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Politik

Von der Schwierigkeit, kommunikativ Vertrauen aufzubauen

2013 konnte Angela Merkel noch mit dem Satz "Sie kennen mich" überzeugen. In diesem Wahlkampf ist es weder ihr noch ihrem Herausforderer gelungen, das Vertrauen der Mehrheit zu gewinnen. Woran das liegt und wie worin die Lösung bestehen könnte.

von Stefanie Molthagen-Schnöring

Der 24. September 2017 wird in die Geschichtsbücher als ein Einschnitt in Bezug auf das deutsche Parteiensystem nach dem zweiten Weltkrieg eingehen. Nach einem zugegebenermaßen mauen Wahlkampf gab es lange Gesichter auf Seiten der Volksparteien, während kleinere Parteien triumphierten und sogar wieder oder neu in den Bundestag eingezogen sind. Weder der 2013 noch so erfolgreiche Wahlspruch "Sie kennen mich" von Amtsinhaberin Angela Merkel noch die kumpelhaft-freundliche Art ihres Herausforderers Martin Schulz wurden im erhofften Maße von den Wählern goutiert.

Betrachtet man diese Befunde im Lichte der Vertrauensforschung, liefert diese einige Erklärungen, gleichzeitig zeigen sich aber auch Lücken in bestehenden Erklärungsmustern. Aussagen wie "Sie kennen mich" erfüllen gleich mehrere der Indikatoren, die für die Vertrauens- beziehungsweise Glaubwürdigkeit des Absenders sprechen: Der Redner spielt dadurch auf seine Verlässlichkeit und Integrität an und stellt Nähe zu den Zuhörern her.

Suggeriert wird außerdem eine gewisse Kompetenz, die Angela Merkel im Wahlkampf 2017 durch ihre häufigen Verweise auf die weltpolitische Bühne, auf der sie sich souverän bewege, unterstrichen hat. Martin Schulz hat demgegenüber seine Kompetenz als versierter Europapolitiker im Wahlkampf weniger thematisiert, dafür aber offensiver als die Kanzlerin die Nähe zu den Menschen gesucht und mit ihnen über Alltagsprobleme gesprochen. Schaut man also auf die kommunikative Beziehung zwischen Kandidat und Bürger, dürfte ein Vertrauensaufbau nach den Erkenntnissen, die wir aus der Vertrauensforschung haben, gelingen.  

Aber so einfach ist die Welt beziehungsweise das kommunikative Gefüge nicht. Zunächst einmal ist da das Medium, über das die Kommunikation erfolgt. Der Effekt insbesondere der sozialen Medien auf die Vertrauensbildung ist noch nicht hinreichend erforscht, Chancen und Risiken gilt es genauer zu analysieren. Zunächst einmal ist die persönlichere Art der Kommunikation, die über diese Medien möglich ist, für Vertrauensbildungsprozesse eine große Chance.

Allerdings sind sich die User des inszenierten Charakters der Kommunikation durchaus bewusst und zunehmend skeptisch gegenüber den Aussteuerungsmöglichkeiten von Facebook & Co., durch die ein gewisses Bild beziehungsweise eine gewisse Stimmung in der persönlichen Timeline perpetuiert wird. Diskurs ist anders.  

Die Homogenisierung sozialer Kreise ist Risiko und Chance zugleich

Auf der anderen Seite arbeiten die traditionellen Medien eher am Vertrauensabbau, und zwar letztlich am eigenen. Wenn im sogenannten Kanzlerduell zur Flüchtlingspolitik tendenziös in eine Richtung gefragt wird, wohingegen andere, die Bürger beschäftigende Themen gar nicht vorkamen, konstruieren Medien Wirklichkeit gar zu offensichtlich. Dass ihre Themensetzung nach wie vor den öffentlichen Diskurs bestimmt, mag ihre Vertreter freuen, entspricht aber nicht jener Integrität, die wiederum ein Indikator für Vertrauen ist.

Eine zweite kommunikative Dimension, die für den Vertrauensaufbau eine bisher noch nicht ausreichend beachtete Rolle spielt, ist die Kommunikation zwischen den Menschen, die sich über das "Objekt" ihres Vertrauens austauschen. Auch hier gilt, dass die zunehmende Homogenisierung sozialer Kreise Chance wie Risiko für den Vertrauensaufbau ist. Denn wem glauben/vertrauen wir mehr als unserem unmittelbaren sozialen Umfeld? Gleichzeitig verstärken sich so bestimmte Weltsichten und die Objektivität (ein Indikator für Glaubwürdigkeit) leidet.  

Vertrauen baut sich somit auf in der "Kommunikation mit ..." sowie der "Kommunikation über..." (und darüber hinaus natürlich im Abgleich der Kommunikation mit der erlebten Realität). Nur die wenigsten "kennen" die Kanzlerin, höchstens das Bild, das durch verschiedene kommunikative Anlässe in den Köpfen entstanden ist. Um dieses glaubwürdig zu unterstützen, sind jene gefordert, die trotz Personalisierung beziehungsweise Zuspitzung auf Personen eine Partei mit prägen: ihre Funktionäre sowie ihre Mitglieder. Wenn es ihnen gelingt, die Botschaften konsistent und mit Begeisterung an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen, haben die alten Volksparteien vielleicht ganz neue Chancen.

Stefanie Molthagen-Schnöring

ist Professorin für Wirtschaftskommunikation und Prodekanin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. (Foto: HTW Berlin)