zuwenig an erlernter Machttechnik oftmals zum Misserfolg führt. Es wird sich zeigen, ob das mittelfristig bevorstehende Eintreten der Generation Y in höhere politische Kreise daran etwas ändern wird, da ihr in manch soziologischem Aufsatz weniger Bereitschaft zum Durchstehen entbehrungsreicher Aufbauphasen attestiert wird. Darüber, ob die Existenz einer "politischen Klasse" von Politikprofis wünschenswert ist oder dies einen zu geschlossenen und auf sich bezogenen Zirkel zur Folge hat, lässt sich trefflich diskutieren. Ein Korrektiv hierzu ist jedoch, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Rising Stars vergangener Jahre seine persönlichen Ziele nicht erreicht hat. Und dies ist zugleich das demokratietheoretisch Beruhigende: Auch die größte Erfahrung und das am stärksten ausgeprägte taktische sowie strategische Gespür garantieren noch keinen automatischen politischen Aufstieg – vieles hat schlichtweg mit Fortune, dem richtigen Zeitpunkt, dem Pech anderer oder überraschenden Wendungen zu tun. Und noch viel besser: mit dem Wählerwillen.

Hier geht es zur Liste der Rising Stars 2017.

Georg Milde

ist Herausgeber von politik&kommunikation und ­Autor des Buchs "Wege in die Politik: 75 Porträts von der ­Kriegsjugend bis zur Generation Internet".