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Zukunft

Transhumanismus: Der neue Politiktrend?

Das humanistische Menschenbild prägte die Entwicklung westlicher Gesellschaften. Doch inzwischen ist der Transhumanismus auf dem Vormarsch. Vertreter dieser neuen ideologischen Strömung beraten westliche Regierungen, Firmen und Entscheidungsträger. Sie streben eine Cyborgisierung des Menschen an. Doch was sind die politischen Folgen?

von Roland Benedikter

Was ist Transhumanismus? Was sind die politischen Folgen dieser neuen, technologiezentrierten Ideologie? Und wie wäre mit ihr von Seiten humanistischer Ansätze ein Dialog über die Zukunft des Menschseins zu führen? Diese Fragen führen unabdingbar in noch umfassendere und tiefere Dimensionen hinein: Wie werden (und wollen) wir in Zukunft leben – als Individuum und Gesellschaft? Wie kann der freie (politische) Wille geschützt werden vor dem Zugriff von zu viel Technologie – und wie viel Technologie ist wünschenswert, um unser Leben zu verlängern und zu verbessern?

Das sind Fragen, die in den kommenden Jahren im Spannungsfeld zwischen Politik und Kommunikation immer wichtiger – und im Dialog zwischen Humanismus und Transhumanismus ins Zentrum praktisch aller Lebensbereiche rücken werden.

Die Technik wird heute auf zweierlei Weise zur politischen Kraft

Erstens, indem sie zur "Transformationstechnologie" wird: zu einer in allen Gesellschaftsbereichen präsenten Logik, ohne die nichts mehr geht und die die Gesamtveränderung der Verhältnisse prägt. Ihrer dabei entfalteten "mikro-politischen" Durchdringungskraft entspricht eine wachsende globalpolitische Rolle, die nicht nur auf Informationskontrolle oder Militär begrenzt ist.

War Technologie bis vor einigen Jahren der Wirtschaftslogik ein- und untergeordnet, so beginnt sie heute damit, umgekehrt aus ihren eigenen Logiken heraus die globalisierte Wirtschaft zu dominieren, etwa in Gestalt der Innovationen aus Silikon Valley. Manche glauben sogar, dass die Technik aufgrund ihres alles durchdringenden Einflusses von einer "Soft power" zu einer "Befreiungstechnologie" werden könnte – so etwa das "Programm für Befreiungstechnologie" (Program on Liberation Technology) der einflussreichen Stanford Universität.

Zweitens wird Technologie seit kurzem aber auch direkt politisch: in Gestalt der Gründung weltweit vernetzter "Transhumanistischer" Parteien. 2014 gründete der Bestseller-Autor Zoltan Istvan in den USA die "Transhumanistische Partei der Vereinigten Staaten" (Transhumanist Party of the USA). Er kandidiert damit bei den Wahlen im November 2016 für das Präsidentenamt der USA.

Gemeinsam mit anderen Technophilen weltweit gründete er etwa zeitgleich auch die Transhumanist Party Global, die zu einem Netzwerk nationaler Transhumanistischer Parteien werden soll: eine Art "Erste Internationale" der Technophilen. Parteigründungen erfolgten 2014 und 2015 unter anderem in Großbritannien (UK Transhumanist Party, UKTP) und Deutschland (Transhumane Partei Deutschland).

Geplant sind Transhumanistische Partei-Cluster auch nach geopolitischen Regionen: Transhumanist Parties North America (TP-NA), South America (TP-SA), Europe (TP-EU), Middle East & Africa (TP-MEA), Northern Asia-Pacific (TP-NAP) und South Asia-Pacific (TP-SAP). Die neuen politischen Partei-Cluster streben mittels demokratischen Wahlen an, was "Transhumanismus" bereits dem Wortsinn nach intendiert: ein "Über den (bisherigen) Menschen hinaus" auf allen Ebenen gesellschaftlich zu fördern, zu ermöglichen und im Endeffekt auch zu verwirklichen.

