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Ein Bild aus glanzvolleren Tagen: Bundespräsident Christian Wulff und Gattin Bettina vor dem Schloss Bellevue. Foto: Marco Urban

Weg mit der Salami

Zugegeben: Politiker sind auch Menschen. Leider macht gerade das die Krisenkommunikation im Skandal-Fall so schwer. Eine kleine Anleitung, wie sie eine Krise politisch überleben können.

Von Thomas Trappe

Wenn später einmal zurückgeblickt und die Frage gestellt wird, wann das Ganze an Glaubwürdigkeit verlor und sich der Grenze zur Lächerlichkeit annäherte, wird man das Fernseh-Interview erwähnen. Seit Wochen, wird man erzählen, stand Bundespräsident Christian Wulff schon in den Schlagzeilen, wegen eines Haus-Kredits und eines Anrufs beim „Bild“-Chefredakteur. Das Gespräch in ARD und ZDF glich an manchen Stellen einem Schachspiel, an anderen einem Gerichtsprozess. Es war wie erwartet. Bis dieser eine Satz fiel, der kurz danach für Spott und Hohn sorgte: Bettina Schausten nimmt also 150 Euro, wenn Freunde bei ihr übernachten.
Die Journalistin Schausten war übers Ziel hinausgeschossen. Am nächsten Tag beteuerte sie, im Gegensatz zu dem zuvor erweckten Eindruck, tatsächlich zu echten Freundschaften fähig zu sein. Und da hörte die Schadenfreude auch schon auf, die mancher Wulff-Anhänger bis dahin gegenüber einer selbstgerechten Journalistenkaste empfinden mochte. Denn es zeigte sich auch: Für Bettina Schausten war die Sache ausgestanden. Christian Wulff aber hatte noch lange keine Ruh.
Vor knapp zwei Monaten begann die sogenannte Wulff-Affäre. Und auch, wenn viele Fragen offen sind, eines wurde deutlich wie kaum je zuvor: Ein Politiker, zumal in der Position des Bundespräsidenten, ist kein normaler Mensch. Handwerker dürfen private Kredite aufnehmen. Firmenchefs dürfen Chefredakteure beschimpfen. Journalisten dürfen mit dem Presseausweis Flugtickets kaufen. Politiker sollten all dies vermeiden. Tun sie es nicht, riskieren sie eine politische Krise.
Wulff ist nur ein Beispiel von vielen. Fischer, Steinwürfe. Gysi, Bonusmeilen. Rüttgers, Rumänen. Kohl, Spenden. Engholm, Barschel. Dr. Guttenberg. Und die Frage steht im Raum: Warum scheitern die einen, die anderen nicht, und einige nur vorerst? Was machen die einen richtig und die anderen falsch? Wie geht Krisenkommunikation?
Klaus-Peter Johanssen nimmt es vorweg: Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Den Mann in seiner Agentur „Johanssen+Kretschmer“ am Potsdamer Platz in Berlin zu besuchen, lohnt trotzdem. Will man über politische Krisen der Bundesrepublik reden, ist Johanssen so hilfreich wie ein Geschichtsbuch. 1938 in Hamburg geboren, beobachtete der Jurist zeit seines Lebens politische Krisen. 1995 managte er erfolgreich die PR-Arbeit bei Shell, als der Konzern wegen seines Plans, den Öltank „Brent Spar“ zu versenken, am Pranger stand. Spricht man mit dem weißhaarigen Mann, blickt er erst einmal zurück, um die neue Zeit zu erklären.

