Wenn Zocken auch Chefsache ist: Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schaut bei seinem Fraktionskollegen Mario Brandenburg vorbei, der regelmäßig streamt, wie er Videospiele  streamt. Hier ­besiegt Brandenburg seinen Chef bei "Mario Kart". (c) FDP
D
Wenn Zocken auch Chefsache ist: Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schaut bei seinem Fraktionskollegen Mario Brandenburg vorbei, der regelmäßig streamt, wie er Videospiele streamt. Hier ­besiegt Brandenburg seinen Chef bei "Mario Kart". (c) FDP
Gaming

Warum Politiker Videospiele vor Publikum zocken

Anderen beim Online-Spielen zuzuschauen, hört sich ziemlich öde an. Einige Politiker ziehen damit aber Tausende Zuschauer an. Ein direkter Draht, der allen Spaß macht

von Konrad Göke

Gut 40 Minuten dauert es, bis FDP-Chef Christian Lindner das erste Mal "Scheiße" sagt. Und sofort "Verzeihung" hinterherschiebt. Er konzentriert sich darauf, mit seiner motorisierten Spielfigur im Videospiel nicht von der Rennstrecke zu fallen. 900 Zuschauer sehen ihm dabei zu, wie er mit seinem Fraktionskollegen Mario Brandenburg in "Mario Kart" um die Wette fährt. Dabei beantworten sie Fragen aus dem Chat, etwa warum Lindner beim Zocken einen Anzug trägt. "Wir sind hier im Bundestag", sagt Lindner, während er weiter auf den Bildschirm starrt. "Ich ziehe mir jetzt doch nicht einen Jogginganzug an, wenn ich nachher wieder ins Parlament zurückmuss."

Der Bundestagsabgeordnete Mario Brandenburg hat sein T-Shirt mit dem Aufdruck "Gaming is a real sport" unter dem Anzug getragen. Er ist der Gastgeber im Format, das die FDP "StammTwitch" getauft hat. Er spielt Videospiele, überträgt das auf der Streamingplattform "Twitch.tv" ins Internet und diskutiert mit seinen Zuschauern. "Gaming ist Teil der Gesellschaft", sagt Brandenburg zu p&k. Laut einer Allensbach-Umfrage von 2020 gaben rund 9 Millionen Deutsche an, häufig Computerspiele zu spielen. Rund 20 Millionen spielen ab und an. Zählt man Spiele auf Konsolen und dem Mobiltelefon dazu, sind es noch mehr. Ein gewaltiges Wählerpotenzial. "Jeder Dritte spielt Videospiele, bald wird es jeder Zweite sein", sagt Brandenburg. "Es geht von Alt bis Jung. Auch mein Vater verbringt heute noch Abende in 'World of Warcraft' und haut ein paar Monster um."

Brandenburg hat Twitch den Vorzug vor anderen Plattformen gegeben. Besonders angenehm sticht Twitch durch seine Community hervor. Bei ihrem Digitaltag probierten einige Digitalpolitiker der FDP Liveformate auf verschiedenen Plattformen aus. "Bei Facebook sind die Kommentare oft recht aggressiv", sagt Brandenburg. "Bei Twitch waren die Leute schnell da, haben am meisten geredet und gefragt – die Laune war einfach am besten." Die Entscheidung, hier etwas aufzubauen, fiel ihnen leicht.

Über 400.000 Aufrufe

In Deutschland ist die Landschaft des politischen Twitch noch einigermaßen leer. Wieder einmal sind die USA uns hier voraus. Alexandria Ocasio-Cortez, die große Nachwuchshoffnung der Demokraten, machte von sich reden, weil ihr das Kunststück gelang, an der Seite prominenter Twitch-Stars vor bis zu 439.000 Menschen "Among us" zu spielen. Das Spiel ähnelt vom Prinzip her dem Gesellschaftspiel "Mafia", wo man getarnte Maulwürfe aufspüren muss. In Deutschland müssen die Politiker noch kleinere Brötchen backen. Da Live-Übertragungen allerdings gespeichert werden und weiterhin abrufbar sind, sind auch Spät­erfolge möglich. Der Europaparlamentarier Tiemo Wölken (SPD) hat mit seinen Videos mittlerweile 442.000 Aufrufe gesammelt. Er ist so etwas wie der Pionier unter den twitchenden Parlamentariern. Seit 2016 sitzt er im EU-Parlament und versorgt seine Follower mit Infos und Videos aus Brüssel – seit einigen Monaten auch auf Twitch.
Wölken zeichnet allein für seinen Stream verantwortlich. Sein Kanal ist personalisiert, das Studio hat er in seinem Büro aufgebaut. Die FDP geht einen anderen Weg. Hier hat die Bundestagsfraktion eine Spieleecke aufgebaut. 

