D
Foto: thinkstock/Canan Turan
Politik

Was war für Sie das Überraschendste im Bundestagswahlkampf 2017?

Nach einem als langweilig kritisierten Wahlkampf hat die Bundestagswahl in vielerlei Hinsicht überraschende Ergebnisse hervorgebracht. politik&kommunikation hat Experten nach ihrer Wahlkampfbilanz gefragt.

Redaktion

"Erfolgreich das Bild einer neuen FDP transportiert"

Foto: privat

Heike Klüver, Professor of Comparative Political Behavior an der Humboldt-Universität zu Berlin:

"Am Wahlabend 2013 hätte wohl niemand ernsthaft vorhergesagt, dass die FDP es schafft, ihren politischen Totalschaden zu überwinden und 2017 sogar mit einem zweistelligen Ergebnis den Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag zu schaffen. Den Freien Demokraten ist es jedoch durch eine personelle Neuaufstellung, eine innovative Kampagne und eine Betonung zukunftsträchtiger Themen wie Bildung und Digitalisierung offenkundig gelungen, das Bild einer 'neuen FDP' in die Köpfe vieler Wähler zu transportieren. Langfristig bleibt allerdings abzuwarten, inwiefern sich die Inszenierung ihres Spitzenkandidaten und eine sich abzeichnende Regierungsbeteiligung im Rahmen einer Jamaika-Koalition mit CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen auf den nachhaltigen Erfolg der FDP auswirken."

"Einem Spitzenkandidaten Olaf Scholz wäre das nicht passiert"

Foto: Heiko Kießling

Eckhard Jesse, bis 2014 Inhaber des Lehrstuhls "Politische Systeme, Politische Institutionen" an der TU Chemnitz:

"Mich hat vieles überrascht: die schrillen Proteste zumal im Osten gegen die Bundeskanzlerin, die aus dem Osten Deutschlands stammt; die aufgeregt-kurzatmige Fixierung auf die Meinungsumfragen, obwohl die Abweichungen oft nur minimal waren; das Ausbleiben von Cyber-Attacken aus dem In- und Ausland; schließlich, und am meisten, die in fast jeder Hinsicht schwache Vorstellung des SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, der gut zehn Tage vor der Wahl die Frage in einer Presskonferenz, ob er bereit sei, in ein Kabinett unter Angela Merkel einzutreten, zwar nicht beantwortet, dafür aber ostentativ erklärt hat: 'Ich strebe an, Bundeskanzler zu werden. Und wenn Frau Merkel in mein Kabinett eintreten will, kann sie das gerne tun.' Einem Spitzenkandidaten Olaf Scholz wäre das nicht passiert."

"Der größte Fehler der SPD war die Vollmundigkeit des Kandidaten"

Foto: Vanessa Davaroukas

Dominik Pietzcker, Professor für Medienmanagement und PR an der Hochschule Macromedia in Berlin und Hamburg:

"Die politische Dummheit der SPD war für mich das Überraschendste im Bundestagswahlkampf 2017. Die Sozialdemokraten behaupteten, eine Volkspartei zu sein. Nach dem erwartet schwachen Abschneiden muss sich die SPD ernsthaft die Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt noch dieser Rolle gerecht wird. Die Wahlkampfmotive bewiesen eine völlig überholte Ästhetik, die von der CDU auch inhaltlich locker getoppt werden konnte. Der größte Fehler der SPD war die Vollmundigkeit des Kandidaten, der sich wider besseres Wissen als möglicher Kanzler gerierte, bestenfalls jedoch bloß Merkels Mehrheitsbeschaffer sein konnte. Diese Rolle ist nun ausgespielt. Ob die SPD auf Bundesebene in Zukunft mehr sein kann als nur der unfreiwillige Steigbügelhalter für andere Parteien, wird sich zeigen. Realität lässt sich dauerhaft nicht ausblenden. Immerhin: Die Quittung an der Wahlurne kam sofort."

"Gerechtigkeit ist wieder gefragt"

Foto: privat

Ulrich von Alemann, Professor für Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf:

"Überraschen kann man Kinder mit einem originellen Weihnachtsgeschenk. Überraschung in diesem Wahlkampf fand dagegen kaum statt. Die Kanzlerin kann niemand überraschen; der FDP-Chef glaubt noch, sein neuer Stil sei überraschend, aber das wundert niemand mehr. Grüne und Linke bleiben verlässlich in ihrer Überraschungslosigkeit. Die AfD provoziert die anderen Parteien und die eigenen Spitzenleute, aber das war auch keine Überraschung. Bleibt die SPD. Schulz‘ Raketengleicher Auftritt im Frühjahr hat alle überrascht und der schnelle Abstieg genauso. Seither rätselt man über die Gründe von beidem. Aber seit der Rückkehr auf Steinmeier- und Steinbrück-Niveau kann die SPD auch niemand mehr überraschen. Aber doch, da gibt es eine scheinbare Überraschung: Die Gerechtigkeit ist wieder gefragt und zwar nicht nur als zentraler Slogan der SPD, sondern Grüne, Linke, Union und selbst die AfD schreiben sie sich auf ihre Fahnen. Damit geht dann doch der Überraschungsfaktor gegen Null."