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Public Affairs

"Warum gibt es so wenige Frauen an der Spitze von Verbänden, Frau Müller?"

Seit sechs Jahren führt Ex-Kanzleramtsministerin Hildegard Müller den BDEW. Im Interview erzählt sie, worauf es bei der Führung eines Verbandes ankommt, was sie von Frauennetzwerken hält und warum sie sich als Teenager auf ihrer ersten CDU-Veranstaltung gegruselt hat.

von Nicole Alexander

p&k: Frau Müller, 500 politische Interessenvertretungen in Deutschland listet die gleichnamige Publikation unseres Verlages auf. Frappierend: Nur rund 4o davon haben eine Frau im Vorstand oder als Geschäftsführerin. Warum tun sich Verbände so schwer mit Frauen an der Spitze?

Hildegard Müller: Ich denke, das hängt damit zusammen, dass Verbände immer auch ein Spiegelbild ihrer Mitgliedsunternehmen sind. So finden sich in stark männerdominierten Industriezweigen wie etwa der Energiewirtschaft entsprechend viele Männer an der Spitze ihrer politischen Interessenvertretung.

Auf der anderen Seite trauen viele Unternehmen Frauen offensichtlich durchaus zu, ihre politischen Interessen zu vertreten: 30 von rund 130 Hauptstadtrepräsentanzen haben eine weibliche Führung.

Ja, wenn man von der Spitze wegschaut und sich die zweite, dritte Ebene ansieht, dann werden die Zahlen schnell besser. Das soll nicht heißen, dass diese Zahlen ausreichend sind. Ich bin damit noch längst nicht zufrieden. Aber gerade Hauptstadtvertretungen mit ihren oft kleineren Büros bieten Frauen die Chance, ihr Talent unter Beweis zu stellen und zu zeigen, dass sie ihren Job beherrschen. Das ist für sie manchmal etwas einfacher als in komplexen Unternehmen mit stark hierarchischen Strukturen.

Sie selbst sind Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), eines sehr männlich geprägten Verbandes.

Moment, wir haben 50 Prozent Frauen in der Hauptgeschäftsführung. Zudem haben wir einen veritablen Anteil von Frauen als Geschäfts-, Bereichs- und Abteilungsleiterinnen. Da liegen wir weit vorn.

Mag sein, doch in Ihrem 50-köpfigen Vorstand sitzen gerade einmal zwei Frauen und im Präsidium sind Sie das einzige weibliche Mitglied.

Ja, was die ehrenamtlichen Gremien des BDEW betrifft, in denen die Mitgliedsunternehmen vertreten sind, haben wir sicherlich Nachholbedarf. Immerhin: Wir engagieren uns seit Jahren in einer Nachwuchsinitiative, und da merken wir schon, dass der Frauenanteil im Ingenieurswesen kontinuierlich steigt. Aber bis wir in unseren ehrenamtlichen Gremien gleich viele Männer wie Frauen sitzen haben – das ist noch ein weiter Weg.

Gehen Sie diesen Weg mit einem aufklärerischen Ansatz an?

Ich gehe da erst einmal fröhlich heran. Ich sehe es als Herausforderung und versuche zugleich, das Ganze an der einen oder anderen Stelle zu entkrampfen. Als Nathalie Leroy und Ute Römer neu in den Vorstand kamen, war ich schon erfreut, dass ich den Vorstand nicht mehr mit "Sehr geehrte Herren" anschreiben musste. Selbstverständlich freue ich mich über jeden Mann, der im Vorstand mitarbeitet, aber es ist schön, dass wir jetzt auch zwei Frauen dabei haben. Natürlich versuche ich auch, Frauen aktiv zu fördern.

Wie machen Sie das?

Indem ich etwa gezielt nach kompetenten Managerinnen in den Mitgliedsunternehmen schaue, wenn ich ein Podium besetzen will. Da ist man gut beraten, auf Vielfalt zu achten, sowohl was die Meinungen als auch was das Geschlecht angeht.

Klar, heute gehört es zum guten Ton, dass bei solchen Veranstaltungen mindestens eine Frau auf dem Podium sitzt.

Nein, es ist mehr als das. Eine Podiumsdiskussion lebt davon. Wenn Sie nur Männer diskutieren lassen, wird es meist schnell sehr langweilig. Es geht aber auch um die Haltung, die dahinter steht und die man an seine Mitarbeiter weitergibt. Aber natürlich ist das nur ein Aspekt. Im Übrigen glaube ich, dass da eine neue Generation von Frauen im Kommen ist, die selbstbewusst ist und die sich gar nicht die Frage stellt, ob Frauen technische Berufe ausüben können. Diese Frauen machen das einfach, unterstützt übrigens von ihren Vätern, die früher froh waren, dass ihre eigene Frau zuhause geblieben ist.