Tiemo Wölken (SPD) spielt eine der Spiel­variationen im populären Videospiel "Fall Guys". Nebenbei verfolgt er die Kommentare seiner Zuschauer im Chat und spricht über seine Arbeit als EU-Abgeordneter.

"Wir haben von Kameratechnik bis Ton alles aufgefahren und wollen als Fraktion lernen", sagt Brandenburg. "Auf meinem Privataccount streame ich nicht. Ich finde es richtig, das halbinstitutionell zu machen." Die Logik: So ist die Bühne auch für Kollegen bereitet, die gerne spielen und chatten, technisch aber nicht firm genug sind, den technischen Aufbau zu leisten. Tiemo Wölken hat sein Studio sehr stimmig eingerichtet. Stylische Lampen, aufgeräumte Regale, eine grob verputzte Wand im Vintage-Stil. Seine Technik hat er fest im Griff. "Mein Studio einzurichten, war ein Prozess", sagt Wölken zu p&k. "Ich habe die Community immer wieder gefragt, was besser werden muss. Prinzipiell braucht es aber nur eine Kamera, Licht und ein gutes Mikrofon. Das kann jeder bestellen." In die Software könne man sich reinfuchsen. 

Brandenburg ist da vorsichtiger. "Man kann ein Smartphone hinstellen und anfangen", sagt er. "Auf der anderen Seite genießt die Spezies Politiker nicht die höchste Popularität. Wenn ich so etwas anbiete, dann muss ich es ordentlich machen. Sonst sagen die Nutzer schnell, schau mal: die schlechte Auflösung – nichts kann er, der Herr Politiker." Einen Vorgeschmack darauf gibt es, als sich Brandenburg und Lindner unverschuldet um etwa eine halbe Stunde zu ihrem Spieltermin verspäten, weil eine wichtige namentliche Abstimmung ansteht. Der Chat ist bereits geöffnet. Ein User spottet: "Lieber gar nicht streamen, als schlecht zu streamen".

Ist das seriös?

Im Quotenhit "Fall Guys" gibt es mehrere Minispiele. Im populärsten versuchen die Spieler, über einen Hindernisparcours zum Ziel zu gelangen. Pausbäckige, kugelrunde Spielfiguren, die ungelenk übers Spielfeld wackeln. Vor dem Bildschirm: fluchende Politiker. "Nein, seriös ist das nicht", gibt Wölken unumwunden zu. "Das soll es aber auch nicht sein. Es geht darum, mit Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt zu treten. Mir ist sehr bewusst, dass ich mich in Streams auch aufrege und weniger zurückhaltend bin. Andererseits kommt das gut an. Eines meiner erfolgreichsten Videos auf Instagram ist ein Zusammenschnitt mit Szenen aus einem 'Fall Guys'-Abend."

Egal ob sich Parteien dafür entscheiden, Twitch im Wahlkampf zu bespielen oder nicht. Einfach vorbeigehen können sie an der Plattform nicht. "Twitch für die Kommunikation auszuwählen will gut überlegt sein", gibt Sandra Busch-Janser zu bedenken. Sie leitet die Abteilung für politische Kommunikation bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. "Eine Show kann hier keine Eintagsfliege sein", sagt sie. "Das Publikum erwartet Kontinuität. Am Ende geht es immer darum, Ressourcen zwischen Plattformen aufzuteilen."

Abseits von großen Parteilinien macht sich Wölken bereits Gedanken über den Wahlkampf. Es habe schon Nachfragen gegeben, ob er die Bundestagswahl im Stream begleiten wolle. "Alle wissen natürlich, dass ich eine Parteibrille aufhabe. Das ist kein Problem", sagt der SPD-­Politiker. "Ich könnte mir vorstellen, ein TV-Duell im Stream zu kommentieren." Dazu allerdings müsse er die rechtliche Situation noch klären: "Es geht nicht, einfach ein TV-Signal auf Twitch zu streamen."

"User wollen Hardcore-Politikcontent"

Die erfolgreichsten Streamer auf Twitch sind Vollblut-­Gamer, die nicht selten Geld mit dem Spielen verdienen. Der Informatiker Mario Brandenburg hält es für wichtig, auf Twitch Stallgeruch als Gamer mitzubringen. "Dafür würde ich nicht 'Marios Lipgloss Kanal' auf YouTube starten", scherzt er. Wölken gibt sich diplomatisch. "Ich finde, das muss jeder für sich selbst entscheiden", sagt er. Aber natürlich funktioniere es mit einer "inneren Motivation" besser.

