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Foto: Thinkstock/Nastco
Kampagne

Wie stellen Sie sich politische ­Kommunikation und ­Kampagnen im fiktiven Bundestags­wahljahr 2029 vor?

Wir haben uns bei Kampagnenprofis und Kennern des politischen Betriebs umgehört, wie sie sich Wahlkämpfe der Zukunft vorstellen.

Redaktion

Markus Rhomberg, Leiter des Zentrums Politische Kommunikation der Zeppelin Universität Friedrichshafen:

Foto: Max Münz

"Wir kennen das bereits: Es wird seine Zeit brauchen, bis technologische Entwicklungen in den Wahlkampfzentralen aufgenommen und umgesetzt werden. In zwölf Jahren wird sich wiederum das Mediennutzungsverhalten der Deutschen so fundamental verändert haben, dass den Parteien gar keine Wahl bleibt, sich anzupassen. Was im Zeitalter von Augmented Reality wichtig bleiben wird? Die große Rahmenerzählung muss funktionieren. Sie wird aber immer individueller und im Dialog erzählt werden müssen."

 

Theresa Reis, Campaigner bei WWF Deutschland:

Foto: WWF

"Da politische Kampagnen in Deutschland in ihrer Entwicklung weit hinter denen in den USA zurückliegen, lohnt sich ein Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2016. Dieser Digitalisierungsgrad wird in Deutschland vermutlich erst bei den Bundestagswahlen 2021 erreicht werden. Die Kampagnen in einem Bundestagswahljahr 2029 werden sich zum größten Teil online abspielen. Ein signifikanter Teil des Elektorats sind dann Digital Natives – daran wird sich die Kommunikation der Parteien und Kandidaten orientieren (müssen). Inhalte werden im Idealfall nicht nur perfekt auf die Zielgruppen, sondern auch an die jeweiligen mobilen Endgeräte angepasst. Um das digitale Überangebot auszugleichen werden analoge Maßnahmen wie persönliche Gespräche  und Canvassing gleichzeitig immer wichtiger."

 

Arne Klempert, Head of Digital bei Fleishman Hillard Germany:

Foto: Fleishman Hillard

"Wenn wir den digitalen Wandel nicht schleunigst als große gesellschaftliche Bildungsaufgabe begreifen, werden Wahlkämpfe im Jahr 2029 wohl in zwei Paralleluniversen stattfinden. Auf der einen Seite ein Diskurs auf hohem Niveau, mit Wählern und Politikern im direkten Dialog. Auf der anderen Seite die digital Abgehängten, in deren Filterblase allenfalls noch Populismus vordringt."

 

Hassaan Hakim, Inhaber und Geschäftsführer der Campagning- und Nachhaltigkeitsagentur Yool:

Foto: Yool

"Das Campaigning der Zukunft ist kontinuier­liche Nähe zu den Opinion Supportern. Wir sind live dabei, ganz nah dran an der politischen Bühne. Am Ende haben Wahlstimmen die Relevanz von Likes – eines akuten Ausdrucks von Zustimmung aus einer temporären Laune heraus. In Zukunft werden die Kommunikationskanäle fast ausschließlich webbasiert und mobile sein: Custom Campaigning, Microtargeting und Individual Influencing werden Mittel der Wahl für die politische Kommunikation. Die Gefahr dieser Entwicklung: Trotz potenzieller Transparenz im Netz und vielen Optionen, seine Meinung unabhängig zu bilden, wird es leichter, Menschen zu manipulieren."


Anja Schlicht, Geschäftsführerin der Agentur Navos:

Foto: Mike Fuchs Fotografie

"Auf der Hand liegt: Datenmanager dominieren den Wahlkampf, indem sie ungewöhnlichste Quellen verknüpfen und radikal personalisieren. Kandidaten werden 24/7 inszeniert – bis zu Virtual Realitys, in denen man sie 'persönlich' befragen kann. Aber die Personalisierung durch Algorithmen läuft irgendwann leer. Die Frage ist: Wie wird die Generation Z rebellieren und Live-Begegnungen neu erfinden? Denn egal, wie sehr sich Kommunikationskanäle wandeln, die Bedürfnisse bleiben gleich."

