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Volker Wörrlein, Foto: Stephan Baumann

Und täglich grüßt die Kanzlerin

Als junger Musiker verkaufte er sein Fagott für einen gelben Porsche: Volker Wörrlein dirigiert als erster Staatsmusikant bei Empfängen die Nationalhymnen. Im Oktober geht er in Rente.

Von Christina Bauermeister

Die Leidenschaft, mit der Volker Wörrlein seinen Beruf ausübt, wird schon bei der Wahl seines Arbeitsgeräts offenkundig. Der Taktstock des Kapellmeisters der Bundesregierung ist nicht etwa aus Holz, sondern aus Kunststoff. „Die Holzstöcke zerbrechen mir bei meinem schwungvollen Auftakt“, sagt er.
Der 61-jährige Franke führt seit dem Regierungsumzug nach Berlin ein Leben zwischen Bundeskanzleramt, Schloss Bellevue und Bendlerblock. 80 bis 100 Protokolltermine hat das Stabsmusikkorps im Jahr. Der Ablauf ist immer der gleiche. Gemeinsam mit dem Wachbataillon marschieren die rund 100 Militärmusiker mit der Harfe im Wappen auf die Staatsgäste zu. Am Kanzleramt stehen die Musiker meist zwischen dem Zeltdach und der rostigen Stahlstatue. Wörrlein blickt auf den Reichstag, wenn er die deutsche Nationalhymne und die des Gastlands dirigiert. Oftmals drängen sich vor dem Kanzleramt hunderte Schaulustige. Ein kurzer Gruß von Angela Merkel, dann ist das Prozedere nach 20 Minuten wieder vorbei. Danach geht es im Bus zurück in die Julius-Leber-Kaserne.
Dort beherrscht das Donnern der Jets vom Flughafen Tegel die Geräuschkulisse. Auf dem weitläufigen Gelände reihen sich graue Kasernenhäuser aneinander, die um eine Mittelachse angeordnet sind. Wörrleins Büro wirkt dagegen recht heimelig, mit Teppich, schwarzer Ledercouch und Radio. An der Tür begrüßt Jagdteckel „Bautz“ die Gäste. Der gut zwölf Wochen alte Rüde ist Wörrleins Begleiter in den Ruhestand. Denn am 30. Oktober hängt der für seinen Humor erste Staatsmusikant seine graue Uniform an den Nagel, 43 Jahre nach dem er als Abiturient beschloss, bei der Bundeswehr anzuheuern. 1969 war das, das Militär stand damals bei der rebellierenden Jugend nicht gerade hoch im Kurs. Seinen Grundwehrdienst trat der Mittelfranke aus einem Dorf in der Nähe von Ansbach trotzdem an. Dabei hatte sein Vater für ihn schon einen anderen Job vorgesehen. Eine Nürnberger Firma hatte mit der Entwicklung von Computern begonnen. Doch Wörrlein blieb beim Militär und begann seine musikalische Ausbildung als Fagottist an der Ostsee. Als ihm am Ende das Instrument jedoch kräftig zum Halse raus hing, tauschte er es gegen einen gebrauchten gelben Porsche ein. Alsbald musste der Zweieinhalbsitzer aber einem familientauglichen Modell weichen, Wörrlein hat zwei Töchter. Bis heute, beteuert er, habe er kein Fagott mehr in der Hand gehabt. Sein Lieblingsinstrument sei der Taktstock.