Positiv erwähnen viele das Niveau der Community auf Twitch. Das Klischee von Computer-Junkies, die hier eine Parallelgesellschaft fernab aller Nachrichtenströme bilden, ist falsch. "Die Community ist gut informiert", sagt Wölken. "Die Fragen, die sie stellen, machen klar, sie wissen, wovon sie reden." In seinem Stream zur US-Wahl hätten sich einige User gut mit dem amerikanischen Wahl­system auseinandergesetzt und sogar gewusst, wie der Stand in einzelnen Landkreisen aussah. Mario Brandenburg sagt: "Im Chat kommen wirklich spezifische Fragen, etwa für welchen Listenplatz ich mich bewerbe. Offensichtlich gibt es dort Leute, die wollen Hardcore-Politikcontent."

Um auf Sendung zu gehen, muss man seinem Stream eine Kategorie zuweisen. Jedes Videospiel hat eine eigene Kategorie. Wer einfach nur reden will, gruppiert sich in die Kategorie "Just Chatting" ein. "Mit der richtigen Kategorie kann man schnell an ein großes Publikum kommen", sagt Sophie Petschenka, die sich für die Konrad-Adenauer-­Stiftung mit Social Media beschäftigt, zu p&k.

Tiemo Wölken im Gespräch mit Bundes­umwelt­ministerin Svenja Schulze (SPD). Im Chat rechts kommentieren die Zuschauer und stellen Fragen. Wölken und seine Gäste entscheiden, welche Fragen sie aufnehmen, indem sie sie vorlesen.

Tiemo Wölken hat eines seiner Formate auf die letztgenannte Kategorie abgestimmt. "Bei 'Tiemo talkt' rede ich über alles und nichts", sagt er. "Je nachdem, was im Chat diskutiert wird. Das kommt sehr gut an." Es muss sich also nicht immer etwas bewegen, um erfolgreich zu sein. Wer sich als Marke etabliert und eine Fangemeinde aufgebaut hat, kann auch als Talking Head eine direkte Beziehung zu seinem Publikum knüpfen.

Beziehungen wollen gepflegt werden

Bei dieser Beziehungspflege ist vor allem eines wichtig: Authentizität. "Twitch erfordert es, offen zu sein", sagt Sophie Petschenka . "Jeder Streamer gibt etwas von seinem Leben preis und lässt die Community daran teilhaben. Es geht nicht einfach darum, ein Spiel zu spielen. Es geht darum, mit anderen Zeit zu verbringen, sie ernst zu nehmen und darüber eine persönliche Bindung aufzubauen."

Auch wenn noch nicht viele Politiker unter die Spiel-Streamer gegangen sind, ihre Zahl wird wachsen. Wölken sagt, im EU-Parlament gebe es noch keine "Gamer-Koalition". Niedrigschwellig zugängliche Spiele wie "Among us" seien aber prädestiniert dafür, welche zu bilden. Derzeit setzt er auf Gastauftritte namhafter Parte­ifreunde in seinem Stream. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil war schon zu Gast. Unlängst schaute Umweltministerin Svenja Schulze vorbei.

Haushälter spielen Aufbauspiele

Bei der FDP soll neben dem Stamm-Streamer Brandenburg zunehmend auch wechselndes FDP-Personal auf dem Gamerstuhl Platz nehmen. Das Gastspiel von Christian Lindner soll nur ein Auftakt sein. Für Brandenburg ging es gegen seinen Chef natürlich auch um die Gamerehre. Tatsächlich sah Lindner kein Land gegen seinen Kollegen. Das war auch nicht wichtig. Stattdessen nahm er die Gelegenheit wahr, eine Stunde lang ausführlich auf die Fragen der Zuschauer einzugehen. Während er versuchte, andere Spielfiguren mit Schildkröten­panzern abzuschießen, erklärte er beispielsweise, was er vom Erbschafts­steuermodell des Co-Vorsitzenden der Linksfraktion, ­Dietmar Bartsch, hält (nichts).

"Wie wir weitermachen, lassen wir die Community entscheiden", sagt Brandenburg. Im Chat kommt die Sprache auf das Strategie- und Aufbauspiel "Civilization", das gerne auch eine ganze Nacht dauern kann. Lindner wäre sofort dabei. Noch während des Streams bekommt er eine SMS vom FDP-Haushälter Otto Fricke. Lindner liest vor: "Wenn ich nicht mitspielen darf, werde ich sauer." Der Plan steht.

Es bleibt abzuwarten, wie viele Politiker noch vom Spielvirus angesteckt werden. Die politischen Twitch-­Streamer trommeln schon heftig. "Als FDP-Politiker ist man ein 'Geh sterben' pro Tag gewöhnt", flachst Brandenburg. Auf Twitch sei sowas bis heute nicht passiert. Tiemo ­Wölken sagt: "Ich kann es nur immer und immer wieder sagen: Meine Erfahrungen sind durchweg positiv."

Konrad Göke

ist Leitender Redakteur von politik&kommunikation.