Was meinen Sie: Wie lange wird es dauern, bis die Hälfte der Verbandsvorstände mit Frauen besetzt ist?

Diese Frage erinnert mich an die Zeit, als man von mir Vorhersagen zur Strompreisentwicklung erwartet hat. Zu den Verbandsvorständen: Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren bei diesem Thema ein großes Stück mehr Selbstverständlichkeit gewinnen werden. Vor allem müssen wir Akzeptanz für beide Seiten schaffen, damit die verschiedenen Modelle der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Bereicherung gesehen werden. Das ist viel eher mein Traum als das Modell einer durchquotierten Gesellschaft.

Verbandsarbeit ist ja stark vom Ausgleich verschiedener Interessen geprägt – eine Fähigkeit, die gern dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben wird. Sind Frauen gar prädestiniert für Führungspositionen in Verbänden?

Ich halte Frauen in der heutigen Arbeitswelt für alles prädestiniert; das hängt ausschließlich von den eigenen Talenten ab. Eine Physikstudentin zum Beispiel hat andere Kompetenzen als Kommunikation, die will technisch arbeiten. Deshalb meine ich, wir sollten uns davor hüten, in alte Stereotype zurückzufallen.

Dann lassen Sie mich die Frage anders stellen. Beim BDEW prallen die unterschiedlichen Positionen der Mitgliedsunternehmen spätestens seit der Energiewende heftig aufeinander. Da dürften Ihre Vermittlungsfähigkeiten als Hauptgeschäftsführerin besonders gefragt sein. Würden Sie sagen, Sie agieren dabei anders, als es ein Mann in Ihrer Position tun würde?

Nach dem Reaktorunglück in Fukushima war mir sofort klar, dass der Verband handeln muss. Schon an dem Wochenende, an dem das Unglück passiert ist, hat unser Präsidium das erste Mal getagt. Und wir wussten: Da kommt eine gesellschaftliche Debatte auf uns zu. Natürlich war schnell klar, dass ein Verband mit 1800 Mitgliedsunternehmen sehr viele unterschiedliche Einstellungen zu dem Thema hat.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe unglaublich viel moderiert. In einer solchen Situation können Sie nicht führen nach dem Motto: Wir zählen mal eben die Stimmen aus und wenn die eine Seite eine Stimme mehr hat, ist die Sache entschieden. Sie müssen sehr viel Kraft investieren und integrierend wirken, damit die Mitglieder erkennen: Eine gemeinsame Position stärkt alle und Differenzen schwächen alle. Natürlich trifft der Verband manchmal Entscheidungen, die nicht allen 1800 Mitgliedsunternehmen gefallen, das ist ja klar. Aber insgesamt muss bei allen das Gefühl vorherrschen, dass es ausgewogen ist, dass jeder mit seinen berechtigten Interessen ernst genommen wird und Teil des Ganzen ist.

Und: Haben Sie diesen Aushandlungsprozess anders gemanagt, als das ein Mann getan hätte?

Vielleicht habe ich etwas bewusster darauf geachtet, dass wir uns untereinander nicht als Gegner sehen, sondern als Chance, sich als Branche auf gangbare Wege zu verständigen, um der Politik ein faires Angebot machen zu können. Das lag aber vor allem daran, dass ich aus meiner vorherigen Tätigkeit in der Politik wusste, wie schnell man aneinander vorbeiredet, wenn unterschiedliche Erwartungen aufeinander treffen. Da ist es natürlich wichtig, dass man neben den Fakten auch die Zwischentöne mitbekommt und versucht, darauf einzugehen. In der Summe sind sich Frauen vielleicht ein bisschen bewusster, dass rationale und emotionale Faktoren zusammenkommen müssen. Und sie können sich vielleicht ein Stück mehr dazu bekennen.

Mit männerdominierten Runden kennen Sie sich ja seit Ihrer Jugend aus: Bereits als Teenager haben Sie sich in der CDU engagiert. Was hat die Partei, die nicht gerade in dem Ruf steht, der Hort der Gleichstellung zu sein, für Sie attraktiv gemacht?

Ich war damals sehr engagiert im kirchlichen Bereich, und das hat sich sehr gut widergespiegelt in der Union. Auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht habe ich mich in der CDU wiedergefunden. Im Übrigen: Wenn man in eine Partei eintritt, dann macht man das ja nicht, weil man sich hundertprozentig mit ihren Positionen identifiziert. Für mich war klar: Die Partei vertritt einen Großteil meiner Überzeugungen, und den Rest werde ich ändern. Als ich das erste Mal zu einer CDU-Veranstaltung gegangen bin, wurde ich mit den Worten empfangen: „Ich habe auch eine Tochter in Ihrem Alter.“ Das fand ich gruselig. Fünf Jahre später war ich die Vorsitzende des Ortsverbandes.

