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Illustration: Marcel Franke

Umfrage - Wer sind die wichtigsten Meinungsmacher im Wahljahr?

Gut 100 Tage vor der Bundestagswahl wollten wir wissen, welche Journalisten im Superwahljahr 2013 die öffentliche Meinung am stärksten prägen. Und haben uns bei denen umgehört, die das unserer Meinung nach wohl am besten beurteilen können: die Sprecher der Parteien, der im Bundestag vertretenen Fraktionen, der Bundesministerien sowie renommierte Medien- und Politikwissenschaftler.
In den drei Kategorien TV, Print und Online/Blogs/Social Media haben uns die Teilnehmer unserer Umfrage ihre jeweiligen Top 5 genannt. Wir haben daraus ein Ranking erstellt und präsentieren auf den folgenden Seiten die 15 wichtigsten Meinungsmacher der Berliner Republik in Kurzporträts.   

 

von Björn Müller, Felix Fischaleck und Christina Bauermeister

Online:

Rüdiger Ditz (Spiegel Online)

Der Mann, der „Spiegel Online“ seit 2008 als Chefredakteur vorsteht, ist ein Mann auf Abruf. Denn künftig soll der designierte „Spiegel“-Chefredakteur Wolfgang Büchner, der mit Ditz gemeinsam von 2008 bis 2009 „Spiegel Online“ leitete, die Verantwortung für Print und Online in Personalunion übernehmen. Bei Redaktionsschluss war unklar, wohin die Reise geht. An Angeboten wird es dem 49-Jährigen vermutlich nicht mangeln. Ditz gehört ähnlich wie Jochen Wegner zu den Vertretern seiner Zunft, die sich schon früh auf den Online-Bereich konzentriert haben. Zu „Spiegel Online“ kam er 1998; dort arbeitete er zunächst als Wirtschaftsredakteur, nach einer Tätigkeit als Geschäftsführender Redakteur wurde er 2003 schließlich Stellvertretender Chefredakteur. Der studierte Historiker, der seine journalistische Laufbahn als Sportreporter beim „Süddeutschen Rundfunk“ begann, ist also ein Routinier im Online-Bereich. Für diesen sieht er noch viel Entwicklungspotenzial: „Wenn wir uns mit der Entwicklung der Printmedien vergleichen, dann sind wir erst kurz nach der Erfindung des Buchdrucks“, so Ditz in einem Interview mit der Online-Ausgabe des österreichischen „Standard“.

 

Manfred Hart (Bild.de)

Den 59-Jährigen kann man ohne Übertreibung als altes Springer-Schlachtross bezeichnen. Manfred Hart lernte an der Deutschen Journalistenschule und begann seine Laufbahn als Redakteur bei der Münchner „Abendzeitung“. Im Jahr 1990 wechselte er zu Axel Springer. Hier war er unter anderem zweimal stellvertretender Chefredakteur der „Bild-Zeitung“ und machte denselben Job auch bei der „Welt am Sonntag“. Im Jahr 2005 folgte ein kurzes Intermezzo bei der „Bunten“, als Vize von Chefredakteurin Patricia Riekel. Schon zwei Jahre später kehrte er zu Springer zurück und ist seitdem Chef von „bild.de“, Deutschlands Online-Nachrichtenportal mit der größten Reichweite. 

 

Stefan Niggemeier (Bildblog)

Er ist der Antipode von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. Seit nunmehr neun Jahren betreibt der Medienjournalist Stefan Niggemeier das Webblog „Bildblog“, das die tägliche Berichterstattung der „Bild“-Zeitung kritisch spiegelt und monatlich über eine Million Besucher hat. Diese Funktion brachte dem 43-Jährigen in der Presse den ehrenvollen Titel „Wächter der deutschen Medienlandschaft“ ein. Niggemeier ist ein Grenzgänger zwischen Print- und Onlinejournalismus. Der Mann mit dem Stoppelhaarschnitt hat eine klassische Journalistenlaufbahn hinter sich: Lokalreporter bei der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, Deutsche Journalistenschule in München, danach der Wechsel in den Onlinejournalismus zum Mediendienst „Kress Report“. Von 2001 bis Anfang 2006 war er verantwortlicher Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, von 2011 bis Ende Mai 2013 Autor des „Spiegel“. Über das Bloggen schrieb er einmal: „Für mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.“

 

Markus Beckedahl (Netzpolitik.org)

Immer wenn die Medien einen Experten für Netzpolitik suchen, ist Markus Beckedahl ein gefragter Mann. Er ist so etwas wie der zivilgesellschaftliche Erklärbär dieses noch relativ jungen Politikfeldes. Beckedahl, 1976 geboren, ist indes nur schwer auf eine Rolle zu reduzieren. Bekannt wurde er durch seinen 2002 gegründeten Blog „netzpolitik.org“ – die Diskussionsplattform für alles rund ums Thema Internet und Politik. Doch der unprätentiös wirkende Brillenträger ist noch vieles mehr. Zum Beispiel Gründungsgesellschafter der Berliner Agentur „Newthinking“, die Kunden berät, die wissen wollen, welche Strategie für sie im Netz am erfolgversprechendsten ist, und Mitveranstalter der Blogger-Konferenz „re:publica“, auf der sich einmal im Jahr die Stars der digitalen Szene in Berlin treffen. Kein Wunder also,  dass Beckedahls Expertise in der Politik gefragt ist: Er gehörte als Sachverständiger der Grünen der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ an, die vor Kurzem ihre Arbeit abschloss.

 

Jochen Wegner (Zeit online)

Jochen Wegner ist ein vielseitiger Kopf. Journalist, Physiker, Technikfreak. Der Mann, der seit Mitte März Chefredakteur von „Zeit online“ ist, hat sein Diplom in Physik gemacht, seine Abschlussarbeit über die „nichtlineare Dynamik des menschlichen Gehirns“ geschrieben. In einem Porträt über ihn, das im Buch „Die  Alpha-Journalisten 2.0“ erschien, heißt es, dass er schon in den 80ern zu der Generation Jugendlicher gehörte, die Computer nicht als reine Spielkonsolen nutzte, sondern selbst tüftelte und Programme schrieb. Und schreiben kann er auch, vor seinem Physikstudium in Bonn besuchte er die Kölner Journalistenschule. Seine journalistische Karriere begann der gebürtige Karlsruher 1998 beim „Focus“, 2006 wurde Wegner schließlich Chefredakteur von „Focus Online“. Ende 2010 dann der vorübergehende Ausstieg aus dem Journalismus: Wegner machte sich selbstständig; arbeitete an Tablet-Projekten und als Strategieberater für Verlage. Nun also die Rückkehr. Gut möglich, dass er sich für „Zeit online“ als ähnlicher Glücksfall erweist wie sein Vorgänger Wolfgang Blau, der im April 2013 zum britischen „Guardian“ wechselte.