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Politik

Was uns die Psychologie des Populismus lehrt

Überall in Europa sind populistische Bewegungen und Parteien im Aufwind. Wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Eine psychologische Spurensuche.

von Friederike S. Bornträger und Adrian Sonder

Wann immer wir mit Menschen in Kontakt treten, gibt es eine Inhalts- und eine Beziehungsebene. Die Beziehungsebene übermittelt Informationen wie zum Beispiel "ich nehme dich ernst", wenn uns jemand zuhört, "ich interessiere mich für dich", wenn uns eine Frage gestellt wird oder "ich schätze Meinungsvielfalt", wenn jemand sachlich mit uns diskutiert. Auf der Beziehungsebene wird Sicherheit hergestellt. Denken wir daran, welchen Unterschied es macht, ob wir jemandem vertrauen oder nicht: Was teilen wir mit unserem Gegenüber und was nicht? Wie sprechen wir miteinander? Wem glauben wir eine im ersten Moment kontraintuitive Meldung? Die Beziehungsebene lässt sich nicht von Inhalten trennen. Sie ist vielmehr die Basis für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Wem ich nicht glaube, von wem ich mich nicht verstanden fühle – dem höre ich auch nicht zu. Dieses Verhalten ist nur sinnvoll und beinahe wir alle handeln meistens so.

Populisten haben Vorsprung auf der Beziehungsebene

Und genau an diesem Punkt wird es für politische Parteien spannend. Sie unterscheiden sich hauptsächlich durch Inhalte. Die Beziehungsebene hingegen, das heißt: ein guter Umgang miteinander, wird selten explizit gestaltet. War die Beziehungsebene bislang nicht so relevant? Haben wir geschichtsbedingt Vorbehalte gegenüber politischen Strategien jenseits der Inhalte? Lief die Beziehungsebene eine zeitlang ohne Mühe so erfolgreich, dass man sie aus dem Blick verloren hat? Wir wissen es nicht genau. Was wir aber wissen, ist, dass populistische Gruppierungen Menschen durch die Art und Weise erreichen, wie sie mit ihnen umgehen: Sie bringen ihnen Verständnis entgegen und befriedigen ihre Grundbedürfnisse. Auf diese Weise verschaffen sie sich einen Zugang zu den Personen, der vielen etablierten Parteien zur Zeit verwehrt zu sein scheint.

Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl ist es höchste Zeit, mehr über diesen Zugangsweg herauszufinden.

Psychologisch betrachtet, scheinen Populisten einen gefährlichen Vorsprung zu haben: Sie scheinen intuitiv oder willentlich zu wissen, wie Menschen funktionieren. Wer mehr über unsere menschliche Wahrnehmung, unser Verhalten und unsere Grundbedürfnisse weiß, kann besser mit uns umgehen.

Lernten alle Parteien über diese Mechanismen, würden alle Parteien auf die Bedürfnisse der Menschen, auf unsere Bedürfnisse, eingehen und die Beziehungsebene ernst nehmen, dann hätten wir ein "Remis" in Sachen guter Umgang. Und dann würden Inhalte entscheiden.

Populisten befriedigen die Grundbedürfnisse von Menschen

Zu "gutem Umgang" mit Menschen gibt es viel zu sagen. Grundlegend sind die menschlichen Grundbedürfnisse. Nach deren Befriedigung streben wir alle – bewusst und unbewusst. Von den Populisten lässt sich diesbezüglich viel lernen.

1. Verbundenheit: Wir streben danach, mit anderen verbunden zu sein. Das bedeutet, dass wir uns wohl fühlen, wenn wir dazugehören, wenn sich jemand um uns kümmert und wir uns um andere kümmern können. Gruppierungen wie Pegida grenzen sich nach außen ab, verbünden sich und vertreten miteinander ihre Ziele. Rechte Parteien gründen beispielsweise Nachbarschaftscafés. Sie bringen Menschen zusammen. Für einige von uns vielleicht befremdlich oder erschreckend: aber unabhängig davon, was gesagt oder geschrien wird, spricht viele Menschen diese Gemeinschaftlichkeit an.

2. Kompetenz: Wir wollen, dass unsere Handlungen nicht folgenlos bleiben. Schon als Kleinkinder haben wir die größte Freude daran, etwas anzustoßen und ihm beim Fallen und beim Lärmen zuzuschauen. Populistische Vereinigungen versprechen Wandel, Veränderung, Verwirklichung der eigenen Ziele – und das auch auf lokaler Ebene. Wer hat Verständnis für eine Kommune, die nachts die Straßenbeleuchtung ausschalten muss, weil das Geld knapp ist, oder die keinen Supermarkt mehr hat? Hilft da ein "Das müssen Sie verstehen" oder "Das ist doch nicht so schlimm"?

3. Autonomie: Wir wollen die Quelle unseres eigenen Handelns sein. Fremdbestimmung fühlt sich für viele Menschen wie Kontrollverlust an. Dieses Bedürfnis nach Autonomie kann beispielsweise den Ruf nach mehr Nationalstaat und weniger Europa ein Stück weit erklären.

Was kann getan werden?

Wer Politik macht, interessiert sich für Menschen. Es wird Zeit, das explizit auszudrücken. Expertise im Umgang mit Menschen wird ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Wahlkampf. Oder anders gesagt: Wer ordentlich mit seinen Wählern umgeht, wird mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das größere und wahrhaftigere Interesse an den Menschen wird sich in Prozentpunkten ausdrücken.

Sie wollen Ihre Inhalte an den Mann und an die Frau bringen? Sorgen Sie dafür, dass Ihnen zugehört wird. Wie? Indem Sie zuhören, Fragen stellen und versuchen, Ihrem Gegenüber Verständnis entgegenzubringen. Es hört sich trivial an, und Triviales finden wir oft wenig attraktiv. Noch dazu ist dieses Verhalten mit viel Mühe verbunden. Stundenlange Haus- oder Marktbesuche können sehr anstrengend sein. Sie sind jedoch unverzichtbar, um die Menschen und ihre Lebenssituationen zu verstehen. Was bewegt die Menschen in Ihrem Wahlkreis? Trauen Sie sich, nicht auf alles Antworten zu haben. Sagen Sie zu, die Fragen mitzunehmen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Lernen Sie sich gegenseitig kennen. So überwinden Sie die viel beschriebene Distanz zwischen der Politik und den Menschen.

Friederike S. Bornträger

ist Dozentin für Sozialpsychologie an der Ludwig Maximilians Universität München und selbstständige Organisationsberaterin. (Foto: privat)

Adrian Sonder

ist Mitarbeiter im Deutschen Bundestag und Blogger. Er war 2013 Wahlkampfleiter eines Bundestagskandidaten. In den vergangenen Jahren hat er Kommunal- und Landtagswahlkämpfe begleitet. (Foto: privat)