Haben Sie sich damals in der Frauen Union engagiert?

Nein, da war ich zunächst nicht aktiv. Damals waren jüngere und ältere Frauen ganz weit auseinander in der Union, das war auch eine ganz andere Zeit der Frauenbewegung. Da wurden Themen diskutiert, die mich überhaupt nicht angesprochen haben. Aber ich habe mich damals mit anderen jüngeren Politikerinnen in der Partei ausgetauscht; gemeinsam haben wir in Düsseldorf einen Arbeitskreis Junge Frauen gegründet. Das war hilfreich und hat viel Spaß gemacht.

Sie haben dann sehr schnell politische Karriere gemacht: 1998 erste weibliche Bundesvorsitzende der Jungen Union, 2002 Einzug in den Bundestag, 2005 Berufung zur Staatsministerin im Bundeskanzleramt, wo Sie zum "Girls’ Camp" um Angela Merkel gehörten …

(unterbricht) Jetzt bedienen Sie aber ganz klassische Stereotype.

Wieso?

Weil niemand in den Jahrzehnten zuvor auf die Idee gekommen wäre, im Zusammenhang mit dem Bundeskanzleramt von "Boy Group" zu sprechen.

Stimmt, aber es ist ja schon auffallend, dass vor allem Frauen zu Merkels engstem Vertrauten-Kreis im Kanzleramt zählten und zählen. Neben Ihnen und der damaligen Staatssekretärin Maria Böhmer waren das Merkels Büroleiterin Beate Baumann und ihre Medienberaterin Eva Christiansen, die bis heute zum innersten Zirkel gehören.

Ja, und die Tatsache, dass es im Kanzleramt ein paar Frauen in wichtigen Funktionen gab, hat den Medien gereicht, um dafür den Ausdruck "Girls’ Camp" zu kreieren. Übersehen haben sie dabei allerdings, dass es mit Bernd Neumann auch einen männlichen Staatsminister gab, dass alle Abteilungsleiter männlich waren und dass mit Thomas de Maizière ein Mann Chef des Bundeskanzleramtes war. Von einer überbordenden Frauenquote im Kanzleramt konnte nun wirklich keine Rede sein. Richtig aber ist: Angela Merkel hat überhaupt kein Problem damit, gute Frauen zu fördern, an sich zu binden, zu begeistern und zu faszinieren. Sie fördert Frauen genauso wie Männer, wenn sie von ihnen überzeugt ist.

Mag sein. In politischer Hinsicht aber sind viele Wählerinnen enttäuscht, dass es mit dem Thema Gleichstellung auch unter einer Bundeskanzlerin nicht so recht vorangeht. Teilen Sie diese Enttäuschung?

Eine Kanzlerin zu haben, entlässt ja weder aus der persönlichen noch aus der gesellschaftlichen Verantwortung, etwas zu tun. Es ist ja auch eine Menge passiert, etwa beim Thema Kinderbetreuung.

Das Betreuungsgeld dürfte Ihnen aber kaum gefallen.       

Richtig, ich glaube nicht, dass es die richtigen Anreize setzt. Andererseits finde ich, dass eine Gesellschaft, die Wahlfreiheit bieten will, es dann auch aushalten muss, wenn die Leute diese Wahlfreiheit in Anspruch nehmen. Das gilt übrigens auch und gerade mit Blick auf die Männer. Es ist doch verrückt, dass Väter, die für die Erziehung ihres Kindes ein, zwei Jahre aus ihrem Job aussteigen, es im beruflichen Umfeld oft immer noch viel schwerer haben als Frauen, die ganz selbstverständlich Elternzeit nehmen.

Bei Ihnen selbst war das allerdings alles andere als selbstverständlich: Sie waren die erste Kanzleramtsministerin, die in ihrer Amtszeit in Elternzeit gegangen ist.

Ja, das ist in dem Amt eigentlich nicht vorgesehen. Wenn jemand Elternzeit nehmen will, muss er halt seine Position aufgeben.

Bei Ihnen kam es anders.

Ja. Dabei hatte ich, als ich wusste, dass ich schwanger bin, Angela Merkel meinen Rücktritt angeboten. Denn als Staatsministerin hatte ich einen sehr anspruchsvollen Job, in dem man sich aufeinander verlassen können muss. Und ich wusste ja genau wie andere Mütter und Väter nicht, ob mein Kind gesund auf die Welt kommt. Zudem wollte ich unbedingt mein Bundestagsmandat behalten.

