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Was uns morgen blüht

Heftige soziale Konflikte und der Kampf um Ressourcen sind Themen, die uns bald in Atem halten werden. Ist die Politik gewappnet?

Von Cornelia Mayrbäurl

Die Welt verändert sich, Revolutionen in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft folgen immer schneller aufeinander. Wie soll die Politik da Schritt halten? Tatsächlich werden die großen Probleme der nächsten Jahre schon jetzt intensiv diskutiert – allerdings nur in Expertenzirkeln, noch nicht in der Öffentlichkeit und unter politischen Entscheidungsträgern. Das besagt eine Theorie des niederländischen Politologen Rinus van Schendelen.
Im Rahmen einer gemeinsamen Studie mit der Österreich-Redaktion der „Zeit“ haben wir versucht, diesem fehlenden Monitoring Abhilfe zu schaffen. Wir haben uns unter Vordenkern und Think-Tanks umgehört und diese nach den „Emerging Issues“ gefragt: jenen großen Themen, die derzeit noch kaum Aufmerksamkeit bekommen, aber schon bald unser Leben massiv beeinflussen werden. Die folgenden Trends sind es, die sich aus den Antworten der Experten herauslesen lassen:

  • Wir brauchen neue Formen des Regierens. Mit den Instrumenten, die wir bisher kennen, sind die komplexen Herausforderungen in entwickelten Ländern nicht zu bewältigen.
  • Wachstum sollte nicht der einzige Parameter bleiben, nach dem die Leistung einer Volkswirtschaft beurteilt wird. Die Suche nach umfassenderen Erfolgskriterien ist essenziell.
  • Eine neue internationale Ordnung entsteht: Informelle und demokratisch nicht legitimierte, aber einflussreiche Organisationen wie die G20 ersetzen die Uno.
  • Ein weltweiter Verteilungskampf um Land und Wasser ist im Entstehen; nicht nur die vom Klimawandel bedrohte Atmosphäre ist ein knappes Gut.
  • Neues Wissen bringt bedrohliche Aspekte mit sich, etwa in der Hirnforschung, in der es Tendenzen gibt, dem Menschen einen freien Willen abzusprechen oder der Nanotechnologie. Die Politik reagiert auf diese Herausforderungen langsam oder gar nicht.

Meist braucht es einen konkreten Auslöser, um ein „Emerging Issue“ zum Eskalieren zu bringen. Wenn dies dann passiert, reagieren Politik, Wirtschaft und Medien zunächst überrascht, doch schon nach kurzer Zeit reden alle darüber, dass die zugrunde liegenden Probleme ohnehin seit langem bekannt sind.
Die Studie dient also der Früherkennung von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und wurde unter dem Namen „Arena Analyse“ veröffentlicht – ein Begriff aus der Militärstrategie, den Rinus van Schendelen auf das Gebiet der politisch-gesellschaftlichen Arena übertragen hat. Das Ergebnis ist gewissermaßen ein Helikopterflug über die Arena der großen politischen Auseinandersetzungen von morgen. Dabei können die einzelnen Problemfelder notwendigerweise nur aus der Distanz geortet werden. Zugleich aber macht die distanzierte Perspektive vielfältige Zusammenhänge und Interdependenzen sichtbar.
Die vielfältige Vernetztheit der Phänomene lässt sich am Beispiel der sozialpolitischen Debatte illustrieren: Hier wird der Verlust des Gefühls von Sicherheit beim Mittelstand (unfreiwillig selbstständige „Ich-AGs“; hohe Arbeitslosigkeit unter Jungakademikern; Abrutschen an die Armutsgrenze trotz Beschäftigung) ebenso eine Rolle spielen wie die Überspannung der sozialen Netze durch den demografischen Wandel. Auswirkungen hat aber auch der richtige oder falsche Umgang mit Migration, die Frage, wie Staaten ihre Finanzierungsprobleme lösen (nicht nur die der Sozialtransfers, auch Infrastruktur und Bildung stehen hier auf dem Prüfstand) und die Frage, wie sehr der Vertrauensverlust in das Sozialstaatsmodell das Aufkommen radikaler Parteien weiter begünstigt.

Cornelia Mayrbäurl

ist Senior-Beraterin bei der Wiener Politikberatungs-Agentur Kovar & Köppl. Die „Arena-Studie“ von Andreas Kovar, Cornelia Mayrbäurl und Walter Osztovics ist bei polisphere erschienen:
Was uns morgen blüht – Eine Analyse der politischen Arena 2010, 175 Seiten, 30 Euro; www.arenaanalyse.com