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International

Wer wird Parteichef der britischen Tories?

Innenministerin Theresa May und Justizminister Michael Gove haben angekündigt, für den Vorsitz der britischen Konservativen und das Amt des Premierministers zu kandidieren. Auch Andrea Leadsom, Energiestaatssekretärin und Brexit-Befürworterin, will David Cameron als Parteichefin beerben. Wer hat die besten Chancen?

von Aljoscha Kertesz

In dieser Woche kommen die 330 Abgeordneten der britischen Tories zusammen, um die zwei Kandidaten zu wählen, unter denen die Parteibasis den zukünftigen Parteiführer und Premierminister bestimmen wird. Innenministerin Theresa May scheint gesetzt. Spannend bleibt, wer es als zweites auf den Wahlzettel schaffen wird. Immer unwahrscheinlicher ist, dass es der von Medien und Politikexperten ursprünglich als Favorit gehandelte Justizminister Michael Gove sein wird.

Unter den alten Parteistatuten hätte Innenministerin Theresa May die Nachfolge von David Cameron so gut wie sicher. Bis Ende der neunziger Jahre bestimmten ausschließlich die Fraktionsmitglieder, wer aus ihrer Mitte die Partei führt. Nach einer umfassenden Parteireform sind es nunmehr alle Parteimitglieder, die aus zwei von der Fraktion vorselektierten Abgeordneten ihren Vorsitzenden bestimmen.

May nimmt Kurs auf den Parteivorsitz

In den vergangenen Tagen hat sich gezeigt, dass die Kampagne der Innenministerin May über so viel Schwungmasse verfügt, dass sie es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Liste der zwei Kandidaten schaffen wird. Zu ihren aktuell mehr als 100 Unterstützern gehören beispielsweise der Fraktionsvorsitzende Chris Grayling, Gesundheitsminister Jeremy Hunt, Staatsminister Matthew Hancock und Entwicklungshilfeministerin Justine Greening.

May ist die am längsten amtierende Innenministerin, die Großbritannien in den vergangenen 100 Jahren hatte. Sie gilt als äußerst kompetent, versprüht jedoch eher spröden Charme und wirkt unterkühlt. Die europaskeptische innenpolitische Hardlinerin hatte sich während der Brexit-Kampagne pflichtbewusst an die Seite von Premierminister David Cameron gestellt. Während des Wahlkampfs trat sie allerdings so gut wie gar nicht in Erscheinung. Abgeordnete aller Parteiflügel trauen ihr am ehesten zu, die Gräben zwischen den verfeindeten Lagern zu schließen.

Zwei Nachwuchsstars im Rennen

Mit Stephen Crabb und Andrea Leadsom haben zwei Nachwuchsstars ihren Hut in den Ring geworfen. Crabb, Staatssekretär im Arbeitsministerium, ist ein überzeugter Befürworter der EU-Mitgliedschaft Großbritanniens. Er kokettiert gerne damit, dass er aus einem Arbeiterhaushalt stammt, und somit unter den Abgeordneten der Konservativen eher ein Exot sei. Er wird beispielsweise von Wirtschaftsstaatssekretär Sajid Javid und Jeremy Wright unterstützt. Wright gehört als Generalstaatsanwalt ebenfalls der Regierung an. Mit seiner Kandidatur schärft der 43-Jährige sein Profil als Mann der Zukunft. Es ist jedoch mehr als unwahrscheinlich, dass es neben Theresa May ein weiterer Europabefürworter auf den Wahlzettel schaffen wird.

Deutlich bessere Chancen hat Energiestaatssekretärin Andrea Leadsom, die aus ihrer europaskeptischen Haltung bereits in der zurückliegenden Kampagne keinen Hehl gemacht hatte. In mehreren Debatten hat sie sich als gut argumentierende Vertreterin der "Vote Leave"-Kampagne einen Namen gemacht. Nachteil der ehemaligen Investmentbankerin: Sie sitzt erst seit 2010 im Parlament und hat sich bisher nicht in einem Top-Ressort beweisen müssen. Neben Verteidigungsstaatsekretärin Penny Mordaunt haben sich gleich mehrere profilierte Europaskeptiker für sie ausgesprochen, beispielsweise der ehemalige Parteivorsitzende Iain Duncan Smith und der ehemalige Umweltstaatsekretär Owen Paterson.

Keine Chancen auf das Spitzenamt hat der ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox, der es im Jahr 2005 überraschend neben David Cameron auf den Wahlzettel geschafft hatte, anschließend jedoch dem aktuellen Premierminister deutlich unterlag. Sein einziger bekannter Unterstützer ist Verkehrsstaatsminister Robert Goodwill, daneben wird er von einigen Abgeordneten vom rechten Parteiflügel unterstützt. Vermutlich wird er am morgigen Dienstag als erster aus dem Rennen ausscheiden müssen.

Justizminister Gove hat sich verzockt

Nur noch Außenseiterchancen hat Justizminister Michael Gove. Nachdem er vergangene Woche zunächst seinem beliebten Kompagnon Boris Johnson die Befähigung zum Premierminister absprach und anschließend seine eigene Kandidatur verkündete, hat er sich viele Feinde in der gesamten Partei gemacht. Zudem hat er sich mit der Kandidatur ein Glaubwürdigkeitsproblem aufgebunden: In den vergangenen Jahren hatte er mehrfach öffentlich verkündet, dass ihm die Begabung für das Spitzenamt abginge und er niemals Premierminister werden wolle. Bisher hat er es nicht geschafft, eine ernstzunehmende Anzahl an Abgeordneten für sich einzunehmen. Zu seinen wenigen prominenten Unterstützern zählen Kulturminister Ed Vaizey und die Erziehungsministerin Nicky Morgan.

Nach David Cameron, Boris Johnson und Finanzminister George Osborne könnte mit Justizminister Michael Gove bald ein weiterer Politiker seine Karriere an den Nagel hängen. Der Siegeszug von Theresa May scheint wiederum unaufhaltsam zu sein. Vorsicht ist jedoch geboten, da die Tories in der Vergangenheit gleich mehrfach durch Unberechenbarkeit auffielen und der vermeintliche Favorit letztlich in der Abstimmung durchfiel.

Ablauf

Am Dienstag findet der erste Wahlgang unter den Fraktionsmitgliedern statt. Dabei scheidet der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus. Jeweils ein weiterer Wahlgang findet am Donnerstag und kommenden Dienstag statt, bis nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben. Anschließend bestimmen die rund 150.000 Parteimitglieder bis zum 9. September ihren neuen Parteivorsitzenden.

Aljoscha Kertesz

ist Berater für Public Relations und Public Affairs. (Foto: Robert Martin)