Wie hat die Kanzlerin reagiert?

Sie hat gesagt: Das kann nicht sein, wir finden eine Lösung. Und das hat dann mit viel Kreativität und Kraft und Akribie auch geklappt, indem der damalige Innenstaatssekretär Hans Bernhard Beus den Posten bis zu meiner Rückkehr übernahm. Diese lösungsorientierte Art, wie Merkel an die Sache herangegangen ist, fand ich sehr wohltuend.

Eine echte Auszeit vom Job ist Ihre Elternzeit vermutlich aber nicht gewesen, oder?

Stimmt. Ich hatte ja auch noch andere Funktionen und Positionen innerhalb meiner Partei, die ich weiter ausgeübt habe. Und als Abgeordnete kann man auch keine Pause machen. Ich war natürlich nicht drei Tage nach der Geburt schon wieder so oft im Wahlkreis unterwegs wie vorher. Aber ich habe die Chance genutzt, schrittweise wieder einzusteigen. Und mit jedem Schritt, der klappte – der erste Flug mit Kind, die erste Sitzung, der erste Aufenthalt in einer anderen Stadt –, konnte ich den nächsten wagen.

Klingt ziemlich anstrengend.

Ja, aber wenn Sie eine Aufgabe fasziniert und Sie Führung übernehmen wollen, dann müssen Sie auch bereit sein, über das Normalmaß hinaus etwas zu leisten. An bestimmten Punkten müssen Sie sagen: Ich will das jetzt. Wenn ich jungen Frauen einen Rat geben möchte, dann den: Tretet nicht zur Seite, sondern traut Euch was zu. Frauen hinterfragen sich oft mehr, als Männer das tun. Wenn man sich dann entschieden hat, diesen Weg zu gehen, dann muss man das natürlich mit seinem Partner besprechen. Für viele Männer ist das heute auch kein Problem mehr.

Viele Mütter in Führungspositionen haben mit ihrem schlechten Gewissen zu kämpfen, weil sie das Gefühl haben, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben. Haben Sie nie daran gezweifelt, dass Ihr Weg der richtige ist?

Das Wichtigste ist doch, zu schauen, wie es dem Kind damit geht. Ich hatte das Glück, dass meine Tochter schon als kleines Mädchen wenig krank war und kein Problem damit hatte, von anderen betreut zu werden. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich manche Dinge anders entschieden. Ich kann jedem nur raten, auf sich und auf das Kind zu hören und aus der jeweiligen Situation heraus seine Entscheidungen zu treffen, anstatt Zehn-Jahres-Pläne zu machen. In Deutschland neigen wir leider sehr dazu, die reine Lehre zu leben; da gehen oft auch Frauen nicht tolerant miteinander um.

Apropos Ratschlag: Wie wichtig ist es Ihrer Erfahrung nach für Frauen, die beruflich durchstarten wollen, sich untereinander zu vernetzen und vielleicht sogar selbst ein Netzwerk ins Leben zu rufen?

Ich halte generell viel von Netzwerken und kann da auch nichts Negatives dran erkennen – so lange man sie nicht als reine Gefälligkeitsnetzwerke definiert nach dem Motto: Wenn Du mir hilfst, helfe ich Dir. Wenn man sie als Bereicherung empfindet, eigene Erfahrungen weitergibt oder sich einfach in einem geschützten Raum austauschen will, dann finde ich das sehr positiv. Ich würde sowohl jungen Männern als auch Frauen raten, sich in solchen Netzwerken zu engagieren, weil es immer Situationen gibt, nicht nur im beruflichen, sondern auch im familiären Bereich, in der eine dritte Instanz sehr hilfreich sein kann.

Sind Sie selbst in einem Frauennetzwerk aktiv?

Ja, in mehreren sogar. Und wenn es irgend geht, stelle ich mich heute im Rahmen von Mentoring-Programmen als Mentorin zur Verfügung, um meine eigenen Erfahrungen weiterzugeben. In meiner Karriere hatte ich nie das eine große Vorbild. Aber ich kannte immer Frauen und auch Männer, die ich notfalls mitten in der Nacht hätte anrufen können, um mir einen Rat zu holen.

Hildegard Müller

ist seit Oktober 2008 Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).  Von 2002 bis 2008 war die Mutter einer Tochter Mitglied des Bundestages und von 2005 bis 2008 Staatsministerin im Bundeskanzleramt (Foto: Laurin Schmid).