Transhumanismus als "Human Enhancement": Den menschlichen Körper "verbessern"

Dazu gibt es verschiedene Ansätze. Der wichtigste ist der neue Medizin-, Wissenschafts- und Wirtschaftsbereich "Human Enhancement" ("Verbesserung des Menschen"). Er erzeugt in Verbindung mit der Ideologie des "Transhumanismus" eine für die Zukunft voraussichtlich grundlegende Antithese zum humanistischen Menschenbild, welches die bisherige Entwicklung westlicher Gesellschaften leitete.

"Human Enhancement"-Entwicklungen sind heute unter anderem:

1. die Verschmelzung von menschlichem Körper und Gehirn mit "eindringender" (penetrativer beziehungsweise intrusiver) Technologie;

2. die Cyborgisierung nun auch gesunden Körpergewebes; und

3. die "Vermengung" von menschlicher mit künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence, AI). Führende Wissenschaftler, Intellektuelle und Wirtschaftsführer erwarten (und warnen teilweise auch davor), dass die Künstliche Intelligenz bis 2045 eine Art "Selbst-Bezogenheit" und damit auch eine Grundfähigkeit zu antizipativem Handeln entwickeln wird.

Dieser "multiversale" Trend zur "Hybridisierung" von Mensch und Technologie steht in Gestalt breit und drahtlos anwendbarer "Brain-Computer-Interfaces" (BCI’s) und "Brain-Machine-Interfaces" (BMI’s), die beide Direktverschaltungen des Gehirns mit Computern und Maschinen darstellen, kurz vor der gesellschaftlichen Breiteneinführung.

Führende "Transhumanisten" beraten westliche Regierungen, Firmen und Entscheidungsträger. Sie gewinnen dabei zunehmend die Meinungsführerschaft für eine Überwindung bisherigen Menschseins.

Schritte auf dem Weg in eine "transhumanistische" – und in der Folge möglicherweise auch "transhumane" – Zivilisation

Diese Entwicklungen beginnen heute in ihrer wechselseitigen Befruchtung und im Zusammenwirken der Ideen dazu beizutragen, die öffentliche Debatte technologisch entwickelter Gesellschaften in Richtung einer neuen Beziehung zwischen Technik und Mensch zu beeinflussen – und damit Politik, Technik und Anthropologie von Grund auf neu zueinander zu stellen.

Da Menschenbild und Gesellschaftsform zusammenhängen, wird das damit eröffnete Grundlagen-Spannungsfeld zwischen Humanismus und Transhumanismus eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung spielen. Die Dialektik zwischen Humanismus und Transhumanismus ist beheimatet in (und geht aus von) technologisch innovativen Gesellschaftsbereichen wie Medizin, Mobilität und Wissenschaft.

Sie reicht aber in den Folgen und Effekten weit darüber hinaus in das grundsätzliche Selbstverständnis des Politischen hinein – und zwar jenseits bisheriger Links-Rechts-Dualismen.

So waren der Start des Google-Projekts "Endet den Tod", die Intensivierung der BRAIN-Initiative der USA und der Ausbau der "Singularity University" auf dem NASA-Gelände Moffet Federal Airfield nahe Palo Alto, einer 2008 von Google-Ingenieurschef Ray Kurzweil mitgegründeten Universität, die der Vorbereitung auf das Erwachen der Technik zu Selbstbewußtsein und zum "Dasein als Einzelne" (singularity) gewidmet ist, 2014 und 2015 konkrete Schritte auf dem Weg in eine "transhumanistische" Gesellschaft.

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Führende Universitätszentren wie das – bisher einzige – "Zukunft der Menschheit Institut“ (Future of Humanity Institute) der Oxford Universität, das Fördermittel für die Zukunft des Menschseins von Finanziers und Großsponsoren aus den USA und Europa erhält, darunter aus der globalen Technologie-Wirtschafts-Avantgarde in Silikon Valley, treten aktiv für eine Cyborgisierung des Menschen ein.

Sie wollen nach Möglichkeit auch eine Lebensverlängerung des menschlichen Gehirns unabhängig vom menschlichen Körper (Head-Transplanting, Kopfverpflanzung) und eine Replikation des menschlichen Geistes per computer- und Künstliche-Intelligenz-gestütztem Algorithmensystem (Mind-Uploading – "Verstand-Aufladen" in Computer und Internet) wissenschaftlich und gesellschaftlich durchsetzen.

