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Foto: Ole Spata/dpa
Politik

­Typologie der Minis­teriu­­ms­sprecher

Wer bei Sachfragen schwimmt oder ausweicht, hat es vor der selbstbewussten Hauptstadtpresse schwer. Umso wichtiger ist es, dass sich Ressortschefs auf die Stimme ihres Hauses verlassen können. Die Sprecher der Bundesministerien leben ihre Rolle dennoch ganz unterschiedlich. Welche Typen gibt es? Und was zeichnet sie aus? Eine kleine Sprecherkunde.

von Harald Baumer

Es macht nicht unbedingt Spaß, hinter dieser holzgetäfelten Bank zu sitzen. Wer dreimal die Woche im großen Saal der Bundespressekonferenz als Ministeriumssprecher(in) ein Ressort vertritt, der kann nie wissen, was die Journalisten alles fragen werden. Bitten sie um Details zur Sonderwirtschaftszone auf der Insel Madeira? Geht es um die Zahl der biometrisch erfassten Flüchtlinge, den Verlust deutscher Arbeitsplätze durch die Russlandsanktionen oder die Gründe für die Verschiebung der Regierungskonsultationen mit Israel? Das alles waren Beispiele der zurückliegenden Wochen.

Ahnungslosigkeit, ausweichende oder vertröstende Auskünfte kommen bei den selbstbewussten Parlamentskorrespondenten nicht gut an. Da wurde in der Vergangenheit auch schon mal geätzt, wer sich auf seinem Fachgebiet nicht auskenne, der solle am besten gar nicht erst kommen. Die Vertreter der klassischen Ressorts wie Äußeres, Inneres, Finanzen, Wirtschaft, Verteidigung und Verkehr sind am begehrtesten, aber auch die anderen müssen jederzeit hellwach sein und mit Fragen rechnen.

Wer ist also am besten als Ministeriumssprecher geeignet? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, es gibt nämlich drei Pressesprecher-Modelle: den gelernten Journalisten, den ministeriellen Insider und den Gefährten/Vertrauten des Ministers. Zwar gibt es immer wieder Überschneidungen, ein Journalist etwa kann zum ministeriellen Insider werden oder ein Beamter zum Gefährten des Politikers. Aber es handelt sich trotzdem um grundverschiedene Ansätze, zwischen denen sich ein Minister bei der Stellenbesetzung entscheiden muss.

Die Ministerien sind bestens ausgestattet, um ihrer Auskunftspflicht gegenüber den Journalisten gerecht werden zu können. In den 14 Ressorts des Kabinetts Merkel sitzen insgesamt knapp 100 Pressesprecher. Im Durchschnitt verfügt jedes Haus über sechs von ihnen. Die Chefposten sind dabei gleich unter den Geschlechtern verteilt: Sieben Pressestellen werden von Frauen geleitet, sieben von Männern.

Fotos: (1) BMVg, (2) Sandra Steins, (3) Privat

Wie lange heutzutage Ehen halten, das wissen wir ziemlich genau. Laut Statistischem Bundesamt dauert es durchschnittlich 14,7 Jahre bis zur Scheidung. Darüber können manche Spitzenpolitiker und deren Pressesprecher nur müde lächeln. Ihre Beziehung währt im besten Falle deutlich länger als eine normale Ehe, nämlich ein ganzes Berufsleben.

Das Phänomen ist am besten als "Geleitzug" zu beschreiben. Schon die Ostindienfahrer im 16. Jahrhundert wussten, dass sie mit ihren Schiffen am sichersten im Konvoi von Europa nach Asien gelangen. Indem sie eine lange Wegstrecke gemeinsam zurücklegen, aufei­nander achten, sich gegenseitig unterstützen. So halten es auch erfolgreiche Politiker und ihre Pressesprecher immer wieder.

Das auffallendste aktuelle Gefährten-Beispiel stellen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und ihr Sprecher Jens Flosdorff dar. Als die Christdemokratin noch in Hannover dem Kabinett von Ministerpräsident Christian Wulff angehörte, war er bereits in ihrem Team. Er wechselte 2005 mit ihr nach Berlin ins Familienministerium, dann ins Arbeits- und schließlich ins Verteidigungsressort. Und man braucht nicht viel Fantasie, um zu erahnen, wer unter einer Kanzlerin von der Leyen wohl der Regierungssprecher würde. Die Wochenzeitung "Zeit" schrieb 2015, der Sprecher sei ihr "Spindoktor, Coach, Vertrauter und Ein-Mann-Abräumkommando, wenn etwas schiefläuft". Geradezu rührend wirkt die Beschreibung des Duos von der Leyen/Flosdorff im selben Artikel: "Die beiden sind so eingespielt, dass sie zuweilen nebeneinander Platz nehmen, an ihren Laptops arbeiten – und das Arrangement so wirkt, als spielten die beiden vierhändig Klavier."

Manchmal beendet das Schicksal, sprich: der Wähler, eine Beziehung. Das war bei ­Michael Schroerenso, der von 1998 bis 2005 und von 2009 bis 2013 der Sprecher von Jürgen Trittin war, erst im Umweltministerium, dann in der Grünen-Fraktion. Zwischendrin und danach verfügte Trittin nicht über ein Amt, in dem er einen Chefsprecher hätte beschäftigen können. Fachmann Schroeren diente in dieser Zeit zwei SPD-Umweltministern: Sigmar Gabriel von 2005 bis 2009, Barbara Hendricks seit 2013.

