Hat sich ihren Abschied anders vorgestellt: Bundeskanzlerin Angela Merkel verlässt eine Bundestagssitzung im April. (c) picture alliance/Reuters/Michele Tantussi
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Hat sich ihren Abschied anders vorgestellt: Bundeskanzlerin Angela Merkel verlässt eine Bundestagssitzung im April. (c) picture alliance/Reuters/Michele Tantussi
Interview mit Robin Alexander

"Wer sagt, Politiker seien faul, der spinnt"

Kaum jemand ist näher dran an der Union und dem Kanzleramt als der Hauptstadtjournalist Robin Alexander. Nach seinem Bestseller "Die Getriebenen" legt er mit "Machtverfall" nun das nächste Polit-Buch vor. Im Interview mit p&k spricht er über die Wundertüte Angela Merkel, seine Twitter-Präsenz und die Wahlchancen von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet.

von Konrad Göke

Sie haben Ihr Buch über Angela Merkel und den Kampf um ihre Nachfolge "Machtverfall" genannt – warum?

Wir haben Angela Merkel viele Jahre regieren sehen. In dieser letzten Phase haben wir sie noch einmal völlig neu erlebt. Einerseits ist Merkels Macht exponentiell gewachsen. Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten 2016 gerät sie in die Rolle der Verteidigerin der freien Welt. Für deutsche Kanzler war das bis dahin gar nicht möglich: nicht für Adenauer, nicht für Brandt, nicht für Kohl. Sie rutscht in eine Rolle, wo sie die NATO, die WTO und die ganze multilaterale Architektur zusammenhalten soll. Auch innenpolitisch vergrößert sich ihre Macht. Nach der Definition von Niklas Luhmann bedeutet Macht, Akteure in sozialen Zusammenhängen dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie nicht tun wollen. Angela Merkel erhält im Zuge der Corona-Krise die Macht, meinen Kindern vorzuschreiben, welche Kinder sie besuchen dürfen und meiner Frau, wie sie ihren Beruf auszuüben hat, und uns, ob wir unsere Oma besuchen dürfen Gleichzeitig kommt Merkels Macht an ihre Grenzen und verfällt. Viele Maßnahmen, die sie sich wünscht, kann sie nicht durchsetzen. Sie sagte einmal ganz deutlich: "Was wir beschlossen haben, reicht nicht." Das ist ein Eingeständnis von Ohnmacht. Diese Fallhöhe wollte ich beschreiben. Eine weitere Komponente ist, dass die CDU als traditionell inoffizielle deutsche Staatspartei bei einer Bundestagswahl antritt, wo ihr Kanzlerkandidat nicht mehr der Favorit ist.

Robin Alexander studierte Geschichte und Journalismus in Leipzig. 1998 begann er seine journalistische Karriere bei der "taz" und ging 2006 zur kurzlebigen deutschen Ausgabe der "Vanity Fair". Seit 2008 schreibt der 46-Jährige für "Welt" und "Welt am Sonntag", wo er seit 2010 über das Kanzleramt berichtet. 2017 erschien sein Buch "Die Getriebenen. Merkel und die Flüchtlingspolitik". Im selben Jahr wurde er vom "Medium Magazin" zum "Politischen Journalisten des Jahres" gewählt. Seit 2019 ist er stellvertretender Chefredakteur Politik der "Welt". (c) picture alliance/Geisler-Fotopress/gbrci

Wie erleben Sie das Vermächtnis von Angela Merkel?

Wir haben sie in der letzten Phase noch einmal ganz neu kennengelernt. Sie hat bewusst nie Emotionen gezeigt. Plötzlich erleben wir sie bei einer Rede im Bundestag, wo sie flehentlich spricht, fast geweint hat. Es ging dabei nur darum, ob die Weihnachtsferien drei Tage früher einsetzen oder nicht, es war also nicht gerade die größte aller Fragen. Mit der neuen Situation haben sich bei Angela Merkel auch ganz neue Aspekte gezeigt. Sie hat es immer vermieden, direkt zu den Bürgern zu sprechen. Die Neujahrsansprachen zählen nicht, die sind ja eher Folklore. Bei Corona wendet sich Merkel plötzlich direkt ans Volk.

Hätten Sie ihr das zugetraut?