Die Frage ist allerdings, ob mit dieser "transhumanistischen" Tendenz nicht auch eine "transhumane" Entwicklung in Gang kommt – die sich etwa im Namen der "Transhumanen Partei Deutschland" bereits zum Programm erhebt.

Die Frage nach dem "Ich" wird von einer ethischen zu einer logischen Frage

In den vergangenen Jahren hat sich diese Entwicklung deutlich beschleunigt. Direkte Gehirn-Computer und Gehirn-Maschine-Schnittstellen sind in Medizin, Wissenschaft und Militär bereits Standard. Die Steuerung von Maschinen durch Gedanken (etwa von Rollstühlen) gerät zur Routinerealität, die kurz vor dem breiten Eindringen in den Alltag steht, voraussichtlich auch in Verbund mit dem "Internet der Dinge".

Regierungen sowohl im anglo-amerikanischen (USA, Großbritannien) wie im asiatischen Raum (China, Südkorea) diskutieren die medizinische Cyborgisierung des Menschen auf der einen – und die physiologisch-repräsentative Erforschbarkeit seines Geistes durch "Spiegelung" in Roboter-"Zwillingen" (Japan) auf der anderen Seite. Beides erfolgt immer stärker nicht mehr zu passiv-konservativen, sondern zu aktiv-modifizierenden Zwecken.

Die möglichen Anwendungsbereiche betreffen alle Bereiche der Gesellschaft. Sie sind aufgrund der Globalisierung immer weniger an ethisch-normative, kulturelle oder religiöse Grenzen gebunden. Während Transhumanismus davon ausgeht, "dass Technik Gott ablösen wird" und "Human Enhancement" eine ganz neue Phase körperbezogener Spiritualität auslösen wird (Zoltan Istvan), schwächt die Globalisierung Ethik mittels vergleichender Relativierung in der öffentlichen Diskussion, auch ohne dies ausdrücklich zu intendieren.

Sie führt dabei paradoxerweise zu einer Wiederkehr einer "klassischen" scholastischen Konstellation gemäß dem Motto: "Logik ist die einzig wahre Ethik des Denkens".

Die Dialektik zwischen humanistischem und transhumanistischem Menschenbild wird sich nämlich weniger auf der Ebene "weicher" und appellativer ethischer, sondern eher "scharfer" – und dabei zwischen Inhalt und Akt des Denkens unterscheidender – logischer Argumentationsmuster über die Natur und die wünschenswerte Zukunft des menschlichen "Ich" abspielen.

Dabei wird die Frage nach dem "Ich" als unmittelbar selbstgegebener Tatsache "bewußten Bewußtseins" bei Wechselbindung mit einem physischen Substrat: dem Gehirn, sowie zugleich nach deren "unüberbrückbarem Abgrund" (Colin McGinn) eine wesentliche Rolle spielen.

Der Gesundheitsbereich und der nächste "große zivilisatorische Sprung" ins "Geschäft mit dem menschlichen Körper"

Nach anfänglichem Zögern aus historischen Gründen boomt das Thema nun auch in Zentraleuropa. Hoch technisierte Nationen beginnen sich – zumindest hinter den Kulissen – auf den "nächsten großen Zivilisationssprung" nach jenem von Computer und Internet in den 1990er Jahren vorzubereiten: den Sprung in die künftige Leitindustrie "menschlicher Körper".

Diese wird im Verbund mit Automatisierung und künstlicher Intelligenz die bisherigen Leitindustrien, von denen Deutschland und andere zentraleuropäische Wirtschaftsnationen lebten, noch in diesem Jahrzehnt schrittweise ablösen. Bisherige Autos werden intelligent und fahren von selbst, aber die Sorge um den eigenen Körper und die Verbesserung von Lebensqualität und Lebensdauer werden vorgehen.

Das Motto wird sein: Wenn ich mein eigenes Leben verlängert und meinen Körper – als das mir Naheste und Nächste – verbessert habe, kann ich mir immer noch ein Auto kaufen.

Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Menschen wird im Zeitalter hoch individualisierter "Körperindustrien" (von denen die Idee Apples zur Verbindung des Namens technischer Geräte mit einem "i", wie etwa iPhone oder iPad nur ein schwacher Vorgeschmack gewesen sein wird) zur zentralen wirtschaftlichen und Innovationsfrage.

Sie wird eine zunehmend umfassende Rolle spielen und anthropologisch-menschenkundliche Aspekte nach und nach immer stärker in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte rücken – ob das nun willkommen ist oder nicht, und unabhängig davon, ob die Gesellschaft darauf vorbereitet ist oder nicht.

Der Gesundheitsbereich wird in dieser Entwicklung - neben dem Mobilitätsbereich – eine Vorreiterrolle spielen. Beide Bereiche könnten sich unter dem Eindruck des "Human Enhancement" (menschliche Optimierung) rasch verändern: Vom bisherigen "Heilen des kranken Körpers" (healing) zur "Verbesserung des gesunden Körpers" (enhancement), und vom Transportieren des realen, "schweren" Körpers zur technoiden, "leichten" Stellvertretermobilität.

Dazu kommt eine umfassende Automatisierung, die nach Schätzung internationaler Organisationen wie der OECD und der Vereinten Nationen bereits in den kommenden 10 Jahren mindestens ein Drittel aller bisher von Menschen betriebenen Industrie- und Dienstleistungsarbeitsplätze durch eine Kombination von Maschinen mit Künstlicher Intelligenz ersetzen wird – was den Effekt der technologischem Umwälzung sozial verstärken wird.

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Die Ankündigung der größten Autobauer der Welt, VW und Toyota, massiv in diese Richtung gehen zu wollen, ist nur der erste Schritt in einem bevorstehenden Umbruch, der seinesgleichen sucht und viele gewohnte Muster auf den Kopf stellen wird.

Eine Verschiebung gesellschaftlicher Parameter und Logiken steht bevor

Der Effekt des Zivilisationstrends zu umfassender "transhumanistischer" Technologisierung wird insgesamt gesellschaftspolitisch die Notwendigkeit einer radikalen Verschiebung bisheriger öffentlicher Mechanismen sein. Um beim Automobil-Sektor zu bleiben:

Wenn Menschen durch Maschinen ersetzt werden und die Menschen also kein Einkommen durch Arbeit mehr für sich erwirtschaften, ist es sinnlos, dass die Maschinen die Autos produzieren, weil niemand mehr da ist, der das Geld hat, diese Autos zu kaufen.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Neukonzeption gesellschaftlicher Umverteilung (Redistribution) von Produktionserträgen an die Öffentlichkeit – und möglicherweise auch des Zusammenhangs von Gesellschaft und Individuum insgesamt, wie es der "technoprogressive" (linke) Strang der "transhumanistischen Bewegung", darunter James J. Hughes (Institute for Ethics and Emerging Technologies), Nick Bostrom (Zukunft der Menschheit Institut, Oxford Universität) oder der Präsidentschaftskandidat 2016 der "Transhumanistischen Partei der USA", Zoltan Istvan, für anglo-amerikanische Verhältnisse revolutionär fordern.

Teile der "Transhumanistischen" Bewegung treten unter anderem für ein bedingungsloses Grundeinkommen, allgemein zugängliche öffentliche Gratisbildung und universale Gratisgesundheitsversorgung ein, aber auch für den kostenlosen allgemeinen Zugang zu Technologie und Bildung als grundlegendes Menschen- und Bürgerrecht.

Finanziert werden soll das mit den Produktivitätsleistungen von Automatisierung und künstlicher Intelligenz, die nach Expertenerwartungen in ihrer Kombination deutlich billiger als Menschen produzieren und also größere Überschüsse hervorbringen werden.

Mit dem universalen Technologisierungsschub ist jedenfalls eine Gesellschaftsaufgabe der Umschichtung und Neuordnung beschrieben, wie sie in dieser Dimension ohne Beispiele ist, aber in den kommenden Jahren auf die entwickelten Gesellschaften zukommt. Das macht diesen Schub seiner Natur nach politisch.

