Beim Political Campaign Festival im Quadriga Forum in Berlin sprach Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Keynote über die Notwendigkeit einer einfachen, emotionalen Sprache. (c) Jana Legler/Quadriga Media
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Beim Political Campaign Festival im Quadriga Forum in Berlin sprach Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Keynote über die Notwendigkeit einer einfachen, emotionalen Sprache. (c) Jana Legler/Quadriga Media
Interview mit Annegret Kramp-Karrenbauer

"Vieles hängt davon ab, Geschichten von Beginn an richtig zu rahmen"

Annegret Kramp-Karrenbauer über die Bedeutung von Framing und ihre Pläne für einen CDU-Newsroom, der einen "eigenen Sound" schaffen soll.

Interview Kathi Preppner

Beim Political Campaign Festival haben Sie betont, wie wichtig es in der politischen Kommunikation ist, eine Geschichte von Anfang an mitzuerzählen. Wollen Sie das mit Ihrer Zuhör- und Antwort-Tour erreichen?

Ja und nein. Bei meiner Zuhör-Tour im letzten Jahr und der Antwort-Tour im nächsten Jahr geht es natürlich auch um politische Kommunikation und das Erzählen von Geschichten. Allerdings in einer anderen Reihenfolge als das sonst oft genug üblich ist in der Politik. Wir haben uns als CDU ja auf den Weg zu einem neuen Grundsatzprogramm gemacht – wir wollen uns auf unsere Grundwerte besinnen und die richtigen Antworten geben auf Fragen der Zeit in einer Welt, die sich immer schneller verändert. Das Entscheidende dabei ist: Wir geben als Parteiführung diese Antworten nicht vor, sondern wir entwickeln sie in einem langen Prozess gemeinsam mit unseren Mitgliedern. Wenn also am Ende eine Geschichte steht, dann ist das eine gemeinsame und keine, die von oben kommt.

Im Herbst 2015 hat die Regierung es Ihrer Meinung nach verpasst, die Migrationspolitik von Anfang an kommunikativ ausreichend zu begleiten. Was hätte man besser machen ­können?

Eines vorab: Der Herbst 2015 war in jeder Hinsicht eine ganz besondere Situation – politisch, humanitär und natürlich auch kommunikativ. Trotzdem ist es wichtig, die richtigen Lehren zu ziehen. Meine Einschätzung ist, es geht vor allem um einen intensiveren Austausch zwischen allen Beteiligten. Es ist wichtig, frühzeitig möglichst viele Akteure einzubinden, Stimmen und Stimmungen aufzunehmen und einmal getroffene Entscheidungen dann auch offensiv zu erklären und einzuordnen. 

Inwiefern hat Ihr Werkstattgespräch im ­Februar dabei geholfen?

Dieses Format ist ein gutes Beispiel dafür, was ich meine, wenn ich von stärkerer kommunikativer Begleitung und intensiverem Austausch spreche – nicht nur in der Migrationspolitik, sondern auch in anderen Politikfeldern. In den zwei Tagen Werkstattgespräch zum Thema Migration, Sicherheit und Integration sind über 100 Praktiker und Experten aus dem ganzen Land bei uns in der Parteizentrale zusammengekommen. Sie haben Ideen, Vorschläge und Maßnahmen für eine bessere Ordnung, Steuerung und Begrenzung der Migration, für mehr Sicherheit und für eine erfolgreiche Integration ausgetauscht. Und auch die Freunde unserer Schwesterpartei CSU waren mit dabei. Ich glaube, der Austausch insbesondere mit Praktikern mit Mut zur Debatte und Mut zur Kontroverse hat uns allen gutgetan. Das sollten wir auch in Zukunft bei anderen Themen so halten.

Ist es denn möglich, den Dreh einer Geschichte wie der vom Herbst 2015 nachträglich zu ändern?

Das ist meistens schwer möglich. Vieles hängt meiner Meinung nach davon ab, Geschichten gleich von Beginn an richtig zu rahmen und nicht erst darauf zu warten, dass es andere tun. Nehmen wir das Beispiel "Grenz­öffnung". Dieser Mythos, der aus einer ganz bestimmten Ecke lanciert wird, hält sich ja bis heute. Im Übrigen auch bei seriösen Politikern und Politikjournalisten, die es besser wissen sollten. Unsere Grenzen im Schengenraum kann man doch gar nicht öffnen – sie sind offen. Es kommt also darauf an, sich der Bedeutung von Sprache und Begriffen bewusst zu sein und die richtigen Geschichten zu erzählen. Nicht im Sinne von Märchen, sondern wahrhaftige, verständliche Erzählungen.

