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International

Wie lässt sich Donald Trumps Erfolg erklären?

Donald Trump hat das Rennen ums Weiße Haus gewonnen. Wie konnte das geschehen? Und warum sahen die wenigsten seinen Sieg kommen? Ein Rundruf.

Redaktion

[no-lexicon] Der Fall, den die wenigsten für möglich gehalten haben, ist eingetreten. Im Rennen um das Weiße Haus hat Donald Trump die Favoritin Hillary Clinton geschlagen. Am Tag nach der Wahl beginnt die Ursachenforschung. politik&kommunikation hat bei Experten nachgefragt:

Wie ist der Wahlsieg Donald Trumps zu erklären und warum haben ihn so wenige Beobachter kommen sehen?

Hugo Müller-Vogg, Publizist:

Foto: Laurence Chaperon

"In Amerika wurden Wutbürger zu Wutwählern. Tatsächlich oder vermeintlich Zukurzgekommene, Mittelschichtangehörige mit Abstiegsängsten und Weiße mit Sorgen vor einer angeblichen Überfremdung wollten es 'denen da oben', das heißt den Eliten in Politik und Medien, einmal zeigen. Jede Trump-Attacke der überwiegend auf Clintons Seite stehenden Medien hat sie in ihrer Protesthaltung noch bestärkt. Trump wurde von den Meinungsforschern wie von den Medien unterschätzt. Das Trump-Bashing hat sicherlich dazu beigetragen, dass potenzielle Trump-Wähler in Umfragen ihre Wahlabsicht verschwiegen haben. Wahrscheinlich haben manche Institute ihre Daten zugunsten von Clinton gewichtet – weil nicht sein soll, was nicht sein darf. Das kennen wir aus Deutschland: Die AfD schneidet bei den Landtagswahlen am Wahltag fast immer deutlich besser ab als in den meisten Umfragen."

Andrea Steinert, Direktorin des Amerika Hauses NRW:

Foto: Amerika Haus NRW

"In den vergangenen Wochen sind in den Medien und in der Debatte nur noch die Namen Trump und Clinton gefallen. Wir haben im Zuge dieser Personalisierung vergessen, dass das amerikanische Volk zur Wahl aufgerufen war. Es ist unterschätzt und viel zu wenig beobachtet worden, wie viele Wähler Donald Trump unterstützen. Er ist ein Sprachrohr einer Bevölkerungsgruppe, die von der Politik und auch von Hillary Clinton zu wenig abgeholt wurde. In den Umfragen haben sich zudem viele Menschen nicht als Trump-Wähler geoutet. Beim Brexit war es auch so: Viele Protestwähler behielten lieber für sich, wo sie am Wahltag ihr Kreuz machen wollen. Was lernen wir daraus? Wir müssen viel besser darauf achten, was die Menschen bewegt, statt uns im Wahlkampf nur auf die Kandidaten zu konzentrieren."

Ulrich von Alemann, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf:

Foto: privat

"Sicher gibt es viele Gründe für den von wenigen vorhergesagten Wahlsieg Trumps. Die wichtigen sind: Die Trump-Wähler waren durch die knappen Umfragen der letzten Tage noch motivierter zu wählen. Der Kampfeswille war stärker. Bei den Experten war wohl auch viel wishfull thinking im Spiel, dass sie einen Trumpsieg für undenkbar hielten. Die bisherigen Nichtwähler hat Trump teilweise wohl im last minute swing mobilisiert. Deren Verhalten ist besonders schlecht vorherzusagen. Schließlich können sich bei Umfragen immer noch Befragte zurückgehalten haben, sich zu Trump zu bekennen."

Gerrit Richter, CEO Civey:

Foto: Götz Schleser

"Der Anteil der Menschen, die sich vom aktuellen politischen System nicht mehr repräsentiert fühlen, ist augenscheinlich viel größer als vermutet. Auf der links-liberalen Seite hat sich der Wunsch nach 'Change' schon 2008 bei der Wahl von Obama gezeigt und ebenso beim Achtungserfolg des Außenseiters Bernie Sanders. Am Wahltag in den USA kam er nun vom entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums. Dass diese Entwicklung nicht vorausgesehen wurde, ist auch ein Versagen der herkömmlichen Meinungsforschung, die – genau wie beim Brexit – bestimmte Teile der Bevölkerung nicht mehr in ihren Modellen abbildet beziehungsweise bei Befragungen nicht erreicht. Die Daten unserer eigenen Erhebungen zeigen im Übrigen auch, dass der Anteil der Unzufriedenen in Deutschland ähnlich hoch ist wie in den USA. Die Wahl von Trump mag schockieren, aber die Menschen, die einen Kandidaten wie ihn wählen würden, gibt es nicht nur in den USA."

Jacqueline Schäfer, Präsidentin des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS):

Foto: privat

"Die White-House-Astrologen dies- und jenseits des Atlantiks haben fast alle komplett versagt. Trump, der Außenseiter, der alle Regeln der politischen und diplomatischen Kommunikation verletzt hat, der anders als seinerzeit Ronald Reagan keinerlei politische Erfahrung hatte, passte nicht in das Reizschema der Politanalysten. Es konnte nicht sein, was nicht sein darf. Den 'Politclown' nahm man nicht ernst. Gleichzeitig wurde übersehen, dass er aber die Bedürfnisse eines Großteils der ländlichen Bevölkerung zu formulieren verstand: mit einfachen Worten und einem Habitus der Unabhängigkeit. Da stand jemand, der nicht zum Establishment gehörte, der Hoffnung formulierte und vermeintlich hinhörte. Clintons große politische Erfahrung konnte ihr nicht weiterhelfen: Sie wurde gleichgesetzt mit dem politischen System, das offensichtlich das Vertrauen weiter Teile der Gesellschaft verspielt hat. Doch die Politbeobachter haben genau dies übersehen und sie viel zu früh zur Siegerin erklärt. Der Wahlausgang ist Folge unzureichender Debattenkultur, die auch immer dazu dient, genau hinzuhören und empathisch auf das Gegenüber einzugehen. Nicht nur auf Panels, nicht nur vor Fernsehkameras, sondern bei jeder Begegnung mit Menschen. Überall und jederzeit. Deutschland sollte aus der US-Wahl lernen." [/no-lexicon]