Ideen der "Transhumanisten" zur erwarteten Veränderung

Teile der "transhumanistischen" Bewegung lehnen in dieser Konstellation den Begriff "Transhumanismus" als einengend und ethikneutral ab und ersetzen ihn durch den Begriff "Neo-Humanismus". Sie verstehen die – ihrer Meinung nach unausweichlich bevorstehende – Verschmelzung von Mensch, Gesellschaft und Technologie nicht nur im passiven, sondern aktiven Sinn als "Transformationstechnologie", ja als "Befreiungstechnologie".

Die Menschheit sollte – wie von führenden Transhumanisten beim "Weltzukunftskongreß 2045" (Global Future 2045 Congress) im März 2013 in einem offenen Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon programmatisch eingefordert – ihrer Meinung nach alle Hoffnungen auf Technologie setzen, um Hunger und Unterentwicklung, illiberale Gesellschaftsformen, Kriege und Unruhen zu beenden und Gleichheit und Frieden herzustellen.

Indem die Lebensdauer des menschlichen Körpers und Geistes verlängert wird, werden dem Menschen neue Tiefendimensionen von Selbst- und Welterfahrung zugänglich, die ein "anderes", kooperativeres und friedlicheres Politisches hervorbringen könnten, so die transhumanistische Hoffnung.

Dazu gehört auch die Vorbereitung auf die nach Meinung von Wissenschaftlern wie Stephen Hawking (Cambridge Universität) und Großindustriellen wie Elon Musk (Tesla Motors, private Space-X-Raumfahrt) oder Bill Gates (Microsoft, Gates-Stiftung) im Rahmen des bereits begonnenen nächsten Schubs der Raumfahrt (einschliesslich deren Kommerzialisierung) bevorstehende Begegnung mit nicht-irdischem "Leben", sei dieses nun "intelligent" oder nicht.

Zugleich wischen die meisten Transhumanisten im Rahmen der Technik-Mensch-Synthese, die sie als den Kern der weiteren menschheitlichen Entwicklung darstellen, praktisch alles Bisherige an Kultur, Religion und Menschheitsgeschichte als bloße Konstrukte der nun vor der Überwindung stehenden conditio humana vom Tisch. Der Mensch hatte aufgrund seiner Sterblichkeit und grundsätzlichen existentiellen Sorge über Jahrtausende eine "Kultur des Todes" zu pflegen.

Doch die Transhumanisten sind überzeugt: deren Zeit geht nun erstmals in der Geschichte zu Ende. Hatte die Medizin Krankheit und Tod bekämpft und damit ein universalrevolutionäres Projekt des Aufstandes gegen die "natürliche Ordnung" gegen den Widerstand traditioneller Kräfte wie der organisierten Religion begonnen (Paul Unschuld), so glauben Transhumanisten, dass Krankheit und Tod nun in Griffweite sind, ganz "beendet" werden zu können.

Bereits auch nur die Aussicht darauf könnte die menschliche Kultur verändern – und zwar durchaus nicht nur einzelne Kulturbereiche wie Kunst, Spiritualität oder Religion, sondern weit tiefgehender dasjenige, was "Kultur" überhaupt bedeutet (und bedeuten sollte).

Zur radikalen Relativierung aller bisherigen menschlichen Kulturleistung und dem Wunsch nach deren Ersetzung durch Technologie, die Menschen grenzübergreifend angleicht und damit die transhumanistische Hoffnung nach Ende der "Kulturkriege" zwischen Nationen und dem Beginn einer ersten Weltzivilisation mittels Technik hervorbringt, hat paradoxerweise der von Europa ausgehende (De-)Konstruktivismus seit den 1980er und 1990er Jahren mit beigetragen.

Er hat die Illusion jeglichen "Substanzdenkens", einschliesslich desjenigen des menschlichen "Ich", seit Jahrzehnten öffentlich behauptet und das "Konstrukt Ich" im Unbewußten der Gegenwartskultur durchgesetzt.

Das hat auch bei progressiven Humanisten zur unterschwelligen Überzeugung geführt, dass Technik der wesentliche Motor sein wird, eine Weltzivilisation hervorzubringen, da Politik, Religion und Kultur dazu aufgrund ihrer (aus dieser Sicht illusionären) "substantialistischen" Kerne offenbar nicht in der Lage sind.

