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Demoskopie

Wahlumfragen sind keine Wahrsagerei

Wahlumfragen werden gern als Wette auf die Zukunft präsentiert, dabei sind sie eigentlich nur unscharfe Momentaufnahmen. Warum die Ergebnisse der Meinungsumfragen anders kommuniziert werden müssen.

von Katharina Brunner

Es war ein Katastrophenjahr für Umfragen: 2016 stimmte erst die Mehrheit der Briten für den Ausstieg aus der EU, ein paar Monate später stimmten die Wahlmänner und -frauen für Donald Trump als Präsidenten der Vereinigten Staaten. Viele Politiker und Politikbeobachter haben die Entscheidungen kalt erwischt. Hieß es nicht, dass Clinton zu 70, 80 oder gar 90 Prozent gewinnen werde? Es kam anders.

Große Medien wie die "New York Times", die monatelang den Wahlkampf mit Prognosen zum Wahlausgang begleitet hatten, blamierten sich, weil sie die Bedeutung von Wahrscheinlichkeiten nicht vermitteln konnten. Wer für Clinton war, rundete schnell auf 100 Prozent auf. Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias nennt man den Effekt, wenn die eigene Weltanschauung die Erwartungen so verzerrt, dass die restlichen 20 Prozent auf null schrumpfen.

Zwei Jahre nach dem großen Knall wollte es die "New York Times" bei den Midterm-Wahlen besser machen. Die fast 170 Jahre alte Zeitung gilt als eins der innovativsten Medien weltweit und scheut keine Experimente in der Berichterstattung. Für die Zwischenwahlen im November war die Idee radikale Transparenz: Mit Live-Umfragen begleitete die Zeitung diejenigen Rennen um das Repräsentantenhaus, die besonders umkämpft waren. Die "New York Times" berichtete nicht mehr nur über Umfragen, sondern erhob sie selbst, zusammen mit dem Siena College aus dem Bundesstaat New York. Fast drei Millionen Mal versuchten sie, Amerikaner in den entsprechenden Distrikten dazu zu bewegen, ihre Haltung zu den lokalen Kandidaten preiszugeben.

Wichtige Informationen bleiben unter Verschluss

Zum Beispiel in New Mexico, im Süden der USA. Dort forderte im zweiten Kongressdistrikt die Demokratin Xochitl Torres Small die bisherige republikanische Abgeordnete Yvette Herrell heraus. 17.201 Anrufe ließ die Zeitung machen, um zum Stimmungsbild zu kommen, dass ungefähr 45 Prozent für die Republikanerin stimmen würden, 44 Prozent für die Demokratin. So weit, so konventionell.

Doch auf der Website finden sich noch viel mehr Informationen, um das Umfrageresultat einschätzen zu können: Es wird angegeben, dass die Zustimmungsraten plus/minus 4,9 Prozent zu verstehen sind – so hoch schätzt die "New York Times" die sogenannte Fehlerspanne ein. Genauso prominent wie die beiden Kandidatinnen ist zudem eine graue Figur dargestellt. Sie steht für die Unentschlossenen – die im Fall von Torres Small und Herrell immerhin zehn Prozent ausmachen. Von den 17.201 angerufenen Nummern haben die Call-Center-Mitarbeiter in diesem Distrikt 503 erreicht, also knapp drei Prozent. Allein auf ihrer Einschätzung basiert die Umfrage. Ob diese Personen zumindest einigermaßen repräsentativ sind, zeigt die "New York Times" auf ihrer Website, indem sie Annahmen und Unsicherheiten detailliert erklärt und die Antworten nach den jeweiligen soziodemografischen Gruppen aufschlüsselt. Damit legt die "New York Times" den Finger in die Wunde, wenn es um die Kommunikation von Umfragen geht: All das sind Informationen, die bei Umfrageergebnissen in Deutschland unter Verschluss bleiben.

