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„Tapetenwechsel ist eine gute Sache“

Was müssen Bewerber mitbringen, die in politischen Berufen arbeiten wollen?
Der Personalchef eines Ministeriums, ein Hochschulprofessor und ein Personalberater gehen dieser Frage in einem Streitgespräch nach.

Interview: Sebastian Lange, Johannes Altmeyer

p&k: Immer mehr Hochschulen bieten inzwischen in Deutschland Studiengänge an, in denen die Studenten Politikmanagement lernen können. Herr Professor Anheier, reicht ein Jurastudium nicht mehr, wenn jemand später mal in einem Ministerium, einer Partei oder einem Verband Verantwortung übernehmen will?
Helmut K. Anheier: Nein, das reicht nicht mehr, und das gilt nicht nur im Hinblick auf die Ausbildung in den juristischen Fakultäten, sondern auch mit Blick auf die Lehrpläne in den wirtschafts- oder politikwissenschaftlichen Fakultäten. Die Anforderungen haben sich doch ganz wesentlich geändert. Darauf müssen wir mit neuen Angeboten reagieren.

Welche Fertigkeiten sind denn heutzutage gefragt?
Anheier: Wenn wir die klassische Ausbildung der Juristen betrachten, sind es sicherlich Management-Fähigkeiten, aber auch das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, Verständnis dafür, wie Recht, Wirtschaft und Gesellschaft ineinandergreifen. Für die Wirtschaftswissenschaftler ist mehr Know-How auf den Gebieten Verwaltung und Recht sicher hilfreich. Und auch die Politologen müssen rechtliche Zusammenhänge verstehen und Management-Kenntnisse haben. In diese Lücke stoßen unsere Ausbildungsgänge im Bereich Public Policy.

Brauchen Politikmanager mehr Querschnittsfähigkeiten?
Anheier: Wir leben ja in einem Zeitalter der Spezialisierung, wobei es hier aber zunächst um das Gegenteil geht: Wir brauchen neue Generalisten – was sich vor allem auf ein bestimmtes Lebensalter bezieht, auf eine bestimmte Stufe der Ausbildung. Bei unserem Hauptstudiengang, dem Master of Public Policy, sind die Studierenden etwa 23 bis 28 Jahre alt und erhalten eine interdisziplinäre, internationale Ausbildung, bevor sie sich spezialisieren. Dann geht etwa ein Drittel in die öffentliche Verwaltung, ein Drittel in die NGOs und ein Drittel in die Wirtschaft. Und irgendwann, in den Dreißigern, kommen sie noch einmal an eine Kreuzung und fragen sich, ob sie weiter aufsteigen wollen. Dabei kann eine weitere Ausbildung helfen, die bieten wir mit unserem berufsbegleitenden Executive Master of Public Management an. Diese Kombination aus Spezialisierung und Öffnung halte ich für sehr sinnvoll. Sie ermöglicht nämlich den Blick über den Tellerrand.

Herr Fietz, wie viel Generalist muss man sein, wie viel Spezialist darf man sein, wenn man in Ihrem Ministerium arbeiten will?
Paul Johannes Fietz: Zunächst einmal bin ich mir nicht ganz so sicher, ob Bewerber heute wirklich so gänzlich andere Voraussetzungen mitbringen müssen als früher. Im Zuge der Globalisierung und des digitalen Zeitalters nimmt die Komplexität und Schnelllebigkeit zwar zu, aber der Bedarf an Fachkompetenz und der Fähigkeit zur tiefgründigen Bearbeitung von fachlichen Problemstellungen ist unverändert. Was Bewerber zudem mitbringen müssen, ist in der Tat die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszugucken, sind Team- und Kommunikationsfähigkeit. Zu sehr Spezialist darf man also nicht sein. Im Innenministerium ist es sicher von Vorteil, Jurist zu sein. Dort sind etwa zwei Drittel der Kollegen im Höheren Dienst Juristen. Das bietet eine Garantie dafür, dass man sich nicht zu sehr auf ein Spezialgebiet zurückzieht.

Stünden etwa bessere Management-Kenntnisse unseren Beamten nicht insgesamt ganz gut zu Gesicht?
Fietz: Die Ministerien sollen ja entweder das, was das Parlament vorgibt, umsetzen oder eben die Politik des eigenen Hauses, die dann vom Parlament kontrolliert wird. Für diese Aufgabe ist die juristische Ausbildung eine sehr gute Voraussetzung. Die jungen Kolleginnen und Kollegen bringen darüber hinaus heute im Allgemeinen weitere wertvolle Vorerfahrungen mit, kommen zum überwiegenden Teil aus der Wirtschaft oder großen Kanzleien. Dass man mehr „Politikmanagement“ lernen muss, glaube ich nicht. Das politische Interesse setze ich als selbstverständlich voraus. Und unsere bundeseigene Fortbildungsakademie unternimmt erhebliche Anstrengungen, um die allgemeinen Management-Kompetenzen der Mitarbeiter weiter zu verbessern.