Sprache ist für Sie Dreh- und Angelpunkt der politischen Kommunikation. Inwiefern muss sich die Sprache Ihrer Partei Ihrer Meinung nach verändern?

Es stimmt, Politik erklärt sich heute nicht von selbst, sie muss erzählt und eingeordnet werden. Dazu ist Sprache dann natürlich das entscheidende Mittel. Politische Sprache muss einfacher, klarer und ehrlicher werden. Wir müssen Debatten mit offenem Visier führen, durchaus hart in der Sache, aber immer fair im Ton. Ich glaube, wir denken in unserer Sprache noch zu häufig in der Kategorie "Feuilleton FAZ" – ohne das despektierlich zu meinen – und zu selten in der Kategorie "Alltagsgespräch". Wir brauchen kurze Sätze, präzise und griffig. Wir brauchen Emotionen. Und wir dürfen auch mal frech, überraschend oder einfach kommunizieren. Hinzu kommt, dass wir einerseits Probleme klar benennen sollten und nicht um den heißen Brei herumreden und andererseits durchaus auch positiv, optimistisch und selbstbewusst sprechen können. Wir haben doch auch viele Dinge, die gut laufen, also lasst uns auch darüber reden!

Wäre für Sie ein Newsroom der CDU denkbar? Gibt es Pläne dafür?

Das ist nicht nur denkbar, das ist unbedingt erforderlich. Ich bin mit meinem Team im Konrad-Adenauer-Haus schon vor einer Weile intensiv in die Planungen für ein Newsroom-Konzept eingestiegen. Aber um das gleich klarzustellen: Es geht dabei im Kern nicht um ein Großraumbüro mit hippen jungen Menschen vor 100 Bildschirmen und auch nicht allein um eine moderne Social-Media-Performance. Unter einem Newsroom-Konzept verstehe ich eine Arbeitsmethode, die eine ganze Organisation erfasst. Es geht darum, ein fragmentiertes Publikum zielgerichtet und verständlich gleichzeitig auf unterschiedlichen Kanälen zu erreichen. Das hat mit horizontalem Vertrauen und Botschaftenmanagement über Influencer und Multiplikatoren zu tun. Und es geht um eine aktive, direkte und CDU-spezifische Kommunikation, die sich an die Empfänger anpasst. Wir müssen viel stärker als bisher selbst News produzieren, von denen klar ist: So und nur so spricht die CDU. Ein eigener Sound über eigene Kanäle. Das alles braucht Zeit, aber es lohnt sich. Und der Weg dahin ist spannend und lehrreich für alle Beteiligten.

Sie haben angesprochen, dass in den sozialen Medien die sozialen Werte bisweilen vergessen werden. Wie wirken Sie dem entgegen?

Es geht dabei vor allem um Desinformationen oder auch Fake News und Negative Campaigning. Die Vorstellung vom Internet und von sozialen Medien als universelle Demokratisierungstools hat sich leider nicht bewahrheitet. Ich habe diese euphorische Einschätzung ohnehin nie geteilt. Andererseits gehöre ich aber auch nicht zu den Schwarzmalern, die unsere Demokratie in ernsthafter Gefahr sehen. Ich denke, am Ende ist es wie mit jeder Technologie: Es kommt auf die Nutzer an. Also liegt es im Politischen eben auch an uns, den Ton richtig zu treffen, dem anderen trotz aller inhaltlicher Differenz Respekt und Wertschätzung entgegenzubringen. Davon unberührt ist ebenso klar: Jeglichen kriminellen Machenschaften muss der Rechtsstaat mit Härte entgegentreten, zum Beispiel, wenn es um Versuche geht, den Ausgang von Wahlen zu beeinflussen.

Robert Habeck hat seinen Twitter-Account ­gelöscht, Angela Merkel ihre Facebook-Seite. Bleiben Sie weiterhin auf beiden Kanälen ­aktiv?

Ich bleibe. Nach allem, was wir hier vorher besprochen haben, wäre ein Rückzug inkonsequent.

 

Kathi Preppner (c) Jana Legler
Kathi Preppner

ist Leitende Redakteurin von ­politik&kommunikation. (Foto: Jana Legler)