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Wenn Hände sprechen

Was ein Fotograf bei Interviews mit Politikern erlebt – und was er sich von ihnen wünscht.

Von Marco Urban

Für ein Interview braucht es eine Person, die fragt, und eine Person, die antwortet. Manchmal, wenn Vertreter der Printmedien das Interview führen, gibt es auch noch eine dritte Person, die schweigt und fotografiert. Die Fotos sollen später dazu dienen, das gedruckte Interview mit netten optischen Elementen zu dekorieren, die den Zeitungskäufer dazu animieren sollen, schließlich auch zum Leser des Interviews zu werden. Manchmal dienen die Fotos auch als Beweis dafür, dass das Interview tatsächlich als Gespräch stattgefunden hat – und nicht nur via Pressestelle.
Leider sind die Begebenheiten vor Ort jedoch nicht immer dazu angetan, die Wünsche – oder besser: die Träume – der Fotoredaktionen zu erfüllen. Besprechungszimmer und Büros sind nun mal keine Fotostudios; nicht, was die Größe anbelangt, und schon gar nicht, was die Beleuchtung anbelangt, und außerdem sind Interviewpartner aus Politik und Wirtschaft ja keine Fotomodelle.
Aber dafür ist der Fotograf verhältnismäßig dicht dran, und die fotografierte Person ist in aller Regel mit dem Interview so beschäftigt, dass weitgehend ungestellte Bilder entstehen. Aus den Räumlichkeiten kann der Fotograf das Bestmögliche machen, wenn er die Sitzplätze der Teilnehmer bestimmen kann und mit einer kleinen Blitzanlage für eine passable, eventuell sogar spannende Beleuchtung sorgt.
Im Idealfall ist das Interview reich an Gestik und Mimik. Hände sollen in der Luft herumwirbeln, der Gesichtsausdruck soll nachdenklich oder aufmerksam oder sonstwie sein, damit das Gesagte ausdrucksstark unterstrichen wird. Hauptsache lebendig.
Seit gut 15 Jahren buchen Tageszeitungen und Magazine mich als Fotografen für Interviews. Dabei ist kaum ein Interviewpartner wie der andere: Manche sitzen gerade wie eine Eins am Besprechungstisch, wie zum Beispiel Guido Westerwelle. Andere fläzen sich gemütlich in die Sofaecke, wie sein Amtsvorgänger Joschka Fischer.
Einige haben erstaunlich zarte, kleine Hände, wie Gerhard Schröder, andere haben unvermutet große Pranken, wie Jürgen Trittin. Manche bewegen nur den Mund, wie Michael Glos, andere wirbeln umher, als gelte es, damit ökologischen Strom zu erzeugen, wie Renate Kü­nast. Einige tun gelassen, wie Karl-Theodor zu Guttenberg, andere sind gelassen, wie Horst Seehofer. Peer Steinbrück ist ein Skeptiker gegenüber Fotografen, Ulla Schmidt besorgt um ihre Darstellung, Ursula von der Leyen ist natürlich ein Vollprofi, Peter Struck ein Kumpel, Philipp Rösler nett und etwas zu unauffällig, Dirk Niebel sitzt in seinem Büro gerne vor dem Bild einer ihm bekannten Künstlerin, Michael Sommer nimmt den Fotografen gerne als Beispiel für Freiberufler.
Das Fotografieren eines Interviews mit Angela Merkel kann schnell und abrupt enden, wenn sie in schlechter Stimmung ist, oder bis zum Schluss entspannt laufen, wenn die Stimmung gut ist.
Einer meiner Haupt-Auftraggeber ist die „Financial Times Deutschland“. Dort entwarfen kreative Köpfe vor einigen Jahren ein neues Konzept für das Layout der größeren Interviewstrecken. Es sollte nicht mehr nur ein Bild geben, sondern drei oder vier, die zu einem Block zusammengefasst wurden. Für mich bedeutete das, dass ich mehr liefern musste als Bilder vom Interviewpartner. In den kleinen Bildern des „Fotoblocks“ fanden sich häufig Details, die mir am Rande des Interviews auffielen: Ein Bild des Papstes im Büro von Oskar Lafontaine, eine Blechheuschrecke auf dem Tisch von Franz Müntefering, die bayerische Fahne im Hintergrund von Horst Seehofer und vieles mehr. Nicht immer war Passendes zu finden, und so wurde es mir zur Gewohnheit, bei jedem Interview die Hände, und nur diese, zu fotografieren. Gefaltet auf dem Tisch, gestikulierend in der Luft, der erhobene Zeigefinger, etwas abzählend, hier konnte der Fotoredakteur immer etwas Passendes finden. Auf die Hände achtet man normalerweise nicht so sehr, doch in der Vergrößerung und eingefroren im Foto, kann man eine Menge an den Händen ablesen. Nun, jeder mag sich da seine eigenen Gedanken machen …
Die „Financial Times Deutschland“ hat leider von der opulenten Form der Bebilderung ihrer Interviews wieder Abstand genommen. Jetzt herrscht in der Regel ein großes, zentrales Bild vor – aber ich bleibe dabei: Bei jedem Interview widme ich mich auch einige Zeit den Händen.
 Und nun noch ein paar Tipps, falls Sie Politiker oder Wirtschaftsboss sind und demnächst einen Interviewtermin mit einem Fotografen haben – oder was ich schon immer mal sagen wollte:

