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Von Helden und Verlierern

Wer ohne Listenplatz in einem unsicheren Wahlkreis für den Deutschen Bundestag kandidiert, muss sich in den verbleibenden Wochen bis zum 27. September besonders reinhängen. Eine Geschichte über die „Helden“ des Wahlkampfs.

Von Sebastian Lange

Der Kanzlerkandidat kommt. Die Menschenmenge gerät in Bewegung, die Aufmerksamkeit richtet sich schlagartig auf die schwarze Limousine. Kamerateams und Fotografen gehen in Lauerstellung. Frank-Walter Steinmeier steigt aus dem Wagen, Kameras klicken, Björn Böhning holt ihn vom Auto ab; so ist es vereinbart zwischen den Genossen. Die Politiker schütteln sich die Hand, sie geben sich, als sei das hier bloß ein Treffen unter Freunden an einem sonnigen Samstagvormittag. Steinmeier hat sich bereit erklärt, in Berlin-Prenzlauer-Berg die „Respect Gaymes“ zu eröffnen, ein Fußballturnier für Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben. Im Jahn-Sportpark tritt auch ein türkisches Team aus Kreuzberg an, Böhnings Wahlkreis. Der 31-jährige Bundestagskandidat wird in einer SPD-Mannschaft selbst gegen „Türkiyemspor“ spielen.
Die beiden Genossen setzen sich mit den Veranstaltern vom Lesben- und Schwulenverband auf eine Bierbank, Fotografen und Schaulustige umringen sie. Böhning trinkt Wasser, Steinmeier Kaffee aus einem Plastikbecher. Auf einer Bühne spielt die bei solchen Festen obligatorische Samba-Band. Die Sängerin skandiert „Aktion! Politik!“, und auf der Bierbank verstehen sie kaum ihr eigenes Wort. Steinmeier und Böhning versuchen sich in Smalltalk mit den Tischnachbarn, auch No-Angels-Sängerin Sandy Mölling gesellt sich dazu. Böhning wirkt leicht angespannt, schließlich ist das hier eine schöne – und gezielt arrangierte – Gelegenheit, sich mit dem prominenten Genossen den Fotografen zu präsentieren. Der Vizekanzler wird bald auf die Bühne gebeten, und auch da gibt Steinmeier seinem Parteifreund Schützenhilfe: „Lasst mir den Björn Böhning in Ruhe – keine Verletzungen! Den brauchen wir noch für den Bundestagswahlkampf“. Ach ja, der Wahlkampf: Am nächsten Tag ist Europawahl, doch Steinmeier versichert, er sei nicht etwa „hier, um Wahlkampf zu machen“. Er appelliere jedoch an alle, überhaupt ihre Stimme abzugeben.
Der Sprecher der SPD-Linken und ehemalige Jusochef Björn Böhning ist einer von weit über 1000 Deutschen, die antreten, um bei der Bundestagswahl im September ein Direktmandat zu erobern. Einer der Wahlkämpfer, die eine Menge Freizeit opfern, in Fußgängerzonen Zettel verteilen, Internetseiten basteln und auf Podien diskutieren.