Ehrlich gesagt wusste ich wie alle nicht, was mit Corona auf uns zukommt. Widersprüchlichkeiten gab es bei Angela Merkel aber natürlich immer. Einerseits kennen wir sie sehr gut. Ihr Wahlspruch 2013 war nicht umsonst „Sie kennen mich“. Sie war immer die Verlässliche, die Berechenbare. Das war ihr großes politisches Versprechen. Trotzdem hätte niemand gedacht, dass sie 2015 bei der Flüchtlingskrise die Grenzen offenhält. Einerseits ist sie total verlässlich, andererseits hat sie uns immer wieder überrascht.

Zu Beginn des Buches schreiben Sie, Merkel hätte sich ihren Abschied anders vorgestellt. Wie wird das jetzt?

Normalerweise gehen scheidende Regierungschefs auf eine inoffizielle Abschiedstour. Ein Ziel Merkels wäre definitiv das Weiße Haus in Washington gewesen. Natürlich ging das in den vergangenen Monaten nicht. Aber demnächst fährt sie im Juni zu einem G7-Gipfel – trotz Corona. Ein Stückweit holt sie diese Abschiedstour also nach. Interessanter wird, welche Rolle sie im Wahlkampf einnehmen wird. Kommt noch einmal die CDU-Politikerin zum Vorschein oder eher nicht? Als Annegret Kramp-Karrenbauer, ihre damalige designierte Nachfolgerin, 2019 den Europa-­Wahlkampf führen musste, ist Merkel gar nicht aufgetreten. Ich weiß nicht, wie es jetzt wird. Ich bin gespannt.

Einmal zu Ihnen: Warum sind Sie Politik­journalist? Was interessiert Sie an der Politik?

In der Politik fallen Entscheidungen, die für unsere gesamte Gesellschaft wahnsinnig wichtig sind und alle etwas angehen. Ich versuche, sie dem Publikum zu erklären und fassbar zu machen. In meinen Büchern wähle ich deshalb auch die erzählerische Form. Nicht jeder hat die Zeit, sich die wichtigen Geschehnisse selbst zusammenzusuchen und zu ordnen. Erzählte Geschichte macht das politische Geschehen kommensurabel. So wird es möglich, zu verstehen, was passiert ist.

Sind Sie ein Fan von Politik?

Wäre ich ein Fan, könnte ich nicht darüber berichten. Das wäre unjournalistisch. Aber ich habe mich für Politik immer wahnsinnig interessiert. Als Kind war ich oft bei meinem Großvater. In seinem Regal standen Bücher von Sebastian Haffner und Winston Churchill, die ich verschlungen habe. Außerdem war ich schon vor meiner journalistischen Karriere ein manischer Zeitungsleser. Wenn wir abends als Familie zusammensitzen und meine drei Kinder mitbekommen, dass ich eine SMS bekomme, witzeln sie: "Oh, in der CDU fällt schon wieder ein Sack Reis um." Die machen sich lustig, aber mich interessiert wirklich jede Verästelung.

Vor welchem Teil des Politikerjobs haben sie den größten Respekt?

Vor allem! Es ist ein total harter und anspruchsvoller Job. Die Rahmenbedingungen ändern sich laufend. Man muss intime Kenntnisse auf vielen Sachgebieten erwerben und dann verständlich weitervermitteln. Wer davor keinen Respekt hat, hat es einfach nicht verstanden. Natürlich können Entscheidungen auch einmal falsch sein. Wer aber sagt, Politiker seien faul, der spinnt.

Nach unserer neuesten Zählung sind Sie der Journalist mit den meisten Twitter-Followern aus dem Bundestag. Sie führen das Feld mit 287 Followern vor Ulf Poschardt mit 259 an. Welche Rolle spielt Twitter für Sie?

Wir bei der "Welt" versuchen, unsere Inhalte an den Mann zu bringen. Es reicht nicht mehr, Nachrichten einfach zu drucken. Twitter ist eine von mehreren Kugeln im Revolver. Wir wollen, dass die Leute unsere Geschichten lesen und bezahlen. Um das zu erreichen, gehe ich ins Fernsehen, mache Podcasts, schreibe auf Twitter und verfasse Bücher. Das alles muss sein. Das Grundproblem ist, dass unsere Gesellschaft und auch unser Publikum fragmentiert sind, unsere politischen Inhalte aber allgemein relevant bleiben. Um diesen Widerspruch aufzulösen, senden wir auf möglichst vielen Kanälen. Nur Instagram bespiele ich nicht, weil mir dafür einfach die Zeit fehlt.

Sie haben auch schon Live-Protokolle aus CDU-Vorstandssitzungen getwittert. Warum machen Sie das?

