Ein Iphone mit der App Clubhouse. Stilecht mit Sprung im  Bildschirm. (c) picture alliance / Robin Utrecht
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Ein Iphone mit der App Clubhouse. Stilecht mit Sprung im Bildschirm. (c) picture alliance / Robin Utrecht
Social Media

Wie Clubhouse den politischen Raum erobert

Die Audio-App Clubhouse ist in Deutschland angekommen. Einst als Corona-Phänomen gestartet, etabliert sie sich nun auch im politischen Raum – mit unerwarteten Folgen und ein paar altbekannten Problemen.

von David Issmer

Der angesagte neue Club lässt nicht jeden rein. Kennt man keinen, der einen von drinnen reinholt, muss man ziemlich lange in der Schlange stehen und warten. Und dann auch noch die richtigen Accessoires dabeihaben – ohne Apple-­Handy hat man keine Chance.

Seit die Clubs in der Pandemie geschlossen sind, erlebt die Audio-App Clubhouse einen Boom. Die Türen des neuen Treffpunktes wurden erstmals im April 2020 geöffnet, also ungefähr zu Beginn der ersten Lockdowns in der EU und den USA infolge der Corona-Pandemie. Über Monate war die App nur in den USA bekannt und auch dort mit etwa einer Million Nutzern eher ein Nischenprodukt unter den großen Social-Media-Plattformen, die alle auf die Verbindung von Text und Bild setzen. Seit Dezember 2020 jedoch ist ein exponentielles Wachstum zu verzeichnen. 

In Deutschland dauerte es noch etwas länger: Mitte Januar war die Gratis-App an einem Tag sogar die meist­heruntergeladene Anwendung in Apples App Store. Dazu dürften viele Prominente und Influencer beigetragen haben, die ihre Fans und Follower zur neuen App zogen. Während das in den USA eher Prominente wie Tesla-Chef Elon Musk, Talkerin Oprah Winfrey, Musikstar Kanye West und Hotel-Erbin Paris Hilton waren, tauchten in Deutschland gleich zu Beginn viele Politiker auf, unter ihnen die Digitalministerin Doro Bär (CSU), Kevin Kühnert (SPD), FDP-Chef Christian Lindner, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (SPD).

Clubhouse erobert den politischen Raum – oder ist es andersherum?

Das verwundert nicht. In Clubhouse geht es weniger um Musik als vielmehr um das gesprochene Wort. Jeder kann dort in virtuellen Räumen auf eine Bühne steigen und zum Publikum sprechen – oder zuhören und bei Bedarf fragen, ob er oder sie auch auf die Bühne kommen und etwas beisteuern darf. Prominente nutzen die App gern, um individueller mit ihren Fans zu kommunizieren. Zugleich gibt es große Räume, in denen eine Vielzahl Redner sich thematisch untereinander austauscht oder miteinander diskutiert. Man könnte Clubhouse insofern entweder als Live-Podcast bezeichnen oder auch als Talkshow ohne Bild. Thematisch ist für alle etwas dabei: Es gibt virtuelle Räume zur Klimapolitik, zu Feminismus, Coaching, Geldanlagen, Autotuning, Sport – kaum ein Thema, das nicht wenigstens eine Handvoll Foren hat.

Laut AGB gibt es bei der Nutzung ein paar grundlegende Regeln: Man soll Gesagtes nicht zitieren und darf auch nicht ungefragt mitschneiden – was in der Praxis natürlich kaum kontrollierbar ist. Ansonsten gilt: Freies Wort, man kann jedes Thema anschneiden und über alles sprechen, sofern man dafür Zuhörer findet. Oft klingen die Sessions zu Beginn eher wie eine hakelige Video-Bürokonferenz: "Cord, du bist noch auf mute!", "Hallo, könnt ihr mich hören?" Dadurch und wegen der meist überschaubaren Personenzahl auf der jeweiligen Bühne stellt sich schnell das Gefühl ein, in einem privaten Rahmen miteinander zu sprechen.

Erste Mini-Skandale

Das liegt auch am fehlenden Applaus, wodurch selbst Tausende Zuhörer kaum spürbar sind. Nur so lässt sich wohl erklären, weshalb sich Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zu seinen provokanten Äußerungen über die Kanzlerin und seine Candy-Crush-Spiele während der Corona-Gipfel hinreißen ließ, über die die Medien im Anschluss breit berichteten. Spätestens mit diesem "Candy-Crush-Gate" hat Clubhouse einen großen Teil seiner anfänglichen Unschuld verloren. Man weiß jetzt: Die Presse hört mit. Viele verhalten sich nun dementsprechend.

Dennoch lohnt sich ein Reinhören. Anders als die großen Social-Media-Plattformen, wo für den perfekten Auftritt manchmal stundenlang an einem Tweet oder Video gebastelt wird, ist Clubhouse live und direkt. Kein "Hier twittert das Team des Abgeordneten XY" und keine gestellten, zigfach mit Filtern überarbeiteten Hochglanzfotos. Vorgefertigte Statements reichen hier nicht aus, denn der Verlauf einer Diskussion lässt sich nicht vorhersagen. Das führt manchmal zu bizarren Situationen wie vor ein paar Wochen, als die liberale Nachwuchspolitikerin Ria Schröder den selbstgefällig auftretenden Altkanzler Gerhard Schröder mit Fragen nach seinem Verhältnis zu Russland in die Ecke trieb – und dieser sich nicht anders zu helfen wusste, als sich beim Moderator der Runde über die Themenwahl zu beschweren. 