Herr Busch-Janser, welche Erwartungen haben denn Personalverantwortliche in Verbänden an die Bewerber, die Sie ihnen vermitteln?
Florian Busch-Janser: Auch Verbände suchen in zwei Dritteln der Fälle Juristen, weil die Abläufe in hohem Maße auf diese zugeschnitten sind. Andererseits wird aber auch die Öffentlichkeitsarbeit für Verbände immer wichtiger und beeinflusst zunehmend die politische Arbeit. Daher werden plötzlich Kompetenzen abgefragt, die früher von Bewerbern nicht verlangt wurden, etwa der Umgang mit Sozialen Medien. Dasselbe gilt für die Beratungsbranche, die für Verbände und Unternehmen im politischen Raum tätig ist.
Anheier: Die Zivilgesellschaft und die NGOs haben heute in der Öffentlichkeit eine viel stärkere Stimme als früher. Damit gehen in der Tat neue Anforderungen an die handelnden Akteure einher.

Und gilt das dann auch für die Beamtenschaft? Herr Fietz meint ja eher: nein.
Anheier: Wir haben zusammen mit den Universitäten Potsdam und Leipzig eine Studie gemacht, aus der hervorgeht, dass die Reformbereitschaft bei den Spitzenbeamten nicht sehr stark ausgeprägt ist. Das hängt jetzt nicht an den Beamten selbst, sondern daran, dass von der Ausbildung her oft ein bestimmtes Wissen und gewisse Fertigkeiten fehlen. Die Vorteile der traditionellen Verwaltung liegen auf der Hand: Das sind Rechtssicherheit, Stabilität, Objektivität und Unabhängigkeit. Dennoch bleibt ein Defizit an Flexibilität, was den Umgang mit Veränderungen angeht. Da braucht man heute einen anderen Zugang, man muss sich auch mit Management-Modellen befassen.

Und wie lässt sich dieses Wissen in ein Ministerium transportieren?
Anheier: Die Hertie School bietet einen berufsbegleitenden Studiengang an, den Executive Master of Public Management, an dem auch Ministeriale teilnehmen. Dort bringen wir ihnen zum Beispiel Management-Modelle bei, modernes Rechnungswesen und „Change Management“. Auch lernen sie, wie der politische Apparat in Brüssel funktioniert, und wie man mit Lobbyisten umgeht. Es geht allerdings keineswegs darum, dass sie ihre ursprüngliche Ausbildung aus dem Fenster werfen sollen. Wir wollen vielmehr gezielt nachbessern.
Fietz: Das ist auch richtig so, denn natürlich müssen sich unsere Leute weiterentwickeln – das ist aber eine Selbstverständlichkeit. Wir müssen uns allerdings vor Augen führen, unter welchen Parametern wir arbeiten: Die Bundesverwaltung schmilzt. Wir liegen, was die Zahl der Beschäftigten angeht, seit 2002 schon wieder unter dem Stand Westdeutschlands vor der Wiedervereinigung. Unter diesen Bedingungen ist es natürlich schwierig, gute Leute in ein – durchaus sinnvolles – Studienprogramm zu geben. Ich habe unter meinen Nachwuchskräften vielleicht 20, um die sich alle reißen, weil sie einfach die Besten sind. Diese noch einmal ein Jahr zur Hertie School zu schicken, das erfordert auch ein Stück Altruismus. Haushaltspolitisch ist der Stellenabbau erforderlich, er führt aber zu einer enormen Arbeitsverdichtung. Unter diesen Bedingungen muss Fortbildung in besonderer Weise praxistauglich sein: So helfen vertiefte Kenntnisse in „modernem Rechnungswesen“ unter den Bedingungen unseres geltenden Haushaltsrechts – die im übrigen so schlecht nicht sind – wenig.