Der Handlungsbedarf: Der bisher unterentwickelte Beitrag des humanistischen Weltbilds

Humanisten stehen dieser Gesamtentwicklung mehrheitlich skeptisch bis ablehnend gegenüber. Sie befürchten nicht nur den Verlust des bisherigen menschlichen Selbstbildes, sondern auch die Aufhebung ethischer, moralischer, kultureller und humaner Standards.

Wenn sich, so ihre Befürchtung, durch die Universalisierung der Technik das "ausgleichende" Menschenbild von Humanismus und Aufklärung auflöst, und sei dies nur schrittweise oder schnell, könnte dies die Erosion oder gar Abschaffung von Grundpfeilern internationaler Mindest-Übereinkünfte bedeuten, darunter Menschenrechte und Demokratie.

Denn diese gründen sich auf die humanistische Überzeugung vom freien Willen des Ich sowie auf Freiheit und individuelle Souveränität. Das lehnt der libertäre, rechtsliberale Strang der "Transhumanisten" als bloßes kulturelles Konstrukt oder arbiträre Idee. Doch wenn sie fallen, muss sich zwangsläufig auch die Idee des Politischen grundlegend ändern.

Insgesamt ist eine Entwicklung absehbar, innerhalb derer praktisch alle Bereiche der globalisierten Gesellschaft durch den Dialog über die wünschenswerte Zukunft von Mensch, Gesellschaft und Politik im Spannungsfeld zwischen Argumenten des Humanismus und des Transhumanismus bestimmt sein werden.

Die Frage ist, welche Argumente der Humanismus unter dem wachsenden Einfluss des Transhumanismus bereitstellen kann. Da sich die in öffentlich sichtbaren Institutionen organisierten Teile derjenigen Gedankenformen, die sich "humanistisch" nennen, wenigstens teilweise faktisch dem Transhumanismus angeschlossen haben oder in enger Zusammenarbeit mit ihm stehen, ist diese Frage dringlich – auch im Interesse des Transhumanismus, der, wie seine wichtigsten Vertreter wissen und auch zum Ausdruck bringen, Dialektik und Dialog benötigt, um sich weiterzuentwickeln.

Die Strömungen des zeitgenössischen Humanismus müssen:

1. sich stärker als bisher über bereits vorgehende Entwicklungen – und in der Realität stehende – Optionen und Veränderungsansätze am Schnittpunkt zwischen Mensch und Technik informieren;

2. sich begrifflich und konzeptionell mit weit größerem Mittel- und Zeiteinsatz als bisher damit auseinandersetzen;

3. dazu ein eigenständiges Analyse-Instrumentarium entwickeln, organisieren und bereitstellen, was eine Aufgabe der Erneuerung und Neuschöpfung, nicht der bloßen Weiterentwicklung historischer Bestände des Humanismus darstellt;

4. konstruktive, mitgestaltende Kritik in der Öffentlichkeit vorbringen, darunter im Dialog zwischen "identifizierbaren" Gesichtern und öffentlichen Argumentationsformen: es braucht öffentliche Köpfe;

5. ein humanistisches (oder im eigentlichen Sinn "neo-humanes") Menschenbild in der öffentlichen Debatte so darstellen, dass es eine glaubwürdige und realistische, nach Möglichkeit unumgängliche Ergänzung oder – soweit nötig wenigstens in Einzelsektoren – Alternative zu transhumanistischen Entwicklungskonzepten ist;

6. die politische, kulturelle, technologische und öffentliche Sphäre detaillierter unter ausdrücklich zeitgenössischen Fragestellungen bearbeiten und darin Präsenz auch im Sinn einer lebendigen Weiterentwicklung humanistischer Grundideen zeigen;

7. einen konstruktiven, nicht-apokalyptischen Weg in eine Zukunft aufzeigen, die voraussichtlich in jedem Fall stärker als bisher von Technik dominiert sein wird – und der man also mit bloßen "Warnungen vor dem Abgrund" nicht beikommt.