Ein weiteres Beispiel für das Modell "Gefährte": ­Lena ­Daldrup,­ die für Andrea Nahles spricht. Daldrup war zunächst während der Amtszeit der Generalsekretärin Andrea Nahles stellvertretende Sprecherin des SPD-­Parteivorstands, heute ist sie deren Chefsprecherin im Bundes­arbeitsministerium.

Fotos: (1) BMZ, (2) BMBF/Hans-Joachim Rickel, (3) BMEL/photothek.net/Thomas Köhler, (4) Laurence Chaperon, (5) BMVI, (6) BMFSFJ

Es ist eigentlich eine naheliegende Idee: Wer könnte besser mit Journalisten umgehen als ein … Journalist? Der hat den Beruf idealerweise von der Pike auf gelernt, wurde in Interview- und Rechercheseminaren geschult, kann in Überschriften denken und müsste jederzeit wissen, was seinem Gegenüber in der Pressekonferenz durch den Kopf geht.

Ein willkommener Nebeneffekt für die Politiker: Sie müssen nicht lange suchen, denn sie treffen täglich auf potenzielle Kandidaten für diesen Job – bei Pressegesprächen und Interviews. Bei Auslandsreisen ist man schon mal vier, fünf Tage gemeinsam unterwegs und lernt sich kennen.

Im Moment hat etwa die Hälfte der Chefsprecher einen ausgewiesenen journalistischen Hintergrund. Am bekanntesten dürfte Petra Dirollsein, seit 2014 die "Stimme" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie war nach ihrem Volontariat viele Jahre Korrespondentin für den Bayerischen Rundfunk in Bonn und Berlin, zeitweise sogar Vorstandsmitglied der Bundespressekonferenz und damit Repräsentantin der Parlamentskorrespondenten. Ihr Wechsel in die Sprecherszene gestaltete sich zunächst unglücklich: Gerade, als sie 2010 ihren Dienst bei Bundespräsident Horst Köhler antreten sollte, trat dieser überraschend zurück.

Weitere Seitenwechsler: ­Sibylle Quenett(Bildung) war zuvor stellvertretende Chefredak­teurin der "Mitteldeutschen Zeitung", Jens Urban(Ernährung) war Redakteur und Moderator des Privatsenders Radio Charivari, Friederike von Tiesenhausen(Finanzen) war Journalistin bei der "Financial Times" und bei "Capital", Sebastian Hille(Verkehr) war Redakteur und Chef vom Dienst bei der Zeitschrift "Das Parlament", Verena Herb(Familie) war Landes- und Hauptstadtkorrespondentin des Deutschlandradios.

Fotos: (1) Thomas Imo/photothek.net, (2) BMI, (3) BMG, (4), BMJV (5), privat

Der Posten des Sprechers ist bei den Beamten in fast allen Ministerien und nachgeordneten Behörden überaus begehrt. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, dass man viel im Licht der Öffentlichkeit steht. Das schätzen Ministerialbeamte gar nicht so sehr, sie haben es gerne etwas diskreter. Umso mehr reizt sie die unmittelbare Nähe zur politischen Leitung des Hauses, denn das garantiert im besten Falle eine steile Karriere, in der die Rolle des Pressesprechers lediglich ein Etappenziel ist.

Ein aktuelles Beispiel dafür, was im besten Falle aus einem ehemaligen Sprecher werden kann, ist Walter Lindner. Außenminister Sigmar Gabriel holte ihn als beamteten Staatssekretär in das Leitungsteam seines Hauses. Der Jurist und leidenschaftliche Jazzmusiker Lindner war in der rot-grünen Bundesregierung der Sprecher von Joschka Fischer und kam wegen seiner unkonventionellen Art bei den Journalisten sehr gut an. Später wurde er Botschafter, Chef des Krisenreaktions­zentrums und Sonderbeauftragter für ­Afrika. Was den Sprechern mit ministerialem Hintergrund an journalistischen Kenntnissen fehlt, das gleichen sie in bestem Falle mit Insiderkennt­nissen im Ministerium und mit Fachkunde aus. Martin Schäfer, einer von Walter Lindners Nachfolgern im AA, darf das in der Bundespressekonferenz immer wieder beweisen: Geht es um eine knifflige außenpolitische Frage, richten sich die ­Blicke der Regierungssprecher sofort nach rechts, zum Platz Schäfers. Der antwortet meist druckreif, auch bei entlegenen Themen.

Weiterer Insider als Pressesprecher: Johannes Dimroth(Inneres, war vorher unter anderem Referent in der Abteilung Öffentliche Sicherheit und persönlicher Referent der Staatssekretärin Emily Haber), Katja Angeli(Gesundheit; war vorher im Familienministerium und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und Pressereferentin im ­BMFSFJ), Steffen Rülke(Justiz, hatte eine abwechslungsreiche Laufbahn als Rechtsanwalt, CvD des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung sowie als Vize-Sprecher der SPD-Fraktion), Tanja Alemany Sanchez de León(Wirtschaft, kam von den Vereinten Nationen zunächst als Refe­rentin ins Ministerium).

Harald Baumer

leitet seit 2001 das Hauptstadtbüro der "Nürnberger Nachrichten" und unterrichtet an Journalistenschulen und Universitäten. (Foto: privat)