Da hat sich strukturell nichts verändert, bei internen Sitzungen war das immer schon so. Als ich Kind war, hat sich die CDU unter Helmut Kohl montags besprochen, so wie heute auch. Einen Montag später konnte man im "Spiegel" lesen, was dort gesprochen wurde, weil Norbert Blüm das weitererzählt hat. Neu ist, dass das jetzt schneller passiert. Ganz neu ist, dass die Tweets auf die Sitzungen selbst zurückwirken. Ich habe mir ehrlich gesagt schon den Kopf darüber zerbrochen. Das entspricht ja prinzipiell der Heisenberg‘schen Unschärferelation: wenn die Beobachtung ihren Gegenstand beeinflusst. Für Journalisten ist das nicht unproblematisch, allerdings stecken wir ja nicht in der Akteursrolle. Die Beteiligten der Vorstandssitzung der CDU wollten ja, dass berichtet wird. Die Gruppen um die Konkurrenten Armin Laschet und Markus Söder hatten Angst, dass die jeweils andere Seite den Spin darüber setzt, was intern besprochen wurde. Ich glaube, dass die journalistische Berichterstattung darüber einen Mehrwert schafft. Dazu achte ich darauf, immer mehrere unabhängige Quellen zu haben und das Gesagte professionell einzuordnen.

In welcher Lage muss sich eine Partei befinden, damit Journalisten solche Zugänge erhalten?

Den Kopf muss ich mir nicht machen. Allerdings hat es bei den Grünen ja denselben Machtkampf gegeben, nur eben hinter verschlossenen Türen. Vielleicht sollten wir Journalisten unseren Ehrgeiz prüfen, auch hier hinter die Kulissen zu schauen.

Hätten Sie auch Lust, einmal eine Kanzlerkandidatur komplett zu begleiten, wie das Markus Feldenkirchen 2017 mit Martin Schulz getan hat?

Für dieses Mal wäre es dafür schon zu spät. Das Buch von Feldenkirchen fand ich sehr stark, ich habe es gerne gelesen. Ich fand es auch extrem cool von Martin Schulz, dieses Buch zu ermöglichen. Nicht viele haben diese Größe. Er hat es wohl getan, weil er ein Buchmensch ist. Dazu braucht ein Journalist allerdings das tiefe Vertrauen eines Politikers und muss sich aus der aktuellen Berichterstattung komplett heraushalten. Ich müsste dazu also auf Zeit meinen Hauptberuf aufgeben. Das dürfte schwer werden. Ich stelle mir vor, wie ich zum „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt gehe und sage, die Wahlkampfberichterstattung müsse jetzt ohne mich stattfinden. Das wäre mit Sicherheit ein interessantes Gespräch …

Passt eigentlich jede politische Geschichte in eine Erzählform?

Man darf nichts erfinden. Es ist wichtig, die Spannung zu finden. Die ist da. Die Spannung beim Duell von Markus Söder gegen Armin Laschet liegt ja auf der Hand. Wenn es diese Spannung nicht gibt, kann man eine Geschichte auch nicht gut erzählen.

Wie beliebt sind Sie eigentlich bei CDU-Politikern? Werden Sie noch gegrüßt?

(Lacht) Die reden mit mir, sonst könnte ich meinen Job ja nicht machen. Ich glaube, die meisten Leute wissen, dass ich fair bin und kennen mich auch recht gut. Wir begegnen uns eben in unterschiedlichen Rollen.

Haben Parteimitglieder Sie eigentlich schon mal gefragt, was in ihrer eigenen Partei los ist?

Es kommt überhaupt viel vor, dass Leute mit mir über Politik reden wollen. Die meisten reagieren positiv auf meine Arbeit. Natürlich gibt es auch Leute, die das nicht gut finden. Mein Buch "Die Getriebenen" über die Flüchtlingskrise hat den meisten gut gefallen. Die Leute im rechten Spektrum fanden das Buch nicht gut, weil sie ihre fixe Idee des geplanten Austauschs darin nicht gefunden haben – die Theorie ist eben Unsinn. Solchen Leuten kann ich nicht helfen. Aber auch Menschen aus dem linken Spektrum wollten sich ihre Geschichte von der wunderbar großherzigen Merkel und ihrem tollen humanistischen Plan nicht kaputt machen lassen. Am Ende ist die Welt eben komplexer und widersprüchlicher, als viele das mit ihrem festen Weltbild wahrhaben wollen.

Kommen wir zum Wahlkampf. Wie schätzen Sie die Chancen von Armin Laschet ein?