Insgesamt muss es einem zeitgemässen Humanismus darum gehen, den seit der konstruktivistischen, "post-humanistischen" und feministischen Kritik seit den 1960er Jahren bezweifelten und zum Teil auseinandergefallenen Zusammenhang zwischen (politischem) Humanismus und Humanität unter (und in) Zeitbedingungen neu her- und darzustellen, zu bestärken und im Zeichen neuer Entwicklungen wenigstens teilweise auch neu zu fassen.

Ausblick: Was eine zeitgemäße Politik- und Kommunikationsstrategie tun muss

Jedes Politik- und Kommunikationsprojekt "Humanismus, Transhumanismus und die Zukunft des Menschen" sollte dementsprechend folgende Ziele verfolgen:

1. Öffentlich sichtbarer und argumentativ relevanter Beitrag zu einer vernünftigen Gesamtgestaltung der Entwicklung zwischen Humanismus und Transhumanismus.

Da die meisten Menschen auch in den heute technisch hoch entwickelten demokratischen Gesellschaften noch kaum oder wenig Ahnung vom bereits Möglichen, Machbaren oder in Entwicklung Befindlichen haben, sollte als Grundlage für Weiteres zunächst die Entwicklung anhand konkreter Anschauungsbeispiele mit möglichst breiten Bevölkerungsteilen zum Zweck der Aufklärung diskutiert werden.

Das ist eine Kommunikationsfrage, die ihrer Natur nach bereits politisch ist – wie jede Aufklärung. Dabei gilt, dass die meisten Phänomene – wie etwa Gehirn-Computer-Schnittstellen, biotechnologische Hybridprothesen oder Gedankensteuerung von Maschinen – überhaupt erst begrifflich durchdrungen werden müssen, da ihr Charakter "Tiefenambivalenz" oder ein "Jenseits von Gut und Böse" ist, in dem sich in ein und demselben Phänomen scharfe Gegensätze versammeln können.

Man kann zum Beispiel keine Krebsheilung haben, ohne dafür eine Technologie in Kauf zu nehmen, die den Menschen auch zum Monster umformen kann. Wie damit umgehen?  

2. Einbindung von Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft, Technologie- und Erziehungsbereich in eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema. Daraus soll eine öffentliche Debatte hervorgehen, die durch breitestmögliche Beitragsoptionen der Bürger sowohl angeregt wie mitgestaltet wird.

3. Kooperation und Auseinandersetzung mit humanistischen und transhumanistischen Vertretern in Zivilgesellschaft, Institutionen und im (im umfassenden Sinn) Kulturbereich zu einzelnen Problemstellungen  und ihrer möglichen Beiträge für die Gesamtagenda.

Ein besonderer Schwerpunkt sollte bei alledem auf der Aufweisung von logischen Denkfehlern sowohl von Humanismus wie Transhumanismus sowie auf Unzulänglichkeiten und Widersprüchen sowohl in Theorie wie wissenschaftlicher und sozialer Praxis technologischer Innovationsideologien liegen. Darunter sind insbesondere die politischen Programme für die kommenden Jahre, also die konkret relevanten Ideen zur Politisierung des Spannungsfeldes zwischen Humanismus und Transhumanismus.

Die logischen Probleme und Widersprüche betreffen insbesondere die Ich-Problematik, die – in Existenz und Perspektiven – die umstrittenste zwischen den beiden Lagern ist, zugleich aber auch die wichtigste für die Entscheidung von Grundsatzfragen sowohl kognitiver wie empirischer und konzeptioneller Natur.

Fazit

Das Zeitalter des Transhumanismus hat nun auch politisch begonnen. Die Frage ist, welche Rolle der bisherige Humanismus und seine Kernsorge um das menschliche "Ich" darin spielen können. Diese Frage wird die vor uns liegenden Jahre im Gespräch zwischen Humanismus und Transhumanismus prägen.

Roland Benedikter

ist u. a. Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse am Willy-Brandt-Zentrum der Universität Wroclaw/Breslau und Vollmitglied des Club of Rome. Er war Mitautor von zwei Pentagon- und U.S.-Generalstab-White Papers zu Neurotechnologie und Ethik.