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Vergesst Wikipedia nicht!

Martin Fuchs, bekannt als Hamburger Wahlbeobachter, schreibt für p&k regelmäßig über Social Media in der Politik. Im ersten Teil seiner Kolumne geht es um Wikipedia als unterschätztes Wahlkampfinstrument.

von Martin Fuchs

Die aktuellen Zahlen des Hightech-Verbandes Bitkom zur Relevanz des Internets für den kommenden Bundestagswahlkampf beeindrucken: Laut Forsa-Umfrage informieren sich schon heute 60 Prozent der Bürger über politische Inhalte im Internet. In der Gruppe der Erst- und Jungwähler schlägt das Internet – mit Ausnahme des Fernsehens – sogar alle anderen Medien als meistgenutzte Informationsquelle. Sie nutzen dabei neben Online-Nachrichtenportalen vor allem Social Media. Dies gilt sowohl für Wähler als auch für Nichtwähler. Letztere informieren sich sogar noch intensiver in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken.

Soziale Netzwerke werden in der Öffentlichkeit häufig mit Facebook und Twitter gleichgesetzt. Das greift allerdings zu kurz, denn auch Youtube, Google Plus und Politiker-Blogs sind wichtige Kanäle für politische Informationen – und nicht zuletzt: Wikipedia. Doch Politiker vernachlässigen die Online-Enzyklopädie bisher sträflich. Wikipedia gehört wohl zu den meist unterschätzten Online-Plattformen im Wahlkampf.

Beachtliche Abrufzahlen

Weil sich kaum jemand auf den Web­seiten von Politikern oder Parteien informiert, steigt die Relevanz von Wikipedia zwangsläufig. Viele ehrenamtliche und unabhängige Wikipedianer arbeiten gemeinsam an den Artikeln, jeder kann den Entstehungsprozess nachvollziehen – dadurch genießt die Plattform eine hohe Reputation und den Ruf, ausgewogene Informationen anzubieten. Mit monatlich über 230 Millionen Aufrufen gehört die deutsche Wikipedia zu den zehn meistbesuchten Webseiten in Deutschland.

Im April dieses Jahres riefen Nutzer die deutsche Seite über Angela Merkel knapp 40.000 Mal auf, die von Herausforderer Peer Steinbrück mehr als 23.000 Mal und die der grünen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt mehr als 10.000 Mal. Aber auch Politiker aus der sogenannten zweiten Reihe erhalten beachtliche Abrufzahlen: Das Profil von Dorothee Bär (CSU) beispielsweise verzeichnete mehr als 18.000 Abrufe, jenes von Sebastian Edathy (SPD) 4800 und das von Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele immerhin noch 3300. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass diese Zahlen kurz vor der Wahl noch ansteigen werden. Vorteilhaft ist auch, dass diese Informationen leicht auffindbar sind: Bei fast jedem Politiker gehört die Wikipedia-Seite zu den ersten Treffern in den Suchmaschinen. Teilweise sogar noch vor Webseiten und anderen Social-Media-Profilen der Politiker.

Da das Projekt von der Freiwilligkeit und dem Engagement des Schwarms lebt, sind viele Politikerprofile auf Wikipedia unvollständig, nicht aktuell und teilweise auch falsch. Es gibt keine Chefredaktion, an die man sich wenden könnte, und keine festen Zuständigkeiten. Jeder Politiker sollte daher selbst prüfen, ob alle wichtigen Informationen, Positionen und politischen Erfolge im Beitrag abgebildet sind. Ist dies nicht der Fall, sollte er diese Informationen ergänzen und aktualisieren. Wichtig dabei: Jede Editierung muss mit Quellen belegt werden. Dabei sollten Politiker nicht versuchen, kritische Informationen zu unterschlagen. Gerade kritische Töne machen den Artikel glaubwürdiger.

Für die Bearbeitung sollten sich Politiker am besten ein verifiziertes Benutzerkonto anlegen. Das fördert die Transparenz innerhalb der Community und erhöht das Vertrauen gegenüber den Wikipedianern, wissen diese dann doch, wer den Artikel geändert hat.
Also, Wahlkämpfer: Vergesst Wikipedia nicht! Gerade für unbekannte Kandidaten und politische Neueinsteiger ist die Plattform wichtiger als manch anderes Wahlkampfinstrument.

Martin Fuchs
Martin Fuchs

berät öffentliche Institutionen und die Politik bei der Nutzung sozialer Medien. Unter www.hamburger-wahlbeobachter.de bloggt er über Social Media in der Politik.