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Foto: Felix Brüggemann

"Wie macht man Entwicklungspolitik sexy, Frau Wedekind?"

Beate Wedekind (62) leitet vorübergehend die Lobby- und Kampagnenorganisation ONE in Deutschland. Mit p&k sprach die Publizistin darüber, wie es dazu kam und was äthiopische und Berliner Start-Up-Unternehmer voneinander lernen können.

Interview: Martin Koch

p&k: Frau Wedekind, seit 1. März vertreten Sie ONE-Deutschland-Direktor Tobias Kahler. Wie kam es dazu?

Beate Wedekind: Bei ONE engagiere ich mich ja schon seit einigen Jahren aktiv, kenne also die Akteure und das Team persönlich. Als ich gefragt wurde, ob ich ONE bei der Suche nach einer Elternzeitvertretung für Tobias unterstützen könne, empfahl ich zwei Kolleginnen – und mich persönlich. Ich habe dann den ganz normalen Bewerbungsprozess durchlaufen – und den Job bekommen. Mein letztes Bewerbungsgespräch hatte ich übrigens 1982, als ich als Redakteurin von "Bild Berlin" zu "Bunte" nach Offenburg wechselte. Entsprechend aufgeregt war ich dieses Mal, zumal die Gespräche per Videokonferenz zwischen Washington, London und Berlin geführt wurden.

Mit der preisgekrönten Kampagne "Ich schaue hin" hat ONE Deutschland im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 viel Aufmerksamkeit erregt. Wie sieht Ihre politische Kampagnenarbeit aus, nun, da die Regierung gewählt und die Politik zum Normalbetrieb zurückgekehrt ist?

Wir werden weiter hinschauen! Jetzt geht es darum, dass die Politiker ihre Zusage einhalten und extreme Armut verstärkt bekämpfen. Das haben uns über 60 Prozent der Bundestagsabgeordneten versprochen. Bisher wird das selbstgesteckte Ziel komplett verfehlt, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) für Entwicklungszusammenarbeit aufzuwenden. Außerdem stehen wichtige Ereignisse bevor. Wir wählen im Mai ein neues europäisches Parlament, 2015 findet der G8-Gipfel in Deutschland statt und im selben Jahr werden Nachfolgeziele für die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ausgearbeitet. Bei allen Prozessen ist ONE aktiv mit politischer Kampagnenarbeit dabei.

Welche Themen haben nun Priorität?

Thematisch stehen aktuell vor allem Transparenz und Landwirtschaft bei uns auf dem Programm. ONE will Transparenz im Rohstoffsektor, damit die Menschen in Afrika vom Ressourcenreichtum ihrer Länder profitieren. Mehr Transparenz in Unternehmensregistern kann außerdem Scheinfirmen verhindern. Durch Scheinfirmen gehen Afrika jährlich viele Milliarden Euro verloren. Geld, das in die Entwicklung der Länder fließen könnte. Die EU-Finanzminister entscheiden bald über eine entsprechende Richtlinie, also auch Wolfgang Schäuble. Unsere Petition dazu haben über 62.000 Menschen unterzeichnet. Investitionen in die Landwirtschaft sind der Schlüssel zur Reduzierung extremer Armut in Subsahara-Afrika. Sie sind elf Mal so effektiv wie Investitionen in andere Bereiche.

Sie wollen das Feld der Entwicklungspolitik "sexy" machen. Als Chefredakteurin haben Sie Magazine wie "Bunte" und "Elle" gemacht und als Unternehmerin TV-Shows wie die "Goldene Kamera" und ein "Ein Herz für Kinder" produziert. Inwiefern helfen Ihnen diese Erfahrungen bei Ihrer neuen Aufgabe?

Ganz sicher habe ich durch meine berufliche Erfahrung einen eher populären Ansatz in der Kommunikation. Fakten und Zahlen sind das eine, genauso wichtig finde ich aber, dass wir hier in Deutschland mehr über die Menschen erfahren, um die es bei der Entwicklungszusammenarbeit geht. Das Afrikabild in der deutschen Öffentlichkeit ist doch sehr stark von Korruption, Kriegen und Katastrophen geprägt. Das ist mir definitiv zu eindimensional. Ich bin eine Geschichtenerzählerin und möchte die Botschaft „Es bewegt sich was in Afrika“ an konkreten menschlichen Beispielen unter die Leute bringen.

Seit fünf Jahren engagieren Sie sich in der afrikanischen Startup-Szene, besonders in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Sie leben aber nach wie vor auch in Berlin, einer Stadt, die ebenfalls für ihre Startups bekannt ist. Was können äthiopische und Berliner Unternehmer voneinander lernen?

Ich bin ich eine leidenschaftliche Unterstützerin der neuen, unternehmerisch und eigenverantwortlich denkenden jungen afrikanischen Generation. Um sie besser international zu vernetzen, habe ich 2012 die Plattform TheNewAfrica//Journal of Change gegründet.

Der größte Unterschied zwischen afrikanischen und deutschen Startups ist sicher, dass afrikanische Jungunternehmer sich stärker dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Arbeitsplätze schaffen geht vor Geld scheffeln. Von deutschen Startups können die afrikanischen lernen, wie man sich besser „verkauft“; sie sind oft zu bescheiden in ihrem Auftritt, auch wenn sie sehr genau ihre Ziele vor Augen haben. Deutsche Startups können von afrikanischen lernen, dass ein offener Knowhow-Austausch immer eine win-win-Situation ist.