Verbuddelte Instrumente

Zu den Aufgaben des Kapellmeisters gehört es, so manchem Stück wieder Leben einzuhauchen, auch Nationalhymnen. So soll Kolumbiens ehemaliger Staatspräsident Alvaro Uribe bei einem Besuch in Berlin der Bundeskanzlerin zugeflüstert haben, so schön wie das Stabsmusikkorps habe noch niemand die kolumbianische Nationalhymne gespielt.
Wie spontan sein Job mitunter ist, zeigt der Fall der Hymne von Afghanistan im Jahr 2002, als sich der damals frisch gewählte Präsident Hamid Karzai zum Staatsbesuch ankündigte. Gerade erst komponiert, wurde das Tonband mit dem Stück in Kabul einem Piloten übergeben und nach Berlin transportiert. Wörrlein brachte die Noten dann nach dem Gehör zu Papier. Mit dem Land am Hindukusch verbindet ihn eine ganz besondere Beziehung: Vor drei Jahren verbrachte der 61-Jährige einige Monate in Kabul, um die Militärmusik in dem vom Krieg verwüsteten Land wieder aufzubauen. Unter den Taliban war der Truppe das Musizieren verboten worden. Darum hatten einige pfiffige Afghanen ihre Instrumente eingebuddelt. „So sahen die dann auch aus“, erinnert sich Wörrlein. Der Alltag dort, der tägliche Musikunterricht mit einfachen Notenübungen, unterscheidet sich deutlich von dem, den Wörrlein in der Heimat vorfindet.
Ein professionell ausgebildetes Orchester, für das jedes Mitglied ein vierjähriges Studium an seinem Instrument absolviert haben muss. Die musikalisch oft einfach gestrickten Nationalhymnen sind deshalb auch keine große Herausforderung für die Musikfeldwebel, die sich mindestens für zwölf Jahre verpflichtet haben. Im Krisenfall werden die Militärmusiker als Sanitäter eingesetzt, übrigens ebenso die Sportsoldaten wie der Berliner Olympiasieger im Diskus Robert Harting.
Um sich fit zu halten, geben die Musiker bis zu 15 Benefizkonzerte, oft am Wochenende, wenn keine Protokolltermine zu erwarten sind. Ansonsten lebt das „Haus-und-Hof-Orchester“, wie Wörrlein seine Truppe gern nennt, ganz für die 20 Minuten Staatsempfang. Alles andere ist zweitrangig. In seinem Büro thront oben auf dem Schrank ein Porträtbild von Joachim Gauck. „Angefangen habe ich mit Walter Scheel“. Wörrlein, dessen gräulich schimmerndes Haar antennengerade nach oben steht, war zwischen 1977 und 1979 nämlich schon einmal das, was er jetzt ist. In dieser Zeit war das Stabsmusikkorps in Siegburg beheimatet, unweit von Bonn.
Der letzte Bundespräsident, den der humorvolle Franke mit einem Großen Zapfenstreich den letzten Marsch blies, war  Christian Wulff. Erst einen Tag vorher erfuhr das Musikkorps von der Liederauswahl des scheidenden Präsidenten. Kein Problem für uns, versichert Wörrlein. Und so mussten die Musiker Anfang März nur gegen die heftig trötenden Vuvuzelas der Demonstranten ankämpfen.

Abschied ohne Zapfenstreich

Unvergessen auch der Große Zapfenstreich zu Ehren von Gerhard Schröder, bei dem das Orchester Frank Sinatras „My Way“ spielte. „Ich hab’ gelacht, er geweint“, schildert Wörrlein die Situation, als der Altkanzler gerührt ein paar Tränen vergoss, während der Dirigent selbst unter dem Kunststoffhelm sein typisch schelmisches Grinsen aufsetzte.
Nun, am 30. Oktober, wenn er selbst aus dem Amt scheidet, wird es keinen Zapfenstreich geben. Stattdessen ist ein Abschiedskonzert mit 150 geladenen Gästen auf dem Kasernengelände geplant. Und natürlich darf auch er sich etwas wünschen. Erklingen werden „Army of the Nile“, ein schwungvoller Marsch des britischen Komponisten Kenneth J. Alford, und „Der Jäger aus Kurpfalz“, originalgetreu mit Blashörnern vorgetragen. Wörrlein war auch 16 Jahre lang Jagdbeauftragter der Berliner Bundeswehr. Sein Büro ist mit Trophäen dekoriert, die größte, ein „ungerader Zehner“, stammt von einem Hirsch, den er im brandenburgischen Lehnitz zum 30-jährigen Dienstjubiläum zur Strecke gebracht hat. Diesem Hobby will er in seinem Jagdrevier, dem Tegeler Forst, im Ruhestand nun wieder stärker nachkommen.
Und wann trifft er Merkel noch einmal? Am 15. Oktober wird der Präsident Panamas in Berlin zu Gast sein, so steht es jedenfalls in Wörrleins Terminkalender. „Da freu ich mich drauf “, sagt der Mann, der nach eigener Erinnerung alle Nationalhymnen schon einmal gespielt hat. Es ist womöglich das letzte Mal, dass der Franke vor dem Kanzleramt aufmarschiert, die zwei Hymnen dirigiert, noch ein kurzer Gruß der Kanzlerin, bevor er die große Staatsbühne für immer verlässt.
Es ist jedoch ein Abschied auf Sichtweite – Wörrlein wohnt gleich neben der Kaserne.