 

Helge Braun, MdB und Staatsminister bei der Bundeskanzlerin:

Foto: CDU

"In den nächsten zwölf Jahren werden die Grenzen zwischen TV, Internet und Printmedien durch die Digitalisierung verschwimmen. Folglich steht die digitale Kampagne nicht neben einer konventionellen, sondern ist integraler Bestandteil. Die Angebote werden interaktiver, zielgruppenspezifischer und individueller. Negativauswüchse wie Manipulation durch Social Bots oder Shit-Stürme werden von einer mündigen Digitalgesellschaft überwunden."

 

Andreas Winiarski, Partner bei Earlybird:

Foto: Matti Hillig

"2029 gibt es keine Politiker, Parteien oder Wahlkämpfe mehr. Jeder Bürger hat einen per Big Data perfekt auf seine politischen Bedürfnisse zugeschnittenen Virtual-Reality-Politiker-Avatar. Die Differenzierung nach Parteien ist obsolet. Ein dank Blockchain unkorrumpierbarer Artificial-Intelligence-Regierungsalgorithmus 'Rousseau' ermittelt auf Grundlage der aggregierten Partikularinteressen den Gemeinwillen. Technisch möglich, aber auch politisch gut!?"

 

Maike Janssen, selbstständige Moderatorin, Beraterin und Mitglied der Kommunikationsberatung Wigwam:

Foto: Wigwam eG

"Habe nur ich Probleme, mir unsere digital geprägte Kommunikationslandschaft in so ferner Zukunft vorzustellen? Fakt ist: Algorithmen und Social Bots übernehmen zunehmend Aufgaben, die wir für originär menschlich hielten: Schreiben, Lesen, Dialoge führen und Gemeinschaften aktiv formen. Nur wenn wir ihre Mechanismen verstehen, behalten wir die Souveränität über unsere eigenen Diskurse und Kampagnen. Für mich sieht das Bundestagswahljahr 2029 deshalb noch nicht so oder so aus; die kommenden zwölf Jahre wollen von uns, und zwar unbedingt, gestaltet werden!"

 

Karin Nink, Chefredakteurin und Geschäftsführerin der Berliner Vorwärts Verlags­gesellschaft:

Foto: Dirk Bleicker

"Die politischen Akteure werden wie Aktivisten und Lobbygruppen noch viel mehr im Netz agieren und Bürger aktivieren. Parteien kennen – aufgrund einer immer leichteren Auswertung persönlicher Daten – ihre Wähler besser und sprechen sie persönlich auf allen Kanälen an. Die Zeit von Social Bots ist schon wieder vorbei. Trotzdem: Der Tür-zu-Tür-Wahlkampf ist nicht ausgestorben. Nichts ist authentischer als das Face-to-Face-Gespräch – auch 2029."

 

Ralf Güldenzopf, Leiter der Abteilung Politische Kommunikation, Konrad-Adenauer-Stiftung:

Foto: Konrad-Adenauer-Stiftung

"Der rege Austausch zwischen digitaler Szene und Parteien treibt Innovation. Augmented Campaigning gehört zum Standard. Das Pendant der digitalen Hyperpersonalisierung sind Millionen echter Gespräche über den Gartenzaun. Letzte Aufgabe der Medien ist 'Echtzeit-Fact-Checking'. Die größte Herausforderung sind nicht mehr die Echokammern, sondern die Cyber-Sicherheit. An den Laternen hängen Plakate. ;-)"

 

Hans Demmel, Vorstands­vorsitzender des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien:

Foto: Hardy Welsch hardy-welsch.de

"Daten sind die Währung der Zukunft. Parteien gewinnen, wenn sie dieses Wissen ummünzen in Köpfe, die Identifikation stiften, und Programme, die das Lebensgefühl der Menschen erreichen. Parteien und Kandidaten kommunizieren direkter, individueller und schneller. Hinzu kommt aber auch: Journalismus, der einordnet, wird noch wichtiger. Vielfältige Audio- und Bewegtbildanbieter bilden auch 2029 die Basis für diesen veränderten demokratischen Diskurs."

 

Elisabeth Wehling, University of California, Berkeley:

Foto: Privat

"Die Kommunikation wird alleine aufgrund der neuen Bedeutung der Social Media ungefilterter ablaufen, als wir es aus der Vergangenheit gewohnt sind. Das birgt Risiken und Chancen. Als klare Chance ist zu benennen, dass zunehmend unterschiedliche Perspektiven in den politischen Diskurs und die Wahlkämpfe einfließen werden, was zu demokratischeren und offeneren Wahlkämpfen führen kann."