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Foto: World Economic Forum / Benedikt von Loebell
Politik

Wie überlebt man die ersten 100 Tage im Amt, Herr Rösler?

Als jüngstes Kabinettsmitglied von Schwarz-Gelb stand Philipp Rösler 2009 als neuer Bundesgesundheitsminister von Tag eins an unter Beobachtung. Wie blickt er heute darauf zurück? Teil zwei unserer dreiteiligen Serie über die ersten 100 Tage im Amt

von Mirjam Stegherr

Herr Rösler, Sie haben in Ihrer politischen Karriere einige Ämter angetreten. Aus Ihrer Erfahrung: Gibt es eine Schonfrist in den ersten 100 Tagen?
Nein, man steht von Anfang an unter Beobachtung und muss sicherstellen, dass das, was man macht, Hand und Fuß hat. Weil Medien nach den ersten 100 Tagen im Amt gerne Bilanz ziehen, muss man zudem sehr aktiv sein, sonst fällt die Bilanz entsprechend aus.

Wie überlebt man die ersten 100 Tage im Amt?
Im Prinzip, indem man von morgens bis abends Akten liest und sich mit den eigenen Mitarbeitern unterhält. Es heißt ja immer, der gesamte Apparat sei politisch durch­woben. Aber auf die Informationen der Beamten konnte ich mich immer verlassen, egal welcher vermeintlichen Partei­zugehörigkeit.

Was war Ihr schwierigster Start?
Der als Bundesgesundheitsminister. Sich in die komplexe Struktur des deutschen Gesundheitswesens einzuar­beiten, war eine echte Herausforderung. Auf den Fahrten von Berlin nach Hannover habe ich ganze Körbe voller Akten studiert, damit ich nichts übersehe. Meine größte Sorge war, einen Fehler zu machen, weil ich mich nicht ausreichend mit einer Sache beschäftigt habe.

Sie waren damals mit 36 Jahren das jüngste Kabinettsmitglied. Welche Rolle hat Ihr Alter gespielt?
Die Fehler, die ich gemacht habe, hatten nichts mit meinem Alter zu tun. Dass ich so jung war, hat erst als Bundes­wirtschaftsminister eine Rolle gespielt. Als Bundesgesundheitsminister hat man mir angerechnet, dass ich Arzt war, auch wenn mein medizinisches Studium wenig mit den politischen Entscheidungen zu tun hatte. Im Wirtschaftsbereich musste ich mir die Autorität erst verdienen.

In einem Ihrer ersten Interviews als Bundesminister haben Sie beklagt, dass in Berlin jeder Auftritt unter kritischer Beobachtung stehe. Wie sind Sie damit umgegangen?
Am Anfang habe ich noch gedacht, ich könnte es beeinflussen. Aber dann habe ich erkannt, dass das nicht der Fall ist und mich nicht mehr damit belastet. Ich weiß noch, dass ich zu Beginn einmal zufällig am Gesundheits­ministerium vorbeigelaufen bin und das medial aufge­bauscht wurde. In Berlin glaubt eben keiner an Zufälle. Am Ende muss man das aushalten.

Medien haben Ihnen 2011 als Bundesvorsitzender der FDP eine schlechte 100-Tage-Bilanz ausgestellt. Ihr Versprechen "Ab heute geht’s bergauf" konnten Sie nicht halten. Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich wusste ja im Vorfeld, dass die Landtagswahlen nicht einfach werden. Aber als Parteivorsitzender musste ich ein Signal des Aufbruchs senden. Das Risiko habe ich in Kauf genommen, auch wenn es nicht aufgegangen ist. Es gehört zur Politik, dass es auch schwierige Zeiten gibt. Daran muss man sich bewähren.

Nach der Niederlage bei der Bundestagswahl 2013 haben Sie der Politik den Rücken gekehrt und beim Weltwirtschaftsforum in Genf angefangen. Was hat Ihren Start dort von dem in der Politik unterschieden?
Es gab nicht den Druck, dass jemand eine 100-Tage-­Bilanz zieht. Ich musste nicht ankündigen, was ich in den nächsten vier Jahren erreichen will, und hatte mehr Zeit und Muße, mir die Dinge anzuschauen und genau zu überdenken. Das war sehr angenehm.

Schon einem Monat vor Ihrem Start waren Sie auf dem Jahrestreffen in Davos präsent. Warum?
Das Jahrestreffen ist von so zentraler Bedeutung, dass ich die Gelegenheit nicht verschenken wollte, das Forum kennen­zulernen und mich vorzustellen. Ich wusste ja schon kurz nach der Wahl, dass ich nach Genf wechseln würde und fühlte mich bis Davos gut vorbereitet. Außerdem war ich begeistert von der Idee, das Forum zu repräsentieren. Es war also auch ein Stück weit Leidenschaft.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal ein Amt in Deutschland zu übernehmen?
Definitiv nicht. Ich habe viel gelernt, wofür ich dankbar bin. Es ist aber viel entspannter, nicht unter ständiger Beobachtung zu stehen.

Welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der jetzt neu in ein Ministeramt kommt?
Viel lesen, auf das Wissen der Beamten und Mitarbeiter vertrauen und sich die Zeit nehmen, alles gründlich zu prüfen. Ich weiß, das hört sich trivial an. Aber dafür braucht man starke Nerven, gerade in den ersten 100 Tagen im Amt.

FDP-Generalsekretär, Wirtschafts­minister und stellvertretender Minister­präsident in Niedersachsen, dann Bundesgesundheitsminister, Bundeswirtschaftsminister, Vize­kanzler und Bundesvorsitzender der FDP: Philipp Rösler hat viele erste 100 Tage erlebt. 2013 nahm die politische Blitzkarriere ein jähes Ende, als die FDP aus dem Bundestag flog. Rösler wechselte nach Genf, wo er seit 2014 die Regierungskontakte des Weltwirtschaftsforums verantwortet. Im November wurde bekannt, dass er als Leiter der gemeinnützigen Stiftung Hainan Cihang Charity zum chinesischen Mischkonzern HNA wechseln wird.

Lesen Sie hier im ersten Teil der Serie: Tipps zum Start – so überlebt man die ersten 100 Tage. Warum es für neue Amtsträger keine Schonfrist gibt.

Mirjam Stegherr

ist freie Kommunikationsberaterin und Journalistin. Zuvor war sie u. a. für den Verbraucherzentrale Bundesverband und Fischer Appelt tätig. (Foto: privat)