Die Zutaten sind bekannt, die Mischung ist Geschäftsgeheimnis

Denn Umfragen haben vor allem einen Nachteil: Sie sind unsicher. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man sich den Kern der Methode bewusst macht: In Deutschland befragen die großen Umfrageinstitute in der Regel zwischen 1.000 und 2.500 Menschen und schließen dabei auf das Stimmungsbild von etwa 60 Millionen Wahlberechtigten. Das sind deutlich weniger als 0,01 Prozent. Traditionell verläuft der Prozess so: Institute lassen Telefoninterviews durchführen, machen Berechnungen mit den Ergebnissen, mischen ein bisschen Erfahrungen ein – und lüften dann den Vorhang: ein Prozent weniger für die SPD, drei Prozent mehr für die Grünen.

Umfragen sollen so die Welt im Kleinen spiegeln. Doch die Realität ist kein Statistik-Lehrbuch. So gut wie immer sind manche Personengruppen zu stark vertreten, andere zu schwach. Frauen, die älter als 60 Jahre sind, landen zum Beispiel zu selten in den Tabellen. Außen vor bleiben häufig auch Menschen ohne Festnetzanschluss, dabei haben gerade viele jüngere Leute nur mehr Mobiltelefone.

Was es deshalb braucht, sind Rechenmodelle, um die Antworten der einen stärker zu gewichten, die der anderen weniger stark. Es sind vor allem diese mathematisch-statistischen Methoden, die Umfrageinstituten immer wieder den Vorwurf der Manipulation einbringen. Tatsächlich ist es wie bei Coca-Cola: Die Zutaten sind bekannt, doch die genaue Mischung ist Geschäftsgeheimnis. So wie die Cola-Sorten verschiedener Marken unterschiedlich schmecken, so unterschiedlich sind die Umfrageergebnisse der verschiedenen Institute.

Eine Kamera, die sich nicht ganz scharf stellen lässt

Legen es die Institute mit ihren jeweiligen Methoden gar darauf an, Ergebnisse zu bekommen, die Schlagzeilen versprechen? Umfrageinstitute unterliegen schließlich auch der Aufmerksamkeitsökonomie. Doch allein den Instituten den Vorwurf der Sensationsheischerei zu machen ist unfair. Vielmehr sind auch Medien und Rezipienten in der Pflicht, Umfragen als das zu interpretieren, was sie sind: Abschätzungen des momentanen Stimmungsbilds. Eine Kamera, die sich nicht ganz scharf stellen lässt. Oder um noch ein anderes Bild zu bemühen: Mit politischen Meinungsumfragen verhält es sich wie mit dem Wetterbericht. Er eignet sich ganz gut, um die nächsten paar Tage einzuschätzen. Aber wie die Lage in zwei Wochen oder gar zwei Monaten sein wird? Dafür sind weder der Wetterbericht noch Meinungsumfragen zu gebrauchen.

Es ist diese Unschärfe, die jeder kommunizieren muss, der seriös mit Umfragen arbeitet. Das hat allerdings einen großen Nachteil: Es ist sperriger. "Die Grünen stehen bei 20 Prozent" ist höchstwahrscheinlich falsch. Richtiger ist es zu sagen: "Die Grünen liegen vermutlich zwischen 18 und 22 Prozent."

Bei aller Kritik an Demoskopen, deren Methoden und Ergebnissen gibt es vor jeder Wahl ein ähnliches Muster: Kritik und Skepsis gegenüber Umfragen treten umso weiter in den Hintergrund, je näher der Wahltag rückt. Schließlich liefern die Zahlen trotz aller Unzulänglichkeiten Orientierung für Wähler und Parteien, Journalisten und Interessenverbände.

Ihr Einfluss geht weit über einzelne Zahlenwerte hinaus. Sie haben direkten und indirekten Einfluss auf Wahl­entscheidungen, vor allem auf psychologischer Ebene. Treffend formulierte es zum Beispiel die Satire-Website "Der Postillon" Anfang 2017, als die Umfragewerte der SPD innerhalb weniger Wochen um rund zehn Prozentpunkte stiegen: "Umfrage: Martin Schulz so beliebt wegen seiner hervorragenden Beliebtheitswerte". Mitläufer- oder Bandwagon-Effekt nennen Forscher das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung: Höhere Werte bei Umfragen ziehen wiederum neue Sympathisanten an. Und umgekehrt: Wer will schon seine Stimme den Verlierern geben? Unter Politikwissenschaftlern gibt es auch die These, dass die FDP 2013 den Einzug in den Bundestag nicht geschafft hat, weil sie in den letzten Umfragen vor der Wahl stabil über der Fünf-Prozent-Hürde lag und sich dann viele potenzielle Wähler doch für die Union entschieden haben. Für Politiker sind Umfragen direktes Feedback. Die ehemalige SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi bezeichnete sie mal als "Mischung aus Abstimmung und Zwischenzeugnis" für Politiker.