Die sogenannte Arbeitsebene der Politik tummelt sich unterdessen bevorzugt in Räumen wie "Espresso/Mittag @im Regierungsviertel": Dort trifft man zwar gefühlt vor allem die engere politisch-mediale Bubble aus Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg. Diese offenen Formate können jedoch auch spannend für alle sein, die aus der Ferne mal in den praktischen Berliner Politikbetrieb hereinschnuppern möchten. Vielleicht am Spannendsten sind jene Ad-hoc-Runden, die sich auf äußere Ereignisse hin spontan ergeben und eine ganz eigene Dynamik bekommen. So kann aus einem lockeren Gespräch unter Politikberaterinnen zu den Ergebnissen des Impf-Gipfels plötzlich eine Runde mit Hunderten Zuhörern werden, in der sich auch bekannte Personen aus Politik, Wissenschaft und Medien zu Wort melden.

Die dunkle Seite der App

Clubhouse ist aber mehr als nur ein Ersatz für pandemiebedingt ausgefallene parlamentarische Abende. Vor kurzem trafen sich Berliner Clan-­Größen in einem öffentlichen Raum, um ihrem Ärger über die Verfolgung durch Polizei und Staatsanwaltschaft Luft zu machen. Mehrfach wurde dabei der krude Vergleich zur Verfolgung der Juden im Dritten Reich gezogen – unwidersprochen. Dies weist auf ein Problem der Diskussionen hin: Es gibt meist keinen berufenen Moderator, der bei Hass und Hetze eingreift. Genauso wenig wie ein funktionierendes Meldeverfahren für rechtsextreme, rassistische oder anstößige Inhalte. 

Auch aus der Perspektive des Datenschutzes ist die App problembehaftet: Sie greift auf das Adressbuch des Handys zu, nennt weder Impressum noch Datenschutzbeauftragten und enthält bislang auch nicht die vorgeschriebenen deutschen AGB und Datenschutzhinweise. Zudem ist Datenschützern zufolge in der App eine Technik zum Gesprächsmitschnitt durch die Betreiber integriert. Die verweisen darauf, dass man sich noch im Beta-Stadium befinde – eine etwas fragwürdige Darstellung bei einer App, die mehrere Millionen Nutzer hat und im App Store herunterladbar ist. An dieser Stelle sollten die Betreiber schnell nachbessern, sonst drohen zumindest in der EU und ihren Mitgliedstaaten empfindliche Sanktionen.

Wahlkampfinstrument?

Ist Clubhouse trotz dieser dunklen Seite ein Tool für die politische Diskussion? Ausdrücklich ja. Im Allgemeinen ist der Umgangston fair und überraschend höflich. Dazu trägt bei, dass die Personen mit ihrem Klarnamen angemeldet sind und zumeist auch ein entsprechendes Profilbild führen. Zudem ist einsehbar, durch welche Person man jeweils eine Einladung zu der App bekommen hat – so drohen Regelverstöße immer auch auf diese Person zurückzufallen, was zur Disziplinierung beiträgt. Gerade in Corona-Zeiten bietet Clubhouse für Politiker eine Möglichkeit, eine große Anzahl Menschen auf direktem Wege zu erreichen und dabei zugleich ein Näheverhältnis aufzubauen. 

Als Formate sind die altbewährten Bürgersprechstunden ebenso denkbar wie Townhall-Diskussionen oder virtuelle Marktplatzbühnen. Voraussetzung ist allerdings stets, dass die Formate gut vorbereitet und beworben werden, was dank automatisierter Verknüpfung mit anderen sozialen Medien denkbar einfach ist. Bei der Planung der Panels empfiehlt es sich aus Gründen der Reichweite, Personen mit vielen Followern von Beginn an auf die Bühne zu holen. Denn auf diese Weise werden all diese Fol­lower automatisiert auf das Gespräch hingewiesen. Natürlich kann es sein, dass die Nutzung der App nach dem Ende der Corona-Pandemie etwas zurückgeht, weil sich die Menschen wieder vermehrt persönlich treffen und austauschen. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich als eines von vielen Angeboten dauerhaft etablieren wird, genau wie Movie-Streaming, Videokonferenzen und Homeoffice.

Eines aber darf gerade die Politik bei alldem nicht vergessen: Clubhouse ist weit davon entfernt, die deutsche Bevölkerung zu repräsentieren. Nur knapp ein Viertel der Menschen in Deutschland nutzt Apple-Handys – eine Version für Android ist zwar angekündigt, steht aber noch immer aus. Und auch wenn die Zugangsbestimmungen durch großzügige Einladungsvergabe gelockert wurden, handelt es sich noch immer um eine App, deren Nutzung nur durch Einladung möglich ist. In einer aktuellen Umfrage gaben gerade einmal 6,4 Prozent der Befragten an, schon von der App gehört zu haben; nur weitere 0,7 Prozent der Personen gab an, sie auch tatsächlich zu nutzen. Diese Gemengelage sowie bestimmte Algorithmen fördern kräftig die Bubble-Bildung. Kein Problem, wenn man genau diese erreichen möchte – ein großes Hindernis aber, wenn man eigentlich zu den Wählerinnen und Wählern im Land sprechen will.

David Issmer

ist Rechtsanwalt und leitet die Abteilung Public Affairs der Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in Berlin. Er ist zudem Beirat der Degepol.