Herr Busch-Janser, Sie haben viel mit jungen Leuten zu tun, die sich für Politik interessieren. Sind Parteien und die öffentliche Verwaltung für diese noch attraktiv oder interessieren die sich eher für Tätigkeiten in der Wirtschaft, weil es da mehr Geld gibt?
Busch-Janser: Es ist schon erstaunlich, wie viele sich sofort für die Tätigkeit im politischen Umfeld entscheiden würden. Selbst, wenn sie erst einmal in einer politischen Beratungs-Agentur arbeiten, wo sie für 1500 Euro Bruttogehalt ein Traineeship absolvieren. Viele Menschen sind von der Politik und der Nähe zur Macht fasziniert und würden dafür eine lukrative Stelle in der Wirtschaft hintanstellen. Es gibt viele hochqualifizierte Menschen, die wollen partout nicht nach München, Hamburg oder Köln. Die sagen: Nein, ich will nach Berlin. Ich möchte abends auf Empfänge gehen und das Gefühl haben, dabei zu sein. Viele wollen auch für NGOs tätig werden, weil sie finden, dass sie dort etwas gesellschaftlich Sinnvolles tun können. Die Bezahlung ist gar nicht entscheidend, und das gilt doch im Kleinen wie im Großen: Die Kanzlerin verdient ja auch nur einen Bruchteil dessen, was mancher Manager bekommt.
Anheier: Außerdem ist es ja so, dass gerade junge Leute gerne zwischen den Sphären wechseln. Die gehen dann für ein paar Jahre zu einer NGO, bekommen dort zwar weniger Geld, haben aber viel mehr Autonomie. Wenn sie in die Verwaltung gehen, haben sie zwar ein höheres Gehalt, aber weniger Autonomie – und wenn sie in die Wirtschaft gehen, ein noch höheres Gehalt, aber eine höhere Unsicherheit. Darauf wollen wir unsere Studierenden auch vorbereiten.

Ist eine größere Durchlässigkeit zwischen diesen Bereichen sinnvoll?
Anheier: Ja, und ich nenne Ihnen dazu ein Beispiel: Ich habe selbst lange bei der Uno gearbeitet, und das Problem ist, dass die Leute, wenn sie einmal dort angefangen haben, auch bleiben. Dieses System erzeugt eine innere Trägheit. Dem muss und kann man entgegenwirken: Wir wollen ja keine „Rent-Seekers“, die sich ein hohes Gehalt zahlen lassen, ohne dafür tatsächlich Leistung zu zeigen. Wir wollen auch nicht nur die NGO-Apparatschiks, die in politischen Lobby-Gruppen arbeiten, sondern wir wollen einen Austausch. Nicht ausschließlich, aber stärker als bislang.

Unter dem Stichwort Wissenstransfer läuft ja auch das Programm „Seitenwechsel“, bei dem Mitarbeiter aus Unternehmen eine Zeit lang in Ministerien mitarbeiten und umgekehrt. Das Programm stand in der Kritik, weil der Eindruck entstand, dass Lobbyisten im Ministerium ihre eigenen Interessen verfolgen können. Herr Fietz, ist dieser Seitenwechsel eine sinnvolle Sache?
Fietz: Im Prinzip ist er sinnvoll. Was die Transparenz angeht, sind wir im BMI auch in einer guten Position, weil wir kaum in den Verdacht kommen können, dass irgendwelche Interessen vermischt werden. Schwieriger ist es in der Gesundheits-, Verteidigungs- oder Familienpolitik, wo es sehr viele verschiedene Interessengruppen gibt. Für die Leute, die das bei uns gemacht haben, war der Wechsel aber auf jeden Fall eine wertvolle Erfahrung – ein Tapetenwechsel ist immer eine gute Sache.

Welche Erfahrungen bringen Ihre Mitarbeiter dann aus den Unternehmen mit?
Fietz: Es ist unterschiedlich, denn jedes Wirtschaftsunternehmen ist ja für sich ein Solitär, und man merkt: Je größer die Institutionen sind, desto mehr ähneln sie dem, was man gemeinhin als Bürokratie bezeichnet. Was unsere Mitarbeiter in der Wirtschaft machen, kann man wohl als qualifiziertes Praktikum bezeichnen.

Bringen die Leute, die von Unternehmen zu Ihnen kommen, auch frischen Wind ins Ministerium – oder kommen die letztlich gar nicht so sehr zur Entfaltung?
Fietz: Ich glaube, dass sie gar nicht so sehr zur Entfaltung kommen, weil ja tunlichst darauf geachtet werden muss, dass es gerade nicht der eigene Arbeitsbereich der ausgeliehenen Mitarbeiter ist. Am Ende nützt das Programm aber allen, weil sie neue Menschen kennenlernen und neue Erfahrungen machen. Das ist in der Tat eine ganz wichtige Eigenschaft: Die Offenheit, Neues kennenzulernen.