Demoskopen und Journalisten müssen Umfragen besser erklären

Die Live-Polls der "New York Times" zeigen eins ganz deutlich: Sehr viele Menschen machen bei Umfragen nicht mit. Auch in Deutschland sind diese Ablehnungsquoten sehr hoch. Genaue Zahlen gibt es von den Instituten nicht, von weit mehr als der Hälfte kann man aber ausgehen. Das ist besonders dann ein Problem, wenn ganze Bevölkerungsgruppen nicht teilnehmen wollen, wie man es Anhängern der AfD nachsagt. Schweigespirale nannte das Elisabeth Noelle-Neumann, die Gründerin des Allensbach-Instituts. Die Institute haben deshalb vor der Bundestagswahl ihre Dunkelziffer erhöht. Andererseits scheuen sich viele Anhänger der Rechtspopulisten in der Regel kaum mehr, ihre Meinung auch kundzutun. Dazu kommt, dass alle Befragten lügen können, ihre Meinung am nächsten Tag ändern oder schlicht nicht wissen, wen sie wählen wollen.

Es werden also sehr oft Menschen gefragt, die keine Lust auf Antworten haben. Dieses Problem will das Unternehmen Civey aus Berlin lösen, dessen Umfragen unter anderem bei "Spiegel Online" und auf den Websites von "Süddeutscher Zeitung", "Tagesspiegel" und "Welt" zu finden sind. Dort machen nur diejenigen mit, die auch Interesse haben. Das Prinzip: Erst einmal darf jede Person teilnehmen und muss Alter, Postleitzahl und Geschlecht angeben. Der Auswahlprozess wird damit umgekehrt: Nicht die Ersteller suchen die Befragten aus, sondern die Befragten werden selbst aktiv. Civey betont, aus all diesen Antworten dann eine Stichprobe zu ziehen. Inwiefern diese repräsentativ ist, bleibt Geschäftsgeheimnis, genau wie bei allen anderen Instituten.

In letzter Konsequenz heißt das: Umfragen sind ohnehin nie präzise. Falsch und irreführend sind also vor allem ihre Kommunikation und Interpretation. Der Vorwurf trifft die Ersteller und die Verbreiter: Demoskopen, die ihre Fehlerspannen höchstens im Kleingedruckten angeben, und Journalisten, die die Unsicherheit der Zahlen vielleicht sogar besseren Wissens ausblenden.

Bei den beiden Landtagswahlen im Herbst in Bayern und Hessen waren die letzten paar Umfragen vor dem Wahltag im Großen und Ganzen in Ordnung – wenn man denn auch die Fehlerspanne einbezieht. Dann lag nur die CSU etwas außerhalb des statistisch zuverlässigen Bereichs. Und das muss kein Fehler der Umfragen sein, vielleicht hat die CSU auch einfach einen erfolgreichen Endspurt im Wahlkampf hingelegt.

Wenn die politischen Überraschungen der vergangenen Jahre eins gebracht haben, dann ist es der reflektiertere Umgang mit Meinungsumfragen. Zurück in die USA. Das Wahlergebnis im zweiten Distrikt in New Mexico passte zur Umfrage, bei der die Kandidaten etwa gleichauf lagen: Die Herausforderin der Demokraten setzte sich ganz knapp mit 50,7 Prozent gegen die Republikanerin durch.

 

Katharina Brunner (c) Pia Weishäupl
Katharina Brunner

ist Redakteurin in der Entwicklungsredaktion der "Süddeutschen Zeitung". Sie recherchiert Daten, wertet sie aus und macht Geschichten daraus – unter anderem über Wähler und Wahlumfragen.