Hohes Pensum

Zwar absolvieren Listenkandidaten in der Regel kein geringeres Pensum, doch gibt es auch solche, die sich auf ihrem Listenplatz ausruhen. Bei den Parteifreunden sind sie nicht gut gelitten, und jemand aus einer der Parteizentralen sagt, die dortige Führung würde intern gar drei Gattungen von Kandidaten unterscheiden: Da seien zum einen die „Arschlöcher“. Gemeint sind jene Kandidaten auf den sicheren Listenplätzen, die schon mit der Listenaufstellung faktisch im Parlament sitzen. Dann gebe es die chancenlosen „Loser“, die lediglich auf einem aussichtslosen Listenplatz kandidieren. Schließlich diejenigen, die unabgesichert um ein ungewisses Direktmandat kämpfen: Das seien die „Helden“.
Würde man dieser drastischen Definition folgen, wäre Björn Böhning ein solcher „Held“. Er fordert im Wahlkreis Berlin Friedrichshain-Kreuzberg die grüne Kultfigur Hans-Christian Ströbele heraus. Ströbele hat den Wahlkreis 2002 und 2005 direkt geholt, als erster Grüner, der jemals per Direktmandat ins Parlament gekommen ist. Der bekennende Pazifist war bei der Wahl 2002 nicht wie 1998 wieder auf einen sicheren Listenplatz gekommen. Als Direktkandidat betrieb er einen intensiven Straßenwahlkampf, der bei den Wählern verfing – seitdem tritt er nur direkt an.
Der Grüne erfreut sich großer Beliebtheit im Wahlkreis, der auch Teile von Prenzlauer Berg umfasst und ziemlich links ist: 2005 kamen Grüne, SPD und Linke hier zusammen auf fast 80 Prozent der Zweitstimmen. Ströbele holte über 43 Prozent und verwies den SPD-Kandidaten, der knapp 21 Prozent erhielt, deutlich auf den zweiten Platz.
Für die CDU tritt in Friedrichshain-Kreuzberg jetzt die ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld als Direktkandidatin an, die über die Berliner Landesliste voraussichtlich nur bei Zugewinnen der CDU in den Deutschen Bundestag kommen dürfte.
Bei der Listenaufstellung geht es innerhalb der Parteien heiß zur Sache: Böhning unterlag in einer Kampfabstimmung um Platz 5 der Berliner SPD-Liste Parteiveteran Klaus-Uwe Benneter. Er hielt eine rhetorisch beachtliche Rede, geholfen hat es nichts. Beobachter werteten die Niederlage als Watsche stellvertretend für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, für den Böhning das Grundsatzreferat leitet.
Bei den „Respect Gaymes“ hat Frank-Walter Steinmeier inzwischen mit einem Pistolenschuss die Spiele eröffnet. Böhning tritt im ersten Spiel mit einem SPD-Team gegen Türkiyemspor an. Steinmeier hatte zuvor gesagt, er werde „so lange bleiben, bis Björn das erste Tor schießt“. Und der hängt sich rein, läuft viel und schießt denn tatsächlich sein Tor, auch wenn das Spiel gegen den Regionalligisten 1:2 verloren geht. Der Außenminister macht jedoch auch nach dem Treffer keine Anstalten zu gehen, er zeigt sich gut gelaunt und nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit. Ein Fernsehinterview hier, ein Foto da. Er bleibt anderthalb Stunden.
Noch während das Turnier läuft, muss Böhning los: In Friedrichshain warten Genossen an einem Infostand. Es ist eben der letzte Tag des Europawahlkampfs. Vor der Verteilaktion ist Gelegenheit, sich in einem Straßencafé zu unterhalten. Warum tut er sich das eigentlich an, den ganzen Tag unterwegs, und noch bis in die Nacht in Kneipen Zettel verteilen – obwohl er doch eigentlich eine dicke Erkältung hat? Zum einen sei es Pflichtbewusstsein, sagt er. Wenn es eine Verteilaktion gebe, wisse er, dass da Leute mitmachen, die das alles auch für ihn tun. Aber es sei mehr als das: „Die Politik ist eine Form von Leidenschaft. Politiker sind doch alle irgendwie Junkies, und ich glaube, da bin ich selbst nicht vor gefeit.“ Zudem sei er längst so in die Politik involviert, dass da Freundschaften entstanden seien. Während des Gesprächs vibriert Böhnings Handy: Eine SMS des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der mitteilt, dass im neuen ,Spiegel’ ein Interview von ihm sei. Thema: „Grillen in der SPD“. Böhning schaut auf und blickt sein Gegenüber fragend an. Politik kann seltsame Blüten treiben.
Er könne sich nicht vorstellen, auch mit 50 Jahren noch Politik zu machen, sagt Böhning: „Ich will nicht so werden wie mein Gegenkandidat“. Doch ist der Sozialdemokrat längst zum Berufspolitiker geworden, was er auch in Ordnung findet, das sei schließlich „ein Ausbildungsberuf“. Er hat Politik sowie Volkswirtschaft studiert und arbeitete zunächst beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Nachdem sie sich auf einer Flugreise länger unterhalten hatten, vereinbarte Klaus Wowereit 2006 einen Termin. „Ich dachte eigentlich, der will nur so mit mir reden“, erinnert sich Böhning. Doch Wowereit fragte, ob er für ihn arbeiten wolle. Er wollte – und wurde mit erst 29 Jahren zum Chefstrategen des Regierenden.