Bis zum Sturz

Betrachtet Johanssen die jüngsten großen Berliner Krisen, jene von Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff, sieht er einen deutlichen Trend. „In beiden Fällen nehmen Journalisten weniger Rücksicht auf das politische Amt und die Person dahinter.“ Das Selbstverständnis aus Bonner Tagen – das sich in die Anfänge die Berliner Republik habe retten können –, zwar in der politischen Bewertung hart, mit dem Politiker persönlich aber „respektvoll und schonend“ umzugehen, existiere nicht mehr. „Im Gegenteil: Die Medien versuchen ab einem bestimmten Punkt, einen möglichst schlecht darzustellen. Und zwar so lange, bis man stürzt.“
Allerdings, betont Johanssen, seien Politiker sicher keine Opfer der Zeitläufte. Der Grundsatz, dass sie erst den Fahrstuhl besteigen müssen, der sie später in den Abgrund reißt, stimme immer noch, auch wenn es, gewissermaßen, viel mehr Fahrstühle gebe. Im Talkshow-Hopping fange es an, und im schlimmsten Fall ende es mit einer Homestory im Swimming-Pool, siehe Rudolf Scharping, oder einem Besuch bei Big Brother, siehe Guido Westerwelle. Das seien PR-Katastrophen, deren Ende im Rückblick vorhersehbar erscheine, die aber grundsätzlich nur die zu Ende gedachten Ideen der Politik des Privaten seien. Johanssen: „Die Entscheidung, Journalisten ins Wohnzimmer zu lassen, trifft jeder selbst. Nur sollten sie sich dabei einer Illusion nicht hingeben: dass die Journalisten irgendwann wieder verschwinden.“

Ignoranz hilft nicht

Indem Christian Wulff ein Tattoo auf dem rechten Oberarm seiner Frau zur persönlichen Botschaft erhob, stimmte er selbst den Tonfall an, mit dem später über ihn berichtet werden sollte. Den Anlass für den Skandal bot er freilich mit einer Erklärung vor dem niedersächsischen Landtag, indem er geschäftliche Beziehungen zu seinem Freund Egon Geerkens verneinte. Bauernschlau, möchte man sagen, schließlich musste Wulff damit nicht lügen, konnte die Fragesteller aber trotzdem erst einmal abwimmeln. Ein bitterer Trugschluss.
Klaus-Peter Schmidt-Deguelle fasst es anders zusammen. „Töricht und leichtsinnig“ sei Wulffs Verhalten gewesen. Schmidt-Deguelle war, bevor er 1994 an der Seite Hans Eichels in die Politikberatung ging, lange genug Journalist, um zu wissen, dass der Präsident damit nur eines konnte, nämlich scheitern. „Offenbar glaubte er ernsthaft, dass sich das irgendwie erledigt.“ Selbst als der Springer- und der Spiegel-Verlag im Verbund im Zuge der Recherche Gerichte einschalteten, blieb er bei der alten Bonner Aussitztaktik. „Er hat nicht vom Ende her gedacht, sonst hätte er die Folgen vorausgesehen. Ein Thema stirbt nicht, wenn ich es ignoriere.“
Wulff machte das, was der Intuition eines beim Schummeln ertappten Schülers entspricht. „Dabei wäre das Gegenteil der einzig richtige Weg gewesen“, sagt Schmidt-Deguelle. „Wenn bereits Journalisten recherchieren, dann muss man alles auf den Tisch legen. Die Fragen beantworten, und zwar sofort und ohne auszuweichen. Und die einzige Bitte, die man äußern sollte, ist die nach noch mehr Fragen. Denn die kommen sowieso.“
Eine Reaktion, mit der Journalisten zuverlässig „das Futter genommen würde“, meint der Berater. Sein Tipp, zu Beginn der Krise „klar Schiff“ zu machen, klingt dabei so einleuchtend, wie es wohl verlockend ist, ihn zu ignorieren. Zu keinem anderen Zeitpunkt der Krise erscheint der Schaden, den ein eingestandener Fehler verursacht, so groß wie zu Beginn; zu keinem anderen Zeitpunkt scheint der Preis des kleinen Tricks so gering. Dass später bereitwillig bereut und gestanden wird, und sei es jeder einzelne Fehler, nützt dann wenig. Dann ist aus dem Politiker mit dem Fehler ein Politiker geworden, der laviert und lügt.
Nach allem, was bekannt ist, begriff Christian Wulff, dass es Zeit für Krisen-Intervention ist, als er sich auf dem Weg zu einem Emir befand. Es ging ihm auch in diesem Moment wie den meisten Leidensgenossen, „die die Situation erst begreifen, wenn es schon fast zu spät ist“, sagt Schmidt-Deguelle. Dass Wulff selbst zum Telefon griff und seine Emotionen auf einem Anrufbeantworter verewigte, sei „einfach dumm“. Zwar sei es in einer solchen Situation wichtig, „mit den Medien zu arbeiten“. Allerdings sollten diesen Job Pressesprecher übernehmen. Auch ein Anruf in der Redaktion sei keineswegs Tabu, „aber dann muss man mit handfesten Argumenten kommen und das vor allem in einem ruhigen Ton“.