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Praxis

Was macht eine gute Rede aus?

Für eine funktionierende Demokratie ist die Kunst des Debattierens essenziell. Vier Tipps für einen gelungenen Debattenbeitrag – auch, aber nicht nur für Bundestagsabgeordnete.

von Marcus Ewald
Der Bundestag lädt zur Debatte – und keiner schaut hin. Das hat einen Grund: Zu viel Rhetorik und zu wenig Debatte. Goethe schrieb von zwei Seelen in Fausts Brust. Im Bundestag hätte er Faust beide Seelen aufs Rednerpult legen lassen. Denn wichtige Entscheidungen brauchen Abwägungen. Zurzeit sehen die Leute jedoch, dass Pro und Contra hinter den Kulissen gewogen werden – mit scheinbar alternativlosem Ergebnis. Aber wer heimlich wägt, lädt zu Misstrauen ein. Nur wer öffentlich wägt, kann die Leute mitnehmen und sie zu Mitstreitern machen.
 
Jede Debatte lebt vom Abwägen, und genau beim Wägen entsteht Dissens. Zwischen den Parteien, innerhalb von Parteien und am wichtigsten: innerhalb jedes Abgeordneten. Für öffentlichen Dissens gibt es einen Ort: das Rednerpult im Bundestag. 
 
Was macht nun aber einen guten Debattenbeitrag aus? Wichtige Leitfragen:
 
1. Welches Problem soll gelöst werden?
2. Wer hat welche Vorteile?
3. Wer hat welche Nachteile?
4. Welcher Grundwertkonflikt liegt dem zugrunde? 
 
Über Grundwerte sollte man immer streiten, denn sie sind nicht endgültig lösbar. Neben dem Klassiker Freiheit/Sicherheit gibt es beispielsweise: Gegenwart/Zukunft, Individuum/Gesellschaft, Kontrolle/Vertrauen, Individualität/Kollektivität, Einheit/Vielfalt, Wettbewerb/Solidarität, Inklusion/Exklusion, Tradition/Innovation, Transparenz/Effizienz und Prinzipientreue/Pragmatismus. Diese Liste kann beliebig ergänzt werden – aber in jedem Beitrag steckt mindestens einer dieser Gegensätze, die ihn erst relevant machen. 
 
Doch was ist mit der Form eines guten Debatten­beitrags? 
 
1. Reden Sie frei!
Wäre Ihre Rede eine Kletterwand, so wäre Ihr Manuskript das Sicherungsseil. Dazu liegt es vor Ihnen auf dem Pult. Aber niemand sieht gerne jemandem zu, der sich am Sicherungsseil an einer Wand hochzieht. Hinweise sind ausdrücklich erlaubt: Willy Brandt schrieb sich beispielsweise die Regieanweisung "dramatisches Schweigen" mit auf. Experimentieren Sie einfach!
 
2. Beziehen Sie sich auf Ihre Vorredner!
Reagieren Sie auf die Beiträge Ihrer Vorredner und ordnen Sie diese ein. Das zeigt Respekt vor den Beiträgen der Kontrahenten im Hohen Haus. 
 
3. Geben Sie Ihren Nachrednern ­Aufgaben!
Wenn Sie Grundwerte wägen, können Sie andere dazu auffordern, für die andere Waagschale zu argumentieren. So bleibt Ihr Beitrag auch später in der Debatte relevant.
 
4. Strukturieren Sie Ihre Argumente!
Jedes Argument sollte aus drei Teilen bestehen: Behauptung, Begründung, Beleg. Der erste Teil sagt, was Sie wollen, der zweite liefert die sachlichen Hintergründe und der dritte liefert Metaphern, Analogien und Erfahrungsberichte. 
 
Das kann man üben, beispielsweise in einem der fast hundert Debattierclubs in Deutschland. Denn Debatte muss trainiert werden, damit eine Demokratie immer wieder neu auflebt.
Marcus Ewald

ist Krisenmanager und Geschäftsführender Gesellschafter bei Ewald & Rössing. 2008 wurde er mit Torsten Rössing deutscher Meister im Debattieren. (Foto: Ewald & Rössing)