Keine Angst
Wir Fotografen sind Ästheten und möchten schöne Bilder von Ihnen machen. Manches, was im Rahmen dessen passiert, mag Ihnen seltsam vorkommen, aber wir denken uns etwas dabei. Wir wollen das Interview nicht über Gebühr stören. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Am Ende profitieren alle.

Keinen Lieblingsplatz
Wenn Licht und Raum nicht ideal sind, kann der Fotograf durch geschickte Anordnung der Personen viel retten. Haben Sie einen Lieblingsplatz? Ok, doch Plätze vor Fenstern oder seltsamen Bildern können problematisch sein, ein Hirschgeweih auch. Selbst die Bundeskanzlerin fragt übrigens, welchen Platz der Fotograf für den besten hält.

Keine Zeitnot
Es gibt Menschen, die sind nicht leicht zu fotografieren. Wer, vielleicht dank Sprachschulung, besonders deutlich spricht, hat auf Bildern oft groteske Gesichtsausdrücke, andere bewegen sich vielleicht nicht viel oder sehr schnell. Um diese Schwierigkeiten auszugleichen, brauchen wir so viel Zeit wie möglich, die letzten Bilder sind meist die besten.

Kein Stillstand
Zögern Sie nicht, sich zu bewegen. Wir versuchen, möglichst kompakte Bilder mit viel Inhalt zu machen. Je weiter Sie die Hände von der Tischplatte in Richtung Gesicht bewegen, desto besser.

Keine Liegeposition
Ein Sofa für ein Interview ist gemütlich und auch für die Fotos in Ordnung. Aber es macht sich nicht sehr gut, wenn Sie es sich allzu sehr gemütlich machen. Gehen Sie in die Angriffsposition, beugen Sie sich nach vorne.

Keine Saftbar auf dem Tisch
Ihre Sekretärin meint es sicher gut, aber für die Bilder ist eine Auswahl von fünf Säften, drei Sorten Cola und ebenso vielen Mineralwässern plus Tee- und Kaffeekanne auf dem Tisch wirklich nicht hilfreich. Ein ­einigermaßen selbstbewusster Fotograf wird die Sammlung leise abräumen, nachdem sich jeder etwas eingeschenkt hat. Wenn Sie nett fragen, reicht er bei Bedarf auch gerne wieder Getränke an.

Keine offenen Fragen
Wenn Sie Fragen zur Arbeit des Fotografen haben, dann fragen Sie ruhig. Wir reden, wie die meisten Menschen, gerne über unsere Arbeit. Und was Ihnen merkwürdig vorkommt, können wir vermutlich leicht erklären.

Es darf etwas mehr sein
Fast jede Fotoredaktion wünscht sich neben den Interviewfotos auch Porträtfotos. Das ist aufgrund von Terminplänen und schlechter Rahmenbedingungen oft nicht sehr realistisch. Aber manchmal drängt sich ein Bild geradezu auf. Vielleicht scheint die Sonne besonders golden in den Raum, oder der Flur hat eine besonders schöne Flucht. Es wäre toll, wenn sie dann ein paar Minuten Zeit hätten – denn besonders gute Bilder haben noch keiner Karriere geschadet.

Marco Urban

arbeitet als freier Fotograf in Berlin, unter anderem für den „Spiegel“ und die „Financial Times Deutschland“.