In Deutschland ist die Durchlässigkeit zwischen Wirtschaft und Politik eher geringer als zum Beispiel in den USA. Ist das gut so – oder kann man sich an den Amerikanern ein Beispiel nehmen?
Busch-Janser: In den USA spricht man ja von der „Revolving Door“, also vom Drehtür-Effekt. Das heißt: Jemand geht in die Politik und wechselt nach ein paar Jahren in die Wirtschaft. Meist geschieht das infolge eines Regierungswechsels. Denn im Vergleich zu Deutschland findet in den USA nach Wahlen ein erheblich stärkerer Wechsel der Beamtenschaft statt, weil es dort kein Beamtenrecht wie in Deutschland gibt. Die Möglichkeit, lebenslang in einer Behörde zu sitzen, gibt es dort nicht. So findet dann auch ein viel stärkerer Austausch statt, und dieser birgt Risiken wie Chancen in sich. Ein Beispiel sind die USA daher nicht, die Systeme sind zu unterschiedlich.
Fietz: Unser Beamtenrecht hemmt Wechsel zwar – es ist allerdings moderner, als man jetzt denken könnte. Es gibt viele Länder, zum Beispiel in Asien, die sich speziell für unser Beamtenrecht interessieren, weil es auch unglaubliche Stärken hat wie die Verlässlichkeit und Unabhängigkeit von Regierungswechseln. Denn bei einem Regierungswechsel wird das Land nicht auf den Kopf gestellt. Sie dürfen sich unsere Beamten jetzt auch nicht als zu spießig vorstellen, mit Ärmelschonern und dergleichen. Die sitzen nicht lebenslang in ihren Kämmerchen und stempeln. Die Ministerialverwaltung ist hochambitioniertes Management und sehr, sehr vielfältig.
Anheier: Ich glaube, dass die Ergebnisse der schon erwähnten Untersuchung ganz interessant sind. Wir haben bei den Beamten zwar eine große Skepsis festgestellt, was die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft und den NGOs angeht. Auch sehen deutsche Spitzenbeamte den Budgetdruck als die größte Herausforderung für die öffentliche Verwaltung an, sie beurteilen Gegenmaßnahmen wie Personalabbau, Auslagerung, eine restriktive Ausgabenpolitik und ein stärkeres Controlling sehr kritisch. Es gibt aber auch eine Offenheit gegenüber modernen Management-Methoden.

Herr Busch-Janser, welche Rolle spielt eigentlich ein Parteibuch bei Bewerbungen, ist es hilfreich oder von Nachteil?
Busch-Janser: Ein Bewerber sollte sich jedenfalls nicht extra eins zulegen. Wenn jemand aber ein Parteibuch hat, sollte er es im Lebenslauf auch erwähnen. Es gibt zwar Verbände und Agenturen, von denen man sagt, sie würden einer bestimmten Partei zuneigen, was für Ministerien sowieso gilt. Entscheidend ist jedoch die Frage, wie professionell Arbeitgeber an die Personalauswahl rangehen. Selbst wenn ein Personalentscheider ein Parteibuch hat, aber ein Profi ist, wird er politisches Engagement bei einer anderen Partei im Zweifel gut finden – weil der Bewerber sich überhaupt engagiert hat. Man sollte ruhig mutig sein und Farbe bekennen. Sollte man dadurch Nachteile erleiden, ist man wohl ohnehin nicht der Richtige für den Job. Verwunderlich ist, dass mancher Bewerber im Lebenslauf mitteilt, er habe ein „Praktikum bei einem Abgeordneten im Bundestag“ gemacht. Wenn man nachfragt, warum er nicht den Namen des Abgeordneten dazuschreibt, dann heißt es: Nein, er hätte bewusst auch kein Praktikumszeugnis beigelegt, um nicht parteiisch zu erscheinen. Das ist doch Quatsch.
Fietz: Was Herr Busch-Janser gesagt hat, stimmt absolut. Es ist immer positiv zu bewerten, wenn jemand sich überhaupt engagiert hat.
Anheier: Wir empfehlen unseren Studenten auch, dass sie sich in irgendeiner Form gesellschaftlich engagieren, das kann auch bei Greenpeace oder Amnesty International sein. Zivilgesellschaftliches Engagement ist immer eine sehr gute Ergänzung und oft die Vorstufe zum politischen Engagement.

Paul Johannes Fietz

leitet die Zentralabteilung des Bundesinnenministeriums und ist damit der Personalchef des Hauses. Er ist für die Auswahl und Förderung von Mitarbeitern verantwortlich.

Florian Busch-Janser

ist geschäftsführender Gesellschafter der Personal-Beratungsagentur BJP. Er ist Herausgeber des Karriereportals „polisphere.de“ und Autor von Fachbüchern.

Helmut K. Anheier

ist der akademische Direktor der privaten Hochschule Hertie School of Governance in Berlin. Der Soziologe trat sein Amt im September 2009 an.