Der Ausgang ist völlig offen. Ob es Laschet wird oder Baerbock, weiß keiner. Es ist aber bemerkenswert, dass Laschet nicht mit einem Vorsprung startet, wie es die Union sonst gewohnt ist.

Was passiert, wenn er doch wieder knapp gewinnt, so wie so oft in seiner Karriere?

Man darf nicht vergessen, dass auch Angela Merkel 2005 mit einem Wimpernschlag gewonnen hat. Sie hatte mit 35,2 Prozent nur einen Prozentpunkt mehr als die SPD mit Gerhard Schröder. Die Frage ist: Wer gewinnt das Kanzleramt? Die Frage ist nicht: Wie? Die größten Qualitäten von Armin Laschet sind es, dass er sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und an einem Plan festhält. Bisher hat ihm das gereicht.

Müssten wir bei einem Kanzler Laschet mit einer zweiten Merkel rechnen? Oder ist er eher "Helmut Kohl 2.0", wie Markus Söder ätzte?

Gesellschaftspolitisch war Laschet immer liberal. Hier ist er Angela Merkel nahe. Allerdings hat sich die Union in der politischen Praxis extrem auf Merkels Person verengt. Merkel hatte nie besonders starke CDU-Minister im Kabinett. Bei Helmut Kohl war das anders. Dort waren Vertreter des konservativen Flügels immer wahrnehmbar, ebenso wie Christsoziale und Wirtschaftsleute. Personalpolitisch bewegt sich Laschet in dieser Tradition. Er stellt seine Partei so auf, dass jeder Flügel mitgenommen wird. Er ist da anders als Markus Söder, der die Macht sehr auf seine Person verengt. Das Personifizierte bei Merkel und Söder ist Ausdruck eines "modernen" Politikverständnisses – "modern" wertfrei verstanden. Laschet ist da eher der alte Konservative, dessen Partei verschiedene Leute hervorbringt.

Wird es zwischen CDU und CSU noch einmal richtig knallen?

Das können die sich nicht mehr leisten. Armin Laschet hat diesen Kampf gewonnen.

Wenn aber Laschet bis zum Spätsommer nicht aus dem Umfragetief kommt – sehen Sie Rebellionspotenzial?

Der Zeitpunkt ist eigentlich abgelaufen. Ich halte das nicht mehr für möglich. Andererseits habe ich auch nicht kommen sehen, dass der Konflikt zwischen Laschet und Söder in eine dermaßen epochale Schlacht ausarten würde. Deshalb möchte ich nichts ausschließen.

Können Sie überhaupt etwas ausschließen?

Ich kann ausschließen, dass Angela Merkel doch noch einmal antritt. Das werde ich tatsächlich immer wieder gefragt. Das kann ich aber ausschließen, da lehne ich mich aus dem Fenster.

Mit Friedrich Merz und Serap Güler sind die ersten Namen für Laschets "Zukunftsteam" gefallen. Wer fehlt noch?

Jens Spahn wird sicherlich ein Faktor. Laschet muss noch Favoriten für die Wirtschaft finden, auch jüngeres Personal und Frauen sind wichtig. Allerdings ist es heikel, jetzt ein inoffizielles Schattenkabinett aufzustellen. Die amtierenden Minister laufen ja noch herum. Annalena Baerbock kann aus der Opposition munter Leute präsentieren. Aber wenn Armin Laschet jetzt Schattenminister für Ressorts aufstellt, die aktuell von der Union geführt werden, zum Beispiel für das Bildungsressort, stellt sich sofort die Frage: "Warum? War Anja Karliczek als Ministerin etwa nicht gut?" Diese Diskussion kann die Union jetzt nicht gebrauchen.

Ist es ein Fehler von Angela Merkel, keine Stars im Kabinett zu haben?

Es gibt einen Satz von Helmut Schmidt, es sei auch die Aufgabe eines Kanzlers, ein Kabinett zusammenzustellen, aus dem drei bis fünf Minister sofort kanzlerfähig wären. Diesen Ratschlag hat Angela Merkel nie beherzigt. Sie sah in starken Ministern vorrangig potenzielle Konkurrenten.

Herr Alexander, danke für das Gespräch.


Robin Alexander: "Machtverfall. Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik: Ein Report", Siedler Verlag, 384 S., 22 Euro, ISBN 978-3-8275-0141-7, erhältlich seit dem 25. Mai.

Konrad Göke

ist Chefredakteur von politik&kommunikation.