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„Traditionell polemisch“

Christine Ockrent ist Geschäftsführerin des TV-Senders France 24 und eine der bekanntesten Journalistinnen Frankreichs. p&k hat sie in Berlin getroffen, um mit ihr über die Rolle der EU in Deutschland und politische Einflussnahme zu reden.

Interview: Johannes Altmeyer

p&k: Frau Ockrent, France 24 ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Warum eigentlich?
Christine Ockrent: Deutschland ist für uns ein komplizierter Markt. Zunächst einmal ist er stark regionalisiert. Gleichzeitig gibt es mächtige deutsche Mediengruppen – für Print und TV. Drittens gibt es etablierte internationale Wettbewerber wie BBC und CNN, die schon länger vor Ort sind als wir. Trotzdem glauben wir, dass wir einen Mehrwert anbieten können – in Form von Informationen über Europa und die EU.

Gemeinsam mit der „Welt“ hat France 24 eine Studie über die Europapolitik veröffentlicht. Ein Ergebnis: Die Deutschen stehen Brüssel skeptisch gegenüber. Sollten die Medien Europa spannender verkaufen?
Wir sind Journalisten, nicht Politiker. Unsere Aufgabe ist es, darüber zu berichten, welche Diskussionen Deutschland zurzeit über Europa führt.

Aber Sie könnten die Berichterstattung gezielt auf EU-Themen lenken.
Ja, natürlich. Trotzdem kann die EU nicht unser einziges Thema sein. Ich bin aber der Meinung, dass wir der einzige internationale Nachrichtensender sind, der überhaupt so viel darüber berichtet. Wir haben mehrere Sendungen pro Woche zu diesem Thema. Auf jeden Fall berichten wir mehr darüber als CNN und BBC.

Was unterscheidet France 24 vom amerikanischen Konkurrenten CNN?
Als Franzosen sind wir näher dran an europäischen Themen. Außerdem senden wir auch in arabischer Sprache.

Welche Rolle spielt in Zukunft die Berichterstattung in der arabischen Welt?
Am 1. Juni haben wir unsere arabische Sendezeit von 10 auf 15 Stunden pro Tag erhöht. Wir berichten über alle möglichen Themen – dazu gehören Nachrichten, aber auch Talk-, Kultur- und Sportsendungen. Wir sind also tatsächlich ein französischer und europäischer Sender, der auf Arabisch sendet. Das scheint mir ganz besonders wichtig.
Wieso?
Wir wollen das Monopol der Berichterstattung nicht den regionalen Sendern überlassen, die häufig genug von ihren Regimes dafür bezahlt werden. Wir wollen unsere Sichtweise auf Arabisch verbreiten. Dazu gehören Inhalte, die unseren Werten entsprechen. Beispielsweise berichten wir über die Rolle der Frau, Erziehung und die Trennung von Religion und Staat; alles Themen, die tief mit europäischen Werten verbunden sind.

Oft werden Auslandssender dafür kritisiert, dass sie – neben Nachrichten – auch die Werte ihrer Heimatländer verbreiten.
Diese Kritik wird natürlich vor allem laut in Staaten, in denen autoritäre Regimes eine Ideologie und ein Programm haben, die stark religiös geprägt sind. Die europäischen Medien haben Jahrhunderte gebraucht, um einen Fundus an gemeinsamen Werten zu entwickeln und sich zu Eigen zu machen. Es kommt darauf an, diese Werte zu schützen und eben auch andere davon zu überzeugen.

Ihr Lebenspartner ist der französische Außenminister Bernard Kouchner. Beeinflusst das Ihre journalistische Arbeit?
Ich moderiere die politischen Sendungen nicht. Ich bin auch nicht diejenige, die an der Spitze der Nachrichtenabteilung sitzt, obwohl ich das jahrelang war. Meine Karriere ist völlig unabhängig von meinem Privatleben verlaufen.

Trotzdem kommt es in Frankreich häufiger zu Kritik an dieser Kombination aus Politik und Medien. Für Sie nachvollziehbar?
Ich bin überzeugt, dass Sie in Deutschland in der Hinsicht völlig tugendhaft sind. Es ist Kritik aufgekommen, das ist richtig. Auch hat es Polemik gegeben – aus unterschiedlich ehrbaren Motiven. Für einen Journalisten kommt es jedoch darauf an, dass er ehrlich arbeiten und unabhängig berichten kann.

Frankreich diskutiert regelmäßig über den Einfluss der Politik auf die Medien. Präsident Nicolas Sarkozy verfügt über zahlreiche Freunde in Verlagen und Sendeanstalten.
In allen Ländern gibt es unterschiedliche politische Kulturen. Richtig ist, dass in Frankreich traditionell polemisch über die Beziehungen zwischen der Politik und den Medien berichtet wird. Die Vorwürfe sind unterschiedlich akut, bleiben aber vor allem eins: Polemik.