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„Wie ein Tornado“

Henryk M. Broder gilt als gnadenloser Polemiker. Bei einem Frühstück in seiner Wohnung in Berlin-Schmargendorf sprach er mit p&k über sein Verhältnis zur politischen Korrektheit.

Interview: Sebastian Lange, Holger Böthling

Herr Broder, Leon de Winter hat Sie den „ultimativen Albtraum für alle Verfechter der Political Correctness“ genannt. Was ist eigentlich „Political Correctness“?
Das ist einer der schwammigsten Begriffe in der politischen Terminologie. Wahrscheinlich ist nur noch „Friedensbewegung“ schwammiger oder „Freie und Soziale Marktwirtschaft“.

Es ist also ein Schlagwort.
Es ist ein Schlagwort, ja. Der Begriff ist mir nicht ganz geheuer. Helmut Markwort hat mich in seiner Laudatio auf den Ludwig-Börne-Preis dafür gelobt, dass ich mich nicht daran halte. Das finde ich einerseits prima, aber andererseits auch vollkommen übertrieben. Es unterstellt eine Art von intendierter Haltung. Dass ich sozusagen morgens aufstehe und mir sage: „Heute werde ich mich nicht an die politische Korrektheit halten.“
Aber das ist nicht der Fall. Ich schreibe über das, was mich interessiert und ich mache mich darüber lustig, was ich komisch finde. Das kommt bei einem Teil des Publikums dann als politisch unkorrekt an. Aber es gibt einfach Dinge, über die kann ich mich jedes Mal aufs Neue aufregen. Nehmen Sie die Bezeichnung „Bürger mit Migrationshintergrund“. Sind Sie Berliner?

Nein.
Ok, gut. Versuchen Sie einmal, jemanden in Berlin zu finden ohne Migrationshintergrund. Schwierig, oder? Die Hälfte der Berliner stammt irgendwo aus Schwaben, die andere aus der Gegend von Breslau. Einige, so wie ich, sind richtig aus dem Osten dazu gezogen. Also ein Berliner ohne Migrationshintergrund ist wie eine Bulette ohne Brötchen: Das wird’s nicht geben. Aber wenn wir von „Migrationshintergrund“ sprechen, dann meinen wir nur eine kleine Gruppe der Einwanderer.

Welche?
Unsere arabischen und muslimischen Mitbürger. Der Begriff ist diskriminierend, weil er verbal etwas anderes sagt, als er inhaltlich meint. Ich hörte neulich in den ZDF-Nachrichten, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in Dänemark Autos angezündet haben. Darauf habe ich gleich der Pressestelle geschrieben und gefragt, welchen Migrationshintergrund diese Jugendlichen denn gehabt hätten, ob es sich vielleicht um frustrierte Polen gehandelt hätte. Darauf bekam ich einen pampigen Brief zurück. Ich sollte nicht solche Fragen stellen, ich wüsste doch, was gemeint wäre. Also: Es gibt da dieses stille Einverständnis.

Woher kommt das?
Aus der Mitte der Gesellschaft. Es hat noch nie eine Gesellschaft gegeben, die dermaßen zensurlos war, im Sinne einer Verfügungsmacht von oben. Was es gibt – und deswegen wünsche ich mir manchmal eine staatliche Zensur –, ist ein Konformitätsdrang von unten. Es gibt sozusagen eine Medienlandschaft, eine ganze Öffentlichkeit, die sich selbst zensiert, indem sie sich Sprachregelungen auferlegt.

Diese Sprachregelungen sind schlimmer als staatliche Zensur?
Das sind die schlimmsten. Denn Sie können dafür eigentlich niemanden verantwortlich machen. Niemand ist da, der sie in die Welt gesetzt hat. Sie entstehen sozusagen aus sich selbst. Wie ein Hurrikan, wie ein Tornado.

Warum benutzen so viele Deutsche politisch korrekte Sprache?
Ich weiß es nicht. Einerseits ist es ja unglaublich beliebt in Deutschland, gegen Tabus anzurennen. Jeder, der drei kritische Worte über Israel sagt, kommt sich gleich als ein Held vor, der ein Tabu bricht. Doch das Tabu gibt es nicht. Offenere Scheunentore kann man gar nicht einrennen. Andererseits gibt es eine Art Harmoniebedürfnis, Probleme nicht wahrzunehmen, es nicht allzu genau wissen zu wollen. Das ist ein Versuch, sich aus der Realität zu schleichen.

Ist eine Grundtendenz politischer Korrektheit, Unterschiede zu negieren?
Ja. Als es die DDR noch gab, war in der westdeutschen Gesellschaft der höchste Wert nicht Gleichheit, sondern Freiheit. Das hat sich verschoben. An der Spitze der Werte, die heute geschätzt werden, steht im Osten wie im Westen Gleichheit. Nicht im Sinne der französischen Égalité, sondern wirkliche Gleichmacherei.

Welche Rolle spielt die Politik dabei?
Die Politik fördert das wahnsinnig. So wie der Fisch vom Kopfe her stinkt, fängt diese Art von Gleichmacherei und Gleichschalterei natürlich bei der Politik an. Fragen Sie mich nach einem einzigen Politiker, der in diesem Land Klartext redet. Ich weiß keinen. Am ehesten noch Guido Westerwelle, was mir schwer fällt zuzugeben, weil ich ihn nicht mag.
Wenn ich jetzt auf Vortragsreise gehe, zeige ich immer die Originalseite aus der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ vom 25. September 2005. Das sind die zwölf Mohammed-Karikaturen. Die sind harmlos und banal. Aber alle waren damals davon überzeugt, dass das Karikaturen sind, wie sie auch im „Stürmer“ gestanden haben. Günter Grass hat’s gesagt, Fritz Kuhn auch. Fritz Kuhn, Jahrgang 1955! Und er erinnert sich genau an den „Stürmer“. Der muss ein phänomenales pränatales Gedächtnis haben.

Günter Grass hat gesagt, man könne sich in dem Fall nicht mehr unter den „schützenden Schirm der Meinungsfreiheit“ stellen ...
... weil wir auch unsere Sünden begangen hätten, ja. Wenn man diesen Satz wörtlich nimmt, dann dürfen wir eigentlich gar nichts. Wir dürfen uns über die dem Islam immanente Neigung zur Gewalt – nur so kann man es nennen – nicht aufregen, weil wir mal die Kreuzzüge hatten. Mit diesem Argument können Sie sofort jede Debatte beenden. Ja, das Christentum hat eine grausame Kriminalgeschichte hinter sich. Und ich fürchte, der Islam hat sie immer noch vor sich. Das macht einen Unterschied aus.

Heißt das, Political Correctness bringt das hervor, was sie eigentlich zu bekämpfen vorgibt?
Genau das. Sie bringt Einschränkungen und Denkverbote und eine unglaubliche Masse an Heuchelei hervor. Ich halte das für einen Versuch, sich gut zu fühlen, aufgehoben in der Mehrheit. Damit verzichtet man auf eine Auseinandersetzung, auf irgendeine Art von politischem Kampf. Ich merke, dass ich mit Leuten aus dem Westen kaum darüber reden kann, weil die alle in dieser Freiheit aufgewachsen sind. Aber Ossis haben dafür ein gutes Gespür, weil sie diesen Geruch der Unfreiheit noch in der Nase haben.

Und ecken an. So wie Steffen Heitmann oder zuletzt Peter Krause, der nicht Kultusminister in Thüringen werden durfte. Der sächsische Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche verließ die CDU, nachdem er die rot-grüne Bundesregierung als „Multikulti-Schwuchteln“ bezeichnet hatte.
Also, es gibt Grenzen des Benehmens, die man einhalten muss. Das hat mit Political Correctness nichts zu tun. Sie können niemanden als rot-grüne Schwuchtel bezeichnen. Politische Korrektheit oder Unkorrektheit bedeutet nicht, dass alles geht.

Henryk M. Broder

wurde am 20. August 1946 im polnischen Kattowitz geboren. 1958 zog er mit seinen Eltern in die Bundesrepublik. Broder schreibt für den „Spiegel“, den „Tagesspiegel“ und kommentiert als Autor des Blogs „Die Achse des Guten“ das Tagesgeschehen. 2007 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis und den Goldenen Prometheus in der Kategorie „